Tucker Carlson, der einstige Herold und „Mund“ des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump und seiner Maga-Bewegung, sagt sich wieder einmal los. Nachdem er sich bereits im April mit großer rhetorischer Geste von seinem Freund und Präsidenten verabschiedet hatte – er werde „noch lange davon gepeinigt werden“, Trump zurück ins Weiße Haus geholt zu haben – erklärte er nun im kanadischen Interview-Podcast „Can’t be censored“ mit Blick auf die bevorstehenden Zwischenwahlen im November, er wolle die republikanische Partei „auf keinen Fall“ mehr unterstützen. Ihr Verhalten sei „inakzeptabel, es ist verräterisch, es ist unmoralisch“.Der Bruch der Achse Trump-Carlson ist indes vermutlich viel weniger auf die politische Realität zurückzuführen, die Trump zuletzt mit seinem Angriff auf Iran geschaffen hat. Carlson, dessen Seismograph für Machtbeben äußerst fein eingestellt ist, dürfte sich vor allem daran stoßen, als Präsidenten-Flüsterer an Einfluss verloren zu haben.Er hat mehr als 5,5 Millionen Abonnenten bei YoutubeIn Carlsons Realität kann das für Trump nur schiefgehen: „Also nein, ich bin raus. Und wenn ich raus bin, dann sind sicher auch viele andere raus“, sagte Carlson bei „Can’t be censored“. Und so konzentriert er sich auf seine Paraderolle als Volkstribun und Verkünder unbequemer Wahrheiten (seinem Youtube-Kanal folgen mehr als 5,5 Millionen Abonnenten).Ein gewiefter Taktiker wie Carlson wechselt die Rollen wie andere ihre Softshell-Jacken. „In einer demokratischen Republik speist sich Legitimität aus dem Einverständnis der Wähler. Wer das Land regiert, tut das, weil die Wähler so entschieden haben. Wer aber auf Geheiß eines anderen Staates agiert, der begeht ein schweres Verbrechen an den Bürgern und am System im Ganzen“, dozierte er Anfang Mai in einem langen „Zeit“-Interview.„Ich war nah genug dran am Geschehen in den vergangenen Wochen, und in kaum einem Gespräch ging es darum, wie die USA von diesem Krieg profitieren“, sagte er. Letzteres dürfte zumindest ungewollt deutlich machen, worum es Carlson geht – und worum nicht.Auch die Demokraten will er nicht unterstützenNachdem er Trump vorgeworfen hat, Wahlversprechen zu brechen, wirft er dessen Partei im Podcast nun vor, die Interessen der USA, respektive seiner Bürger, mit Füßen zu treten. Stattdessen orientiere man sich an den Wünschen großer Unternehmen, an Israels Interessen und denen der großen Parteifinanziers.Reden, das ist Carlsons Geschäft. Er ist aber nicht nur ein Meister der großen onkeligen Sonntagsreden (zuletzt gern im hellen, kleinkarierten Karohemd) und des Ungefähren, sondern auch Architekt eines Systems aus unzähligen rhetorischen und karrieretechnischen Hintertürchen: Nein, die Demokratische Partei wolle er „auch nicht unterstützen“, er wisse schlicht noch nicht, was er tun werde, sagte er bei „Can’t be censored“. Das glaubt ihm natürlich niemand, der seine Laufbahn verfolgt hat.Man würde es sich nun gern bequem machen und sagen: Also, wenn eine einflussreiche Figur wie Carlson sich derart aufmerksamkeitsheischend distanziert, dann sind die Tage des Präsidenten Donald J. Trump vielleicht wirklich gezählt. Doch sollte man sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass da bereits eine Menge personifizierter unbequemer Wahrheiten in den Startlöchern hocken, um das MAGA-Erbe anzutreten.Jason Zengerle, Autor des „New Yorker“ und Verfasser der Tucker-Carlson-Biographie „Hated by all the right people“, vermutete im April bereits, dass der Krieg gegen Iran Carlson eine gute Position im Rennen um das Amt des US-Präsidenten im Jahr 2028 verschaffen könnte, „vor allem, wenn der Krieg schlecht läuft. Dann kann er (Carlson) diesen Krieg J. D. Vance anhängen oder Marco Rubio“ und könne „sagen, ‚ich war von Anfang an gegen diesen Krieg. Ich bin der wahre Thronfolger von MAGA‘“, sagte Zengerle im Gespräch mit dem Poynter Institute. Eine kopflose Regierung ist genau das Richtige für Carlsons höchst flexible Auslegung (selbstge)rechter MAGA-Politik.