In einer neuen Debatte über hohe Gewinne der größten Stromnetzbetreiber des Landes hat sich die Bundesnetzagentur gegen Anschuldigungen gewehrt, sie prüfe die Kosten der Unternehmen nicht genügend. „Der Vorwurf der mangelnden Kostenprüfung trifft nicht zu“, schreibt die Behörde auf Anfrage der F.A.Z.: „Die rechtlichen Vorgaben werden konsequent umgesetzt.“Die Vorwürfe betreffen die größten Verteilnetzbetreiber, und sie sind gravierend. Die Unternehmen gehören angeblich zu den profitabelsten des Landes – als natürliche Monopolisten ohne jegliche Konkurrenz und auf Kosten der Stromverbraucher. Von „risikolosen Traumrenditen“ ist die Rede, und von Unternehmen, die mehr Gewinne einstreichen als Siemens Energy, SAP oder Rheinmetall. Zugleich gehe der fehlende Wettbewerbsdruck mit einem Mangel an „ausreichender organisatorischer und technischer Kompetenz“ einher, den Anforderungen der Energiewende gerecht zu werden.In den Raum gestellt hat diese Anschuldigungen vor wenigen Tagen der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE) – und damit eine breite Debatte über die Kosten der Stromnetze, aber auch die Rolle der zuständigen Behörde ausgelöst. „Wer in einem regulierten Monopolmarkt hohe Renditen erzielt, muss mindestens auch bei Netzausbau, Digitalisierung und Kundenservice liefern“, sagt BNE-Geschäftsführer Robert Busch: „Doch während die Netzentgelte für Verbraucher und Unternehmen seit Jahren steigen, hinkt Deutschland bei Netzanschlüssen, der Digitalisierung, der Standardisierung von Netzanschlussprozessen sowie beim Smart-Meter-Roll-out hinterher.“„Es darf keine Traumrendite auf Kosten der Stromkunden geben“Auch Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag und Mitglied im Beirat der Bundesnetzagentur, gibt sich verärgert. „Es darf keine Traumrendite auf Kosten der Stromkunden geben“, schrieb Kellner am Freitag in einem Brief, welcher der F.A.Z. vorliegt, an Netzagentur-Präsident Klaus Müller: „Netzentgelte sollten den Betrieb und Ausbau der Netze solide finanzieren – nicht mehr und nicht weniger.“Die Bundesnetzagentur erlaubt den monopolistisch agierenden Verteilnetzbetreibern vereinfacht gesagt, dass ihre Einnahmen die anerkannten Betriebskosten, Investitionen samt kalkulatorischer Verzinsung und einige Zu- und Abschläge decken. Über die Netzentgelte zahlen letztlich die Stromkunden dafür. Für die laufende Regulierungsperiode gesteht die Behörde den Netzbetreibern auf das anerkannte Eigenkapital eine Verzinsung von 5,07 Prozent zu.Ein lukratives GeschäftDer BNE argumentiert jedoch, dass diese regulatorische Rechengröße mit der Realität wenig zu tun habe. Die tatsächliche Eigenkapitalrendite der 18 größten Verteilnetzbetreiber habe im Jahr 2024 im gewichteten Mittel 30,1 Prozent betragen. Heraus stachen insbesondere die Eon-Tochtergesellschaften Westnetz (45 Prozent), Avacon Netz (30 Prozent) und Bayernwerk Netz (38 Prozent) sowie Netze BW (34 Prozent) und EWE Netz (61 Prozent). Machen sich die Netzbetreiber also auf Kosten der Stromverbraucher die Taschen voll?Dass der Betrieb von Verteilnetzen ein lukratives Geschäft ist, gibt auch die Netzagentur unumwunden zu. In den Jahren 2019 bis 2023 habe die (nicht gewichtete) durchschnittliche jährliche Eigenkapitalrendite von 50 ausgewählten Verteilnetzbetreibern nach Handelsrecht zwölf Prozent betragen, im Geschäftsjahr 2024 seien es 14 Prozent gewesen.Zwei verschiedene GrößenDoch bei der regulierten Eigenkapitalverzinsung, die die Bundesnetzagentur erlaubt, und der Eigenkapitalrendite nach Handelsrecht handelt es sich um zwei verschiedene Größen, erläutert die Behörde. Die erste Kennzahl ist eine regulatorische Rechengröße und beschreibt die behördlich festgelegte Verzinsung des anerkannten Eigenkapitals. Die zweite Kennzahl gibt, wie bei allen anderen Unternehmen, das mit dem eingesetzten Kapital tatsächlich erreichte Ergebnis an.Dies monieren auch Netzbetreiber wie Netze BW, E.ON oder EWE auf Anfrage. Netze BW verweist mit Blick auf die BNE-Argumente auf eine „verkürzte Betrachtung mit wesentlichen methodischen Schwächen“. In der Regulierung würden „beispielsweise Vermögenswerte anders bewertet und über längere Zeiträume fortgeschrieben, was zu einer höheren Eigenkapitalbasis führt“, teilt eine Sprecherin von E.ON mit. Auch EWE Netz spricht von einem „rein buchhalterischen Effekt“: „Hohe Prozentzahlen entstehen zwangsläufig, wenn man aktuelle Erträge auf jahrzehntealte, fast vollständig abgeschriebene Buchwerte bezieht.“Die Krux mit dem BasisjahrDer BNE verurteilt die hohen tatsächlichen Renditen vor allem deshalb, weil aus seiner Sicht die Netzbetreiber mehrere Möglichkeiten haben, sich vor der Netzagentur „arm zu rechnen“ und so einer schärferen Einnahmenbegrenzung zu entgehen. Eines der größten Probleme sei, dass die Behörde oft nur die Kosten in einem einzigen Jahr prüfe – im Fachjargon „Fotojahr“ genannt. Die Netzagentur nimmt dann an, dass der Netzbetreiber in den vier folgenden Jahren Ausgaben in ähnlicher Höhe habe. Die Unternehmen hätten damit einen großen Anreiz, möglichst viele einmalige Kosten im Fotojahr abzurechnen und dann auch in den vier Folgejahren angerechnet zu bekommen, obwohl sie gar nicht anfielen.Doch auch der Netzagentur macht der BNE Vorwürfe. Die Behörde prüfe die „Excel-Tabellen mit vielen hundert Zeilen“ nicht sorgfältig genug, etwa mit Künstlicher Intelligenz. Die Netzagentur wiederum entgegnet, sie betreibe Kostenprüfungen „mit großem Aufwand“ und habe zuletzt die beantragten Kosten um zwei Milliarden Euro gekürzt. Darüber hinaus gibt sie allerdings zu, dass das bestehende Regelwerk „einige Mitnahmeeffekte“ enthalte, die zu höheren Renditen beitrügen und vom Jahr 2029 an im Rahmen einer Netzentgeltreform, des sogenannten NEST-Prozesses, korrigiert würden. Zudem werden vom Jahr 2034 an die Regulierungsperioden von fünf auf drei Jahre verkürzt, sodass die einmaligen Kosten des „Fotojahrs“ nur noch für zwei statt vier ungeprüfte Jahre gezahlt werden.Andreas Jahn von der Denkfabrik RAP, der sich schon jahrelang mit der Regulierung der Stromnetze beschäftigt, findet es „wichtig und richtig“, dass der BNE bei den Renditen der Netzbetreiber nachbohre: „Wir haben da schon lange ein Transparenzproblem.“ Für das vergangene Jahr hätten die Regulierer nur für knapp die Hälfte aller VNB die jeweiligen Erlösobergrenzen veröffentlicht. So seien deren Zahlen nur schwer zu überprüfen. Oft seien auf kommunaler Ebene munter Kosten hin- und her- und in die Netzentgelte geschoben worden, die mit den Netzen gar nichts zu tun hätten. Zudem befänden sich 90 Prozent aller Netzbetreiber mit der Kostenprüfung in einem vereinfachten Verfahren, in dem nicht individuell geprüft und damit wohl „sehr viel einfach grob durchgewunken“ werde.Hohe Gewinne bei schlechter Leistung?Die Netzagentur hat sich auch hier – in der Kontrolle der Qualität – Besserung auf die Fahnen geschrieben. Durch die NEST-Reform soll das neue Element „Netzleistungsfähigkeit“ geschaffen werden und damit künftig ein besonderes Augenmerk auf „Energiewendekompetenz und Digitalisierung“ liegen. Mit Blick auf die vielen Beschwerden über Westnetz hatte Netzagenturchef Müller zuletzt beklagt, Kunden fühlten sich „zunehmend hilflos“. Die Behörde nehme die Probleme „sehr ernst“.