Als ich um sechs Uhr morgens den Reißverschluss des Zelts aufziehe, gleißt die Sonne über die glatte Ostsee. Golden leuchtet sie die gestuften, von Gletschern glatt geschmirgelten Felsplatten aus, auf die das klare Meer schwappt. Also raus aus dem Schlafsack und erst mal schwimmen.Für viele dürfte das Amphitheater mit Meerblick der schönste Ort sein, wo sie jemals zelten. Für Andreas Söderback ist es Alltag. „Mehr als einmal komme ich mit keinem Stammgast hierher“, sagt der dreißigjährige Kajakguide. Warum auch? Sein Revier, der Sankt Anna Schärengarten rund 200 Kilometer südlich von Stockholm, ist ein Labyrinth aus 6000 Inseln. Und auf jeder Tour will Söderback ein anderes Eck erkunden.
Um in dreieinhalb Tagen möglichst viel von der Inselwelt zu sehen, paddeln wir eine große Runde. Und um genug Energie dafür zu haben, stopften wir im Basislager neben Klappspaten und Campingstuhl, Isomatte und Zelt mehrere Kühltaschen mit Vorräten in die Staufächer. „Gut zu essen ist mir wichtig“, sagt Söderback. Der Dreißigjährige stammt von der finnischen Küste, aus einem Städtchen der schwedischsprachigen Minderheit. Bevor er Guide wurde, kochte er in Hotels und Restaurants. Mit dem roten Wallebart könnte er aber auch einen Zwergenkrieger in einem Tolkien-Film spielen. Seine zweijährige Ausbildung als Outdoor-Guide umfasste alles von Klettern über Mountainbiken bis zu Skitouren. „Auf den Lofoten trainierten wir in hohen Wellen, Gekenterte zu retten“, erzählt Söderback – „und mit dem Kajak zu surfen.“Zeltplatz mit Aussicht: Auf Ufallsö zeltet man direkt am Meer.Florian SanktjohanserBeruhigend zu wissen. Denn der Wind bläst stark in diesen Tagen, und auf der ersten Etappe rollen die Wellen von der Seite heran. Dennoch gleitet mein Kajak stabil durchs Wasser – auch weil es schwer beladen ist und so tiefer im Wasser liegt. Söderback fährt ein schmal geschnittenes, leichtes Fiberglaskajak, ich sitze im robusten Plastikkajak. Zu Recht: Bald schlägt mein Paddel auf den ersten Felsen, einige Male werde ich über Untiefen schrammen.Baden, Angeln, LesenBesitzer größerer Boote meiden den Schärengarten, zu seicht und tückisch ist das Meer. Für Kajaker dagegen ist er ein Traum. Ungestört paddeln wir vorbei an Felsufern, die rosa-grau marmoriert oder mit orangefarbenen Flechten gesprenkelt sind, als hätte ein Feinschmecker-Troll Currypulver drüber gepustet. Mit ein wenig Phantasie sieht man schlafende Drachen oder den gerillten Bauch eines Buckelwals, in stabiler Seitenlage.Am Ufer wachsen Schilf und Sumpfbinsen, Heide und Farne, auf den steilen Hügelchen ein lichter Wald aus Kiefern, Birken und Eichen. Graureiher und Schwärme von Kormoranen flattern vor uns auf, zwei junge Adler mit weißen Schwanzfedern umkreisen sich, jagen dicht übers Wasser und landen lässig auf Baumwipfeln.Mehr als die Hälfte des Archipels ist als Naturreservat geschützt, die Bauvorschriften sind streng. Ganze Inselgruppen sind deshalb unbewohnt, die wenigen Ferienhäuser werden seit Generationen in den Familien weitergegeben. Ihre Besitzer kommen zum Baden, Angeln, Lesen. „Es geht in diesem Archipel nur ums Entspannen“, sagt Söderback. Viele Schweden kommen spontan, wenn das Wetter schön ist. An einem Strand liegen blaue Leihkajaks, hellblonde Kinder hüpfen über die Felsen. Sogar Familien mit kleinen Kindern blieben oft eine Woche draußen auf den Inseln, sagt Söderback.Die Felsen des Archipels wurden von kilometerdicken Gletschern geschliffen und poliert.Florian SanktjohanserSeekajaken gehört zu den sanftesten Spielarten des Tourismus, aber nicht alle Paddler befolgen die Etikette. In der Ferne sehen wir die verkohlten Baumstümpfe einer Insel, wo vor Monaten ein Lagerfeuer einen Waldbrand entzündete. In trockenen Sommern werde das ein zunehmendes Problem, sagt Söderback.Und natürlich kommen nicht nur Kajaker hierher. Als wir eine Wasserstraße queren, treibt Söderback zur Eile an. In der mit grünen Stangen markierten Rinne tuckern Motor- und Segelboote vorbei, zwei Jetskis überholen uns röhrend. Auch in der Felsbucht von Kupan liegen zwei Motorboote. Das Eiland ist bekannt für seinen Hügel, den ein drei Meter hoher Steinturm krönt. Schon vor 200 Jahren haben ihn Seeleute angepeilt, heute zieht er Urlauber wegen der Aussicht weit über die Inselwelt an.Die Urlauber verteilen sich in dem weitläufigen LabyrinthNatürlich ist im Juli hier mehr los, wenn ganz Schweden Sommerferien hat. Aber selbst dann verteilen sich die Urlauber in dem weitläufigen Labyrinth. Damit das so bleibt, empfiehlt Söderback weder Routen noch Schlafplätze – „sonst würden alle dorthin paddeln“.Missjö wäre so ein Standardziel. Bisher aber tasten sich nur Eingeweihte zwischen den alten Motorbooten hindurch und ziehen ihre Kajaks auf die Wiese vor dem falunroten Holzhaus, das halb von Efeu eingewachsen ist. Daneben stehen ein alter Traktor und ein Schneemobil, Liegestühle und ein Pavillonzelt. Sogar zwei Jacuzzis gibt es, für die Firmenausflüge, die Mats und Angela Södling hier regelmäßig unterbringen.Das Leben auf Harstena verläuft gemächlich.Florian SanktjohanserMats Södling, 69, ist auf Missjö geboren. Seine Großeltern lebten schon hier, hatten ein paar Kühe, Schweine und Hennen. „Das Fischen ist viel schlechter als vor zehn Jahren“, sagt er. Trawler mit großen Netzen ziehen viel aus dem Meer, zudem haben sich gefräßige Kegelrobben und Kormorane stark vermehrt.Ihr rustikales Restaurant öffnen die Södlings nur noch für besondere Gäste. So wie die Großfamilie aus Stockholm, die mit Söderbacks Bruder Thomas eingekehrt ist und schon zum zwölften Mal hier paddelt. „Es gibt kein besseres Revier“, sagt ihr Patriarch bestimmt.Aus großen Töpfen laden wir uns geräucherten Gänsesäger in Pfeffersoße, Kartoffeln und Salat auf die Teller. Den Wasservogel hat ein Gast auf einem Jagdausflug geschossen, ein weiteres Exemplar hängt ausgestopft neben anderen Tieren und allerlei Tand an der Holzwand. Auf den Inseln gebe es Wildschweine und Rehe, erzählt der Hausherr. Einmal habe er sogar einen Elch erlegt.Satt und entspannt paddeln wir weiter, erkunden Insel für Insel, Bucht für Bucht. Bis wir endlich einen Platz finden, der Söderbacks Ansprüchen genügt: flache Felsen, um die Kajaks hochzuziehen, auf den Klippen genug ebene Fläche für zwei Zelte – und kein Mensch in Sichtweite. „Das ist mir als Finne wichtig.“Ums Ufer wabert eine gelbgrüne Algenmähne, aber das Wasser ist klar. In Badehose und Neoprenfüßlingen tapsen wir vorsichtig hinein, waschen mit biologisch abbaubarer Seife den Schweiß ab und tauchen unter. „Hinterlasse nichts als deine Fußstapfen“, sagt Söderback, diesem Lehrsatz folge er strikt. Spülwasser kippt er ins filternde Moos statt ins Meer. Selbst Steine, die jemand auf einem Plateau zum Befestigen der Zelte liegen ließ, stören ihn.Ein spaßfreier Asket aber ist Söderback nicht. Was er fürs Dinner aus den Kühltaschen zaubert, wirkt in der Wildnis fast dekadent. In der Pfanne über dem Campingkocher brät er panierten Zander, dazu gibt es hausgemachten Kartoffelsalat. Und Käsekuchen als Dessert.Die besten Zimtschnecken der GegendAuch unser Abstecher nach Harstena im südlich anschließenden Archipel Gryt ist kulinarisch bedingt. Die Bäckerei dort soll die besten Zimtschnecken weit und breit haben. Grund genug, um zwei Stunden frontal gegen die Wellen anzupaddeln. Rhythmisch taucht der Bug ins Meer, Wellen schwappen über den Spritzschutz. Kabbelige See, aber offenbar nichts, was die vorbeidümpelnde Schwanenfamilie aus der Ruhe bringt.Bei Mats und Angela Södling gibt's Kuchen mit selbst gepflückten Beeren zum Dessert.Florian SanktjohanserAls wir endlich in den Hafen von Harstena gleiten, lasse ich erschöpft das Paddel sinken. Ein Ausflugsdampfer hat gerade angelegt, ein kleiner Schwall Touristen läuft über den Kiesweg an den falunroten Holzhäusern mit weißen Sprossenfenstern vorbei. Manche Häuser sind Hunderte Jahre alt. Überall blühen bunte Blumen, eine Seniorin in Pink kurvt energisch mit ihrem Aufsitzmäher über den Rasenplatz in der Dorfmitte, ein Mann mit weißem Ahab-Bart lädt Vorräte vom Anhänger, die das Postschiff gebracht hat.Zehn Menschen leben ganzjährig in dem Dörfchen, das wirkt wie ein Bullerbü-Themenpark. Im Sommer aber quartieren sich Hunderte in den Ferienhäusern ein. Es gibt einen Laden und ein Restaurant, einen Kunsthandwerker und ein Museum. Und die berühmte Bäckerei. Von ihren Picknicktischen überblickt man den Dorfweiher mit seinen roten Teichrosen. Die Zimt- und Mandelschnecken schmecken tatsächlich herausragend, und der Kaffee gibt fast ebenso viel Schwung wie der Rückenwind, der uns die kommenden Stunden nordwärts anschiebt.Mit halber Kraft fahren wir nun doppelt so schnell, übermütig versuche ich, die Wellen zu reiten. Über dem Festland stauen sich dunkle Wolken, hier draußen aber scheint die Sonne – wie so oft. Bald paddeln wir durch die flachen äußeren Schären, auf denen nur noch bleiches Gras, Heide und krumme Zwergbirken wachsen – aber viele Seevögel nisten.Rot-gelbe Schilder zeigen unübersehbar an, welche Inseln als Vogelschutzgebiet tabu sind. Bis Ende Juli, bei manchen sogar bis Mitte August soll man 100 Meter Abstand vom Ufer halten. Im Spätsommer aber sind diese Verbote passé. Die meisten Küstenseeschwalben sind ausgeflogen, nur ein paar Nachzügler flattern über uns und kreischen. „Sie greifen sogar Adler an, um ihre Nester zu schützen“, sagt Söderback. „Manchmal schießen sie wenige Zentimeter über unsere Köpfe hinweg.“Die äußeren Schären sind die jüngsten Teile der Inselwelt, die sich nach dem Abtauen der gigantischen Gletscher aus dem Meer erhoben hat. Die Landhebung geht bis heute weiter, mit zwei bis drei Millimetern pro Jahr. Der bis zu 20 Kilometer breite Archipel schiebt sich so immer weiter in die Ostsee hinaus. Das Land hebt sich, weil das immense Gewicht der Gletscher weggefallen ist, das die Erdkruste in den Erdmantel drückte.Vom Hügelchen der Inseln Kupan hat man einen grandiosen Rundblick über den Archipel.Florian SanktjohanserStill gleiten wir durch das Gewirr von Inselchen und Felsbänken. Manche Passagen sind so eng und seicht, dass wir vorsorglich das Ruder hochziehen – und sogar Söderback einmal aufsitzt. Ab und an sehen wir winzige Hütten, einige halb verfallen. In ihnen schliefen früher Fischer, wenn sie auf den äußeren Schären angelten. Tisch und Stuhl, Bett und Ofen, mehr steht nicht drin. Manche würden bis heute benutzt, sagt Söderback.Auf Urlauber wirkt der Archipel wild und ungezähmt, tatsächlich aber paddeln wir durch eine uralte Kulturlandschaft. Schon zur Steinzeit lebten Menschen auf den Inseln, die fischten, Robben und Seevögel jagten, Eier und Daunen sammelten. In der Neuzeit bauten sie Roggen und Gerste an, hielten Rinder und Schafe. War eine Insel abgeweidet, wurde das Vieh per Boot auf die nächste übergesetzt. So halten es manche Bauern bis heute und zügeln damit die Verbuschung der artenreichen Wiesen.Aspöja, eine Insel mit GeschichteAspöja ist eine der 15 Inseln, die noch dauerhaft bewohnt sind. In den Dreißigern lebten hier 130 Menschen, bis 1966 gab es sogar eine Schule. Im Dorfmuseum zeigen Schwarz-Weiß-Fotos den harten Alltag der Bewohner. In Kajaks aus festem Stoff harpunierten sie, im Winter zogen sie mit langen Holzstangen Netze unters Eis. Und sie ruderten in kleinen Holzbooten, in Anzug, Rock und Bluse.Heute leben 25 Bewohner ganzjährig in dem weit verstreuten Dorf. Trockensteinmauern, die einst Felder und Weiden trennten, verfallen und sind von Moos und Stäuchern überwuchert. Einige Bewohner aber stemmen sich gegen den schleichenden Exodus – so wie Helen Forsman mit ihrem Hofrestaurant.Die Bar auf der Terrasse ist aus alten Aalkisten gezimmert, übers Geländer schaut man hinaus auf eine Weide und grasende Schafe, ein paar Schweine dösen im Schlamm. „Alles Fleisch auf der Karte ist von unseren Tieren“, sagt Forsman, 54. Ihre Familie lebt seit neun Generationen auf der Insel, alle Vorfahren waren Bauern und Fischer, manche verdienten nebenher als Lotsen Geld.Abends brät Andreas Söderback panierten Zander überm Gaskocher.Florian SanktjohanserVor acht Jahren startete Forsman im Haus ihrer Mutter ein Café, bald bot sie auch Fischgerichte – und Burger, die ihre Spezialität wurden. Ihre Tochter arbeitet in der Küche, an guten Tagen verkaufen die beiden 50 Burger an Ausflügler, Segler und Paddler. Es gibt Lammburger mit Shrimpsalat, Beefburger mit Trüffelmayonaisse und Blauschimmelkäse, aber auch veganen Bohnenburger mit Mango-Chutney.Zum Verdauen spazieren wir durch lichten Eichenwald zur Nordspitze, wo das Naturreservat Alnholm eine zwei Milliarden Jahre alte geologische Anomalie schützt. Der Marmor ist hier zu tiefen Rillen im härteren Vulkangestein erodiert, zusammen formen sie lachsfarbene und weiße, gelbe und schwarze Wellenlinien und Kringel. Gleich nebenan gäbe es einen schönen Badeplatz, aber die Zeit drängt. Und für den langen Rückweg sind neun Meter Wind pro Sekunde angekündigt, genau auf der Nase. „Kein Problem“, sagt Söderback. „Wir werden uns im Windschatten von Insel zu Insel hangeln.“ Dass uns dazwischen der Wind fast den Hut vom Kopf bläst – geschenkt. Gehört alles zum großen Schären-Abenteuer.












