Clive Davis war kein Musikproduzent in dem Sinne, wie man es beispielsweise über Phil Spector oder Quincy Jones sagen konnte. Aber Davis hatte ein erstaunliches Gespür für Hits, und das hat ihn zu einem der einflussreichsten Menschen der amerikanischen Popmusik gemacht, über Jahrzehnte hinweg.So einflussreich, dass die Musiker über ihn Anekdoten erzählten oder ihn gar in Liedtexten erwähnten: Die kalifornische Hippieband Grateful Dead, die Davis schon seit den Sechzigerjahren im Auge hatte, als er noch Chef von Columbia Records und sie noch bei Warner Brothers unter Vertrag war, konnte er später überzeugen, zum von ihm gegründeten Label Arista zu wechseln. Die Gruppe änderte daraufhin eine Songzeile von „We used to play for silver, now we play for life“ zu „We used to play for acid, now we play for Clive“. Und deren Gitarrist Bob Weir sagte einmal über Davis, der sei der einzige Anzugträger, dem sie vertrauten.Mehr als eine Dylan-KopieDavis wurde 1932 im New Yorker Stadtteil Brooklyn in eine jüdische Familie geboren. Er studierte Jura, wurde 1960 Angestellter bei Columbia Records und stieg 1967 zum Chef der Plattenfirma auf. Sein erstes „großes Signing“ für sie war Janis Joplin, die er beim für die Ära stilprägenden Monterey Pop Festival auf der Bühne gesehen hatte. Angeblich bot sie ihm bei Vertragsabschluss Sex an, um die Sache persönlicher zu machen; er habe dies als Kompliment verstanden, aber abgelehnt, erzählte Davis einst dem „Guardian“. Und während man bei Columbia trotz Stolz auf den dort vertretenen Bob Dylan schon nach dem „nächsten Dylan“ suchte, sah Davis in Bruce Springsteen, den er 1972 unter Vertrag nahm, mehr als nur eine Dylan-Kopie: auch dies der Beginn einer großen Karriere, Springsteen ist dankbar bis heute.Die Formulierung, Davis sei der „Entdecker“ später berühmter Musiker gewesen, ist freilich etwas verkürzt. Denn es gibt im Pop-Geschäft noch viele Zwischenglieder in Gestalt von Managern und eben Produzenten in engerem Sinne, die Studioarbeit leisten und dabei künstlerische Werke mitgestalten. Auf seine Weise, im persönlichen Umgang und Repertoire-Auswahl, hat Davis sie aber auch oft mitgestaltet.Eine besondere BeziehungDer Mogul, der mehrere eigene Labels gründete, hatte ein vertrauensvolles und von Geduld geprägtes Verhältnis zu Musikern. So besiegelte er viele Verträge, die umgekehrt seinen Ruhm mehrten: darunter mit Carlos Santana, Pink Floyd, Aerosmith, Electric Flag, Blood, Sweat & Tears, Barry Manilow, Billy Joel und später Alicia Keys. Während er manches Gesamtwerk eng kuratierte, ließ er zum Beispiel Patti Smith totale künstlerische Freiheit, wie diese einmal betont hat. Eine besondere Beziehung hatte Davis zu Whitney Houston, die er erstmals in einer Kirche singen hörte, als sie 19 Jahre alt war.Für ihren Aufstieg war Davis maßgeblich verantwortlich: Er nahm sie bei Arista unter Vertrag und ließ ihr, wie berichtet wird, absichtlich zwei Jahre Zeit, um die richtigen Songs und Produzenten für ihr Debüt zu finden. Das wurde dann 1985 ein Riesenerfolg; insgesamt sind von Houston bis heute rund 220 Millionen Tonträger verkauft worden. Davis hielt sie neben Aretha Franklin und Barbra Streisand für eine der größten Popsängerinnen aller Zeiten und nahm ihren gesundheitlichen Niedergang und frühen Tod 2012 schwer. Bei der Grammy-Verleihung am Tag danach zeigte er sich am Boden zerstört, sagte aber auch, es sei wohl in ihrem Sinne, dass die Show weitergehen müsse. Nun ist Clive Davis im Alter von 94 Jahren in New York gestorben.