Schülerin Mozarts – welch ein Ehrentitel! Er sichert seinen Trägerinnen bis heute einen Platz in den Biographien des Salzburgers. Zu Lebzeiten des Komponisten hat wohl keine von ihnen einen Gedanken an diese postume Bekanntheit verschwendet. Beispielsweise Marie-Louise-Philippine de Bonnières de Guînes. Mozart unterrichtete die 1759 geborene Adelige für einige Zeit in Paris, wo er sich seit Ende März 1778 aufhielt. Wer mochte ihn bald nach seiner Ankunft für die Unterweisung der Tochter des Duc de Guînes empfohlen haben, eines Diplomaten, der zu den einflussreichen Favoriten der Königin Marie Antoinette zählte und das Amt des Gouverneurs d’Artois innehatte? Zu denken ist an den Schriftsteller und Diplomaten Friedrich Melchior Baron von Grimm, einen alten Bekannten der Mozarts aus Zeiten des ersten Paris-Besuchs 1763/64.Die tadellos erzogene Marie-Louise-Philippine brillierte auf der Harfe. Auch fürs Komponieren zeigte sie Anlagen. Grund genug für den stolzen Vater, der als leidenschaftlicher Amateur auf der Flöte glänzte, ihr einen fähigen Lehrer an die Seite zu stellen. Zu weit sollte die Unterweisung nicht gehen: „Keine grosse Componistin“ sollte er aus ihr machen, sondern lediglich eine, die „grosse Sonaten für ihr instrument“ und für die Flöte zu schreiben befähigt sei. Die Schülerin zweifelte selbst „aber starck ob sie auch genie zur Composition“ habe. Diese Selbsteinschätzung teilte Mozart bereits nach der ersten Unterrichtsstunde. Eigene Ideen und Gedanken fehlten ihr leider, so das Urteil, da werde „man alles mit kunst thun müssen“. Trockene Übungen in Harmonielehre statt begeisterte Höhenflüge im Reich der Phantasie.44 Seiten in einem Heft – mit Eintragungen MozartsWas 248 Jahre lang auf der historischen Hinterbühne eines kurzen Briefberichts an den Vater Leopold schlummerte, steht dank eines bemerkenswerten Quellenfunds jetzt schlagartig vor weit aufgerissenem Vorhang an der Rampe. Im Februar 2026 nahm François-Pierre Goy, der für die Sammlungen aus der Zeit vor 1800 in der Musikabteilung der Bibliothèque nationale de France (BnF) zuständige Kurator, ein anonymes, unbetiteltes Notenheft aus dem späten 18. Jahrhundert in die Hand. Das Manuskript war im Mai 1794 in der Residenz des Duc de Guînes an der Rue de Varenne beschlagnahmt und in die Bestände der Bibliothek aufgenommen worden. Was dem erfahrenen Sachverständigen in die Augen stach und sich rasch bestätigen ließ: In dem 44 Seiten umfassenden Heft hatten zwei Hände Eintragungen vorgenommen, von denen eine Mozart gehörte.Detail aus dem wiederentdeckten Autograph der Bibliothèque nationale de France in Paris, das zu den Unterrichtsmaterialien Mozarts in Paris 1778 gehörteAFPDanach bedurfte es nur noch wenig Spürsinns, um das Konvolut als Dokument des Unterrichts zu identifizieren, den Mozart von April bis Juli 1778 seiner vornehmen, übrigens 1795 verstorbenen Elevin erteilt hatte. Dass die Lektionen bereits nach einem Vierteljahr abgebrochen wurden, lag an der standesgemäßen Vermählung von Marie-Louise-Philippine mit Armand Charles Augustin de la Croix, Marquis des Castries. Mozart grämte sich darüber nicht, im Gegenteil, war er doch längst über die Familie de Guînes verärgert. Auf das vereinbarte Stundenhonorar wartete er zu diesem Zeitpunkt nämlich ebenso wie auf die Vergütung für das in Auftrag gegebene Flöten-Harfen-Konzert C-Dur KV 299. Von angemessener Achtung vor seinen Leistungen zeugte das nicht.Unterricht bei Mozart, gleich ob in Klavier oder Komposition, bedeutete für Lehrer wie Schüler eine Herausforderung. Wenn Leopold den Sohn mahnend fragte, ob er wohl meine, „alle Leute“ hätten „sein Genie“, dann traf er damit den entscheidenden Punkt seiner pädagogischen Bemühungen. Musikalisch vermochte Mozart alles, nur schwer aber sich vorzustellen, welche Distanz er mit seinem unerreichbaren Können zu anderen schuf. So vermeintlich bescheiden die vom Duc de Guînes formulierten kompositorischen Ziele für seine Tochter daherkommen, ist in Rechnung zu stellen, dass auch Entwurf und Niederschrift von Sonaten für Flöte und Harfe im galanten Stil keine Petitesse darstellen.Mozarts Vorgehen im Unterricht nahm darauf Rücksicht und praktizierte ein modulares Modell. Er komponierte einen kurzen Einstieg, den die Schülerin passend ergänzen sollte. Oder die Aufgabe lautete, eine von ihm gegebene Melodie der Vorlage folgend zu variieren. Außerdem berücksichtigte Mozart die enge Vertrautheit der Herzogin mit der Harfe, böten doch, so vielleicht seine Hoffnung, eingeübte Spielfiguren und Griffe Abhilfe beim Mangel an Einfällen. Überhaupt waren ästhetische Skrupel fehl am Platz, worauf Leopold hinwies – die Schülerin solle ruhig stehlen, wenn ihr Eigenes nicht zu Gebote stünde. Dass im Übrigen auch Menschen mit „sehr viell Talent“, das Mozart seiner Schülerin zumindest anfänglich nicht absprach, zum Lernen Zeit benötigen, kam Mozart von selbst nicht in den Sinn.Allen Begrenzungen zum Trotz ging er mit Eifer an die Sache. Was würde Marie-Louise-Philippine mehr anspornen als Musterstücke aus seiner Feder? Sonaten, die er dem Duo aus Vater und Tochter in die Finger schrieb, würden ihr vor Augen und Ohren stellen, wie sie kompositorisch im Genre zu Werke gehen könnte. Das Kalkül ging bei der Adressatin zwar nicht recht auf, doch dadurch wird der Nachwelt heute eine völlig unerwartete Begegnung mit öffentlich nie gehörten Kompositionen Mozarts für eine klanglich aparte Besetzung beschert.Sie lenken die Aufmerksamkeit nicht allein auf den Komponisten, sondern gleich auf mehrere Themen. So erlebte die Harfe im Frankreich des 18. Jahrhunderts einen mächtigen Entwicklungsschub. Vor allem die Konstruktion eines Pedals und die Erweiterung von Saitenzahl und Tonumfang eröffneten neue musikalische Möglichkeiten. In der höfischen Gesellschaft verhalf Königin Marie Antoinette der Harfe als Dameninstrument zu enormer Popularität.Längst etabliert hatte sich die flûte traversière, die Querflöte, die gerne von männlichen Standespersonen geblasen wurde. Der ehrgeizige Duc de Guînes huldigte mit seiner entsprechenden Liebhaberei jedoch nicht einfach einer Mode, sondern fiel mit einem Instrument seinerzeit ausgesprochen seltener Bauart auf. Erworben hatte er es während seiner Amtszeit als Botschafter in London Mitte der 1770er-Jahre. Seine Flöte reichte einen Ganzton weiter nach unten als üblich, endete somit nicht beim eingestrichenen d, sondern beim c. Diese extravagante Möglichkeit wird in den sechs Werken oder Sätzen für die Duobesetzung genutzt, die im Unterrichtsheft enthalten sind.Da die Schriftanteile in den Partituren zum Teil gemischt sind, bleibt noch genau zu klären, welche Musik ausschließlich von Mozart stammt und an welcher er vielleicht nur mit allerdings substantiellen Partien Anteil hat. Die Pariser Bibliothek hat angekündigt, das Unterrichtsheft bald der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Sehr französisch muteten die exklusiven Umstände an, unter denen am vergangenen Sonntag die Erstaufführung in der Salle Ovale der BnF stattfand. Inzwischen darf sich aber jedermanns Ohr an Mozarts nie vermissten, da gänzlich unbekannten, nun wundersam in die Welt zurückgekommenen Kompositionen für Flöte und Harfe erfreuen. Jenseits aller Sensation eine wirklich gute Nachricht für die Musikwelt.Ulrich Konrad ist Professor emeritus an der Universität Würzburg und wurde für seine Untersuchungen zu Mozarts Schaffensweise mit der Mozart-Medaille der Internationalen Stiftung Mozarteum Salzburg ausgezeichnet.
Verschollene Mozart-Sonaten: Die Geschichte hinter dem Sensationsfund
Sechs wiederentdeckte Werke für Flöte und Harfe zeigen Mozart als frustrierten Lehrer – er komponierte Musterstücke für eine Schülerin ohne eigene Einfälle. Jetzt erklingen sie zum ersten Mal.










