In Großbritannien hat eine auf Künstliche Intelligenz gestützte Rechtsanwaltskanzlei ihren ersten Fall gewonnen. Garfield AI, seit April 2025 als erste KI-Kanzlei von der britischen Aufsichtsbehörde Solicitors Regulation Authority (SRA) zugelassen, bereitete den Streit um Honorarzahlungen vollständig vor.Für die mündliche Verhandlung zog die Mandantin einen Prozessanwalt hinzu. Der Fall vor dem Bezirksgericht in Wandsworth im Südwesten von London wurde am 14. Mai nach mehrstündiger Verhandlung entschieden und sorgt seither international für Aufsehen.Einsatz von KI rechnet sich auch bei KleinstforderungenSoweit bekannt, ist dies der erste Zivilprozess im Justizsystem von England und Wales, bei dem Argumentation und Schriftsätze einer KI den Ausgang maßgeblich geprägt haben. Philip Young, Mitgründer und Geschäftsführer von Garfield AI, spricht in einer Mitteilung von einem „Meilenstein“ – nicht nur für sein Unternehmen, sondern auch für den Zugang von Verbrauchern und kleineren Unternehmen zum Recht. Viel zu lange seien Unternehmen gezwungen gewesen, Forderungen abzuschreiben, da die Kosten, der Zeitaufwand und der Stress eines Rechtsstreits dessen Durchsetzung unwirtschaftlich machen.In dem konkreten Fall verlangte eine selbständige Beraterin ausstehende Honorare in Höhe von 7000 Pfund von einem Gastronomiebetrieb. Nachdem außergerichtliche Einigungsversuche gescheitert waren, nutzte die Frau die Software von Garfield AI, um die Schriftsätze der Klage vorzubereiten. Als die Klageerwiderung einging, unterstützte die KI die Klägerin weiter, vervollständigte die Verfahrensunterlagen und bereitete die Fragen für Zeugen vor. Erst für die mündliche Verhandlung in Wandsworth wurde ein Prozessanwalt eingeschaltet. Laut Garfield AI kostete der gesamte Vorgang die Frau knapp 400 Pfund.Die Aufsichtsbehörde SRA erlaubt den Einsatz von Garfield AI zur Geltendmachung von Ansprüchen ab 30 Pfund bis zu einer Obergrenze von 10.000 Pfund. Die Aufsicht hat signalisiert, dass sie diese Entwicklung begrüßt, weil Rechtsdienstleistungen dadurch für breitere Bevölkerungsschichten bezahlbar werden. Young betont jedoch, dass seine KI „weder den Richter, den Anwalt noch das Rechtssystem“ ersetze. Nach seinen Worten habe Garfield AI vielmehr dazu beigetragen, das Verfahren zugänglicher, effizienter und erschwinglicher zu machen.Erfundene Urteile, Verteidigung mit ChatGPTAuch in Deutschland zeigt sich, wie riskant der unkritische Einsatz von KI-Werkzeugen im Rechtsstreit sein kann. Streitfälle, in denen KI-gestützte Schriftsätze verwendet wurden, beschäftigen mittlerweile Gerichte bis hin zu den Oberlandesgerichten.Erst vor wenigen Wochen kritisierte das Kammergericht Berlin in einem Beschluss einen Anwalt in einem Familienrechtsstreit scharf: Der Jurist hatte in seiner Beschwerdeschrift mehrere Gerichtsentscheidungen zitiert, die es nicht gab. Rechtsanwälte unterliegen nach dem anwaltlichen Berufsrecht strengen Sorgfaltspflichten, nach allgemeiner Auffassung schließt das auch die inhaltliche Überprüfung von KI-generierten Arbeitsergebnissen ein.Für bundesweite Schlagzeilen sorgte zudem ein Mann, der sich vor dem Amtsgericht Leipzig mithilfe des KI-Chatbots ChatGPT selbst verteidigte. Der Richter stellte das Verfahren schließlich ein. Fachanwälte für Strafrecht bezweifeln allerdings, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen der Hilfestellung durch ChatGPT und dieser Entscheidung bestand.