Mit ernster Miene blickt der Bundeskanzler in die Gesichter der versammelten deutschen Wirtschaftselite. „Was vor 70 Jahren möglich war, muss doch heute auch möglich sein“, ruft er ihnen vom Rednerpult entgegen. Kurz zuvor fordert er nun das nächste Kapitel von Ludwig Erhards Klassiker zu schreiben. „Nach Wohlstand für alle muss folgen: Wohlstand für die Jugend“, sagt Friedrich Merz (CDU). Heute sei es die junge Generation, die ganze Zuwendung und Aufmerksamkeit zu Recht einfordere.Die wenigsten der über eintausend Anwesenden im Berliner Gasometer, zumal eher Merz‘ Generation als Gen-Z, dürften dieses Bekenntnis erwartet oder gar herbeigesehnt haben. Trotzdem applaudieren sie höflich. Es ist der Tag der Industrie, das wichtigste Branchentreffen der deutschen Industrie. Im Fokus stehen hier vor allem die harten wirtschaftspolitischen Themen Energie, Technologie und Bürokratie. Doch der Auftritt des Kanzlers steht ganz im Licht der Rentendebatte.Nur wenige Stunden zuvor wurden ihm und Arbeitsministerin Bärbel Bas der Bericht der Rentenkommission übergeben. Merz’ Ankündigung bei den Bossen, es „als Gesamtkunstwerk vollständig in Gesetzessprache zu übersetzen“, kommt hier gut an. Merz im Gespräch mit BDI-Präsident Peter Leibinger. © dpa/Sebastian Gollnow „Die Vorschläge der Rentenkommission sind ein guter, wichtiger, weiterer Ansatz“, sagt BDI-Präsident Peter Leibinger in seiner Rede kurz vor dem Auftritt des Bundeskanzlers. Er dankt dem Kanzler sogar dafür. Zufrieden ist er trotzdem nicht. „Wir brauchen mehr als einzelne Reformen“, sagt Leibinger. „Was uns fehlt, ist Richtung.“Der Trumpf-Aufsichtsratschef vermisst ein Zielbild für den deutschen Wirtschaftsstandort. Einen Zukunftsplan, der über die Legislaturperioden und verschiedene gesellschaftliche Gruppen wirkt. Der formuliert, wie ein ideales Deutschland aussehen könnte. „Ohne so ein Leitbild bleibt Reformpolitik Stückwerk“, sagt Leibinger. Viele Industrievertreter hatten sich mehr von Merz erhofft Merz versucht in seiner anschließenden 26-minütigen Rede zumindest eine Antwort zu geben. „Das Ziel ist, dass unsere Kinder und Kindeskinder in Freiheit, Sicherheit und Wohlstand leben können.“ Dann formuliert er sein Wohlstandsversprechen für die nächste Generation. „Packen wir das gemeinsam an, wenden wir uns diesem Zielbild zu“, sagt Merz.Zwar wird Merz anders als jüngst beim DGB weder ausgepfiffen noch ausgebuht. Doch der Applaus hält sich trotzdem in Grenzen.Durch die Kapitalrente kommen jährlich mindestens 30 Milliarden Euro zusammen, die für die Investition in deutsche Unternehmen zur Verfügung stehen.Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erhofft sich von den Rentenplänen auch einen belebenden Impuls für die Wirtschaft.Das Verhältnis von Industrie und Kanzler ist weiter angespannt. Zwar macht man Merz nicht für geopolitische Verwerfungen wie den Zollkonflikt mit Amerikas Präsident Donald Trump oder dessen planlosen Angriff auf den Iran verantwortlich. Doch viele Wirtschaftsvertreter sind trotzdem unzufrieden mit dem Kanzler, von dem sie sich vor Amtsantritt viel versprochen haben. Ob bei Energiekosten, Lohnnebenkosten, Steuern, Bürokratie oder Genehmigungsverfahren: Vielen geht es bei den Reformen nicht schnell und weit genug. Der Bundeskanzler stört sich dagegen an der permanenten Standortschelte der Bosse.Doch an diesem Dienstag tritt Merz versöhnlich auf. Anders als in der Vergangenheit teilt er weder gegen die angeblich zu faulen Deutschen noch gegen zu reformträge Sozialdemokraten aus. Statt über das, was war, spricht er über das, was möglich wird: durch die Reformen bei Gesundheit und Rente.„Durch die Kapitalrente kommen jährlich mindestens 30 Milliarden Euro zusammen, die für die Investition in deutsche Unternehmen zur Verfügung stehen.“ Wiederholt appelliert er an einen konstruktiven gemeinsamen Geist zwischen Politik und Wirtschaft. Den Industrievertretern und Managern dankt er für alles Mögliche, darunter ihre Bereitschaft, jetzt mit anzupacken. In einer Woche soll das große Reformpaket kommen Bei den Bossen kommt das gut an. Tatsächlich sagen einige von ihnen auf Nachfrage, jetzt zumindest etwas optimistischer in die Zukunft zu blicken. Ein Mittelstandsvertreter fordert, gnädiger mit der Regierung zu sein. „Jetzt muss man die auch mal arbeiten lassen.“Alle ihre Augen richten sich nun auf den Koalitionsausschuss kommende Woche. Hier wollen Friedrich Merz, Lars Klingbeil und Markus Söder über ein großes Reformpaket beraten. Von einem „Aufschwungspaket“ ist bei der Union die Rede. Seit Tagen arbeitet eine Sechserrunde der Koalitionsspitzen daran. Am Mittwoch wird weiter über Zugeständnisse bei Arbeit und Steuern verhandelt.Dass davon nichts nach außen dringt – so wie von der Arbeit der Rentenkommission –, will er nicht als Tatenlosigkeit, sondern als Wert an sich verstanden wissen. „Das ist manchmal wichtiger, als öffentlichkeitswirksam mit der Faust auf den Tisch zu hauen.“ Kurze Zeit später macht Merz dann genau das. Mit einem durch das Mikrofon hörbaren Faustschlag auf den vor ihm stehenden Tisch wendet er sich mit einer letzten Botschaft an die Wirtschaftsvertreter. „Lassen Sie uns ein bisschen mehr Zuversicht wagen“.Der Bundeskanzler bittet sie um Mithilfe, jungen Menschen eine Perspektive zu geben. Entgegen der deutschen Gewohnheit müsse man häufiger sagen: „Das Glas ist nicht halb leer, sondern halb voll.“