Der Tänzer Dodzi Dougban stellt sich vorn vor das Publikum, hinter sich eine von Marina Rengel Lucena geschaffene Landschaft aus Einzelelementen: eine eckige Stufenbank, moos- oder algenbehangen, Schlaginstrumente im Halbrund. Etwas hängt, etwas liegt, zwei stille Personen, etliche Scheinwerfer auf Ständern rundum. Dougban im hellblauen Rock mit ärmelloser Bluse scheint eine Stecknadel zu halten, die man hörte, ließe er sie fallen.Die Musiktheater-Tanz-Performance „Touching from a Distance“, das neue Bühnenstück des Frankfurter Matter of Facts Studios, erfreute im Mousonturm mit gelungener Verschränkung der Genres. Kein Hauruck-Miteinander, alles gehörte zusammen, hörte zusammen, verschwamm ineinander. Dabei ging es tief: Der Sound, dieses Wummern, Grollen und Pusten, erschütterte den Theatersaal. Man saß förmlich auf ihm, alles zitterte, es war laut, kam in Wellen, schwoll an, schwoll ab.Dabei hatte alles so friedlich angefangen, in Ruhe. Mit einem kleinen „touch“, dem Berühren. Ein Zeigefinger und ein Daumen, die sich zusammenschließen, Verbindung herstellen. Dougbans beredte Finger, die sich öffnen und schließen, sind keine Greifwerkzeuge, sondern werden zu Wesen, die ruhig in Bögen schweben, schwimmen oder schnell umherzischen, krallen, schließlich zittern. Vibrieren. Der Tänzer selbst wird zum Ozean, wogt langsam vom rechten zum linken und wieder zum rechten Bein. Gleichzeitig ist er als Mensch präsent, die Hände an den Kopf gelegt, er ruft etwas in deutscher Gebärdensprache, das Saallicht ist noch immer angeschaltet. Hier ist die „distance“ des Stücktitels: Wer versteht das?Mensch und Meer sprechen verschiedene SprachenDer Tanzkünstler aus Recklinghausen, Sohn aus Togo eingewanderter Eltern, fordert, nachlesbar in Interviews, dass Taube wie er sich nicht immerzu an die Mehrheitsgesellschaft anpassen, sondern Hörende Gebärden-Vokabeln erlernen sollten. So ist das Thema Kommunikation die Grundlage dieser Musiktheaterperformance, die sich dem Meer und seiner Gefährdung widmet. Als besitze der Mensch eine zu große Distanz zu dem Biotop, was Empathie angeht, und eine zu geringe, wenn er sich die Ozeane untertan macht und den tiefsten Meeresgrund mit Kabeln belegt und von Robotern rupfen lässt. Deshalb das Getöse im Stück.Der Sound, der schüttelnd in den Boden geht, taucht im Stück immer wieder auf, meist sanfter. Er berührt die Rhythmen des Tänzers oder die der beiden Musiker. Diese wiederum beginnen ihre Musik ohne Instrument, sondern mit ihren Armen, für’s Auge. Bei Diego Ramos Rodríguez sieht das streckenweise wie Dirigieren aus, ein Halten links, ein Agitieren rechts. Winken, präzises Wedeln. Er scheint Melodien, Lautstärken, Orchestergruppen zu hören, eine Komposition aufzuführen. Seine Kollegin Yuka Ohta tritt hinzu, lässt eine Faust in eine Handfläche klatschen, musiziert weniger Bögen als Schläge oder hält die Hand hart in der Luft wie Aufprall erwartend. Bis Ohtas Heftigkeiten auf den Nachbarn überschwappen. Wieder ein „touching“.Seid aufmerksam miteinanderSelbst wenn die beiden, großartige Luftbewegungs-Musiker, anschließend mit ihren Instrumenten hantieren, er mit Elektrogeige, sie mit einer Reihe E-Drum-Toms, später einer großen Pauke, kommen kaum Laute zustande, trotz großen Körpereinsatzes. So erschaffen sie Distanz zwischen Bewegung und Lautstärke. Schließlich übernimmt Dougban die Haltung des Geigers, den ruhigeren linken Arm, den agileren rechten, und macht sie zu seinem Tanz. Eckiger, rasanter Hip-Hop-Break schwappt hinein.Die Inszenierung des bewährten Duos Gregor Glogowski und Benjamin Hoesch, die Matter of Facts Studio 2021 gründeten, beide der Gießener Angewandten Theaterwissenschaft entsprungen, vermeidet Klischees, bleibt der Kunst treu, der Musik in ihrem weiten Sinne. Niemand mimt Fisch oder Wal, wogt oder klagt dramatisch. Es gibt Stille, Pausen für das Zuhören und Schauen. Eine LED-Deko-Leuchtschlange lässt ein Lichtlein kriechen. Ein Perlenvorhang, im Rund gehängt, kreist langsam, ein riesiger Ventilator kreist schnell. Schatten werden geworfen, Scheinwerfer blinken wie Arpeggien, wie Akkorde. Nebel kriecht, Wasser in flachen, spiegelnden Becken kräuselt sich. Eine einzige Fingerspitze berührt es: bewirkt Kreiswellen.Sowohl mit Dougban als auch mit der tauben Künstlerin Rita Mazza, die als Choreographin beteiligt ist, hatten Glogowski und Hoesch in der Jungen Theaterwerkstatt am Zoo 2024 und 2025 Workshops für Jugendliche abgehalten. Daher kannten sie sich, und die künstlerischen Ansätze, etwa Mazzas Rhythmen-Erzeugen mit Licht.Laut und leise: Das T-Shirt eines U-Bahn-Passagiers berührt noch einmal die Gedanken daran: ein Aufdruck mit gemalter Landschaft, breite Striche, sanfte Bögen, ein Geländer, rötlich dicker Himmel. Da fehlt doch was. Es ist Munch. Statt Schrei ein Zeichen für „Lautsprecher stumm“. Doch geht es „Touching from a Distance“ nicht um das Schweigen oder Stillhalten. Sondern: Seid aufmerksam miteinander.