Der kleine Supermarkt Kopernik entlehnt einen großen Namen von einem preußischen Astronomen, führt fast nur polnische Produkte, und liegt an einer der verkehrslautesten Straßen im Westen Londons: dort, wo ein vierspuriger Kreisverkehr die U-Bahn-Station Hanger Lane umrundet. Bei Kopernik gibt es fast alles, Rolmopsy, Konfitura, Zupa Nudle (Instant-Nudelsuppe), polnisches Puddingpulver (von Dr. Oetker), polnische Zahnbürsten und Mülltüten. Nur die polnischen Kunden werden immer weniger.Anna, die Filialleiterin, sagt, „alles ist nach oben gegangen“. Sie meint die Lebenshaltungskosten im Allgemeinen, die Londoner Mieten im Besonderen. Anna ist vor zehn Jahren nach London gekommen, „nach der Schule“. Ob sie weitere zehn Jahre bleiben würde? Sie zuckt stumm mit den Schultern; aus Ratlosigkeit, aber auch, weil ihr Englisch zu ausschweifenden Erklärungen noch immer nicht taugt.Das Motto von Annas Lebensmittelladen lautet: „In unseren Supermärkten kannst du dich wie in Polen fühlen.“ Über dem Eingang weht neben dem Porträt des Astronomen aus Thorn auf einem 1000-Zloty-Schein die rot-weiße polnische Fahne. Warum fühlen sich immer mehr Kunden in dieser Ersatzheimat trotzdem nicht mehr zu Hause?Eine Beratungsstelle für alle OsteuropäerBarbara Drozdowicz hat mehr als eine Handvoll Antworten darauf: die allgemeine Wirtschaftsflaute, die Inflation, die Einwanderungshürden seit dem Brexit, Sorge um alte Eltern in der Ursprungsheimat, Mängel im britischen Gesundheitswesen und auch immer wieder Anfeindungen. Drozdowicz ist die Geschäftsführerin eines gemeinnützigen Beratungszentrums, eine Art gute Fee für alle Osteuropäer, die Schwierigkeiten mit Behörden oder mit britischen Arbeitgebern haben, Spannungen in der Familie oder in ihrer Nachbarschaft.Die Volksabstimmung am 23. Juni 2016, also an diesem Dienstag vor genau zehn Jahren, hat sie in London erlebt. „Die Leute haben aus allen möglichen Gründen für den EU-Austritt gestimmt“, erzählt sie. Ein englischer Freund habe argumentiert, die Ausbeutung der europäischen Arbeitskräfte, die häufig schlechter bezahlt wurden als Briten, müsse endlich aufhören, andere hätten immer gesagt, es gehe um Souveränität. Aber eigentlich, sagt Drozdowicz, „ging es darum, die Tür zuzumachen“.Sie sieht einen grundsätzlichen Wahrnehmungsunterschied zwischen „Briten“ und „Europäern“ und beschreibt ihn mit der Feststellung, die Briten hätten „nie richtig verstanden, dass wir Europäer uns gar nicht als Einwanderer begreifen“. Die vielen jungen Polen, Tschechen, Balten, die nach dem Beitritt ihrer Länder zur EU im Jahr 2004 auf die britischen Inseln zogen, hätten sich doch weiterhin in einem gemeinsamen europäischen Zuhause gefühlt. „Erst der Brexit hat uns zu Migranten gemacht“.Einige packten gleich die KofferDie Jahre nach der Abstimmung seien eine „unschöne“ Zeit gewesen, „ziemlich chaotisch“, erzählt Drozdowicz. Alle hätten gemutmaßt, was das bevorstehende Ende der europäischen Freizügigkeit für sie bedeuten würde. Sie sagt, „es war schwer auszuhalten, es war, als würde man auf einen schlimmen Termin beim Zahnarzt warten“. Einige Polen und Balten hätten gleich die Koffer gepackt, aus Rumänien und Bulgarien – die erst 2014 die vollständige Arbeitnehmer-Freizügigkeit erhalten hatten – seien aber auch noch neue Arbeitskräfte angekommen.Die britischen Bevölkerungsstatistiken jener Jahre weisen aus, dass die Einwanderung aus der EU nach dem Brexit-Votum zwar schwächer wurde, aber zunächst noch weiter anhielt. Eine aktuelle Untersuchung des „Migrationsobservatoriums“, einer Forschungsstelle an der Universität Oxford, zeigt, dass der Höchststand der EU-Arbeitskräfte erst im Jahr 2019 erreicht war; zu jener Zeit seien 2,6 Millionen Beschäftigte im Vereinigten Königreich gezählt worden. In den folgenden fünf Jahren sank ihre Zahl um rund 300.000; auch im abgelaufenen Jahr 2025 weist die Statistik einen negativen Saldo für die Europäer aus: Die Zahl der EU-Rückwanderer übertraf die der europäischen Einwanderer um 42.000.Die eigentliche Zäsur markiert das Datum Ende Januar 2021, an dem der Austritt aus der EU tatsächlich vollzogen wurde. Die meisten EU-Ausländer, die zu jenem Zeitpunkt im Vereinigten Königreich arbeiteten, studierten oder als Familienangehörige lebten, erhielten ein unbegrenztes Aufenthaltsrecht oder wenigstens das Anrecht darauf, diesen Status nach einiger Zeit zu erwerben. Für Neuankömmlinge aber galten fortan andere, weitaus schärfere Bestimmungen.Der Zahnpastatest der GrenzpolizistenSeither ist die Zahl der Europäer, die eines Jobs wegen über den Ärmelkanal fliegen, dramatisch gesunken. Nur noch fünf Prozent derer, die Arbeitsvisa beantragen, stammen aus der Europäischen Union, geben die Oxforder Migrationsforscher an. Ähnlich stark ist die Zahl europäischer Studenten zurückgegangen. Im akademischen Jahr 2016/17 hatten die jungen Europäer einen Anteil von 27 Prozent an der Gesamtheit der internationalen Studenten in Großbritannien ausgemacht; 2023/24 waren es noch acht Prozent.Gleichzeitig wuchs die Einwanderung aus anderen Ländern massiv. Vor allem in der Regierungszeit Boris Johnsons – jenes Premierministers, der den EU-Austritt am vehementesten und chaotischsten vorantrieb – stieg die Zahl der Immigranten rasant; im Zwölfmonatszeitraum zwischen April 2022 und März 2023 lag sie im Saldo bei knapp einer Million. Die nächsten Regierungen, zuerst die Konservativen, dann Labour, gingen stärker gegen Migration vor; aktuell ist der Wanderungssaldo auf 200.000 Zuwanderer im Jahr geschrumpft.Die Oxforder Migrationsforscher werteten noch eine Statistik aus, die ein Licht auf die Lage der Europäer im Vereinigten Königreich wirft: die der Einreiseverweigerungen. Rund die Hälfte aller Zurückweisungen an britischen Häfen und Flughäfen betraf jüngst Bürger der EU, im Zwölfmonatszeitraum vor September 2025 waren es 11.000 Personen, die Hälfte davon stammte aus Rumänien. Barbara Drozdowicz erläutert, es gebe eine „wachsende Kohorte“ von Europäern, die illegal, ohne gesicherten Status, im Vereinigten Königreich meist in Handlangerjobs tätig seien. Die Grenzpolizei habe bestimmte Methoden, um sie bei der Einreise ausfindig zu machen. Den Umfang ihres Gepäcks beispielsweise, der gegen eine Touristenreise spreche, oder den „Zahnpastatest“. Die Polizisten schauten nach, ob die Tuben im Kulturbeutel die kleine Reisegröße hätten – oder nicht.Der polnische Klempner macht den Betrieb zuFür die etablierten Europäer mit gesichertem Aufenthaltstitel seien viele Jobs auf dem Bau oder im Handel mittlerweile nicht mehr attraktiv, sagt Drozdowicz und rechnet vor: Helfer am Bau oder Lagerarbeiter verdienten um die 2000 Pfund (2300 Euro) im Monat. Das sei nicht genug, um die gestiegenen Preise für Lebensmittel, Heimfahrten, vor allem aber für Mieten aufzufangen. „Viele konnten dann gar nichts mehr sparen und nach Hause schicken“, sagt sie. Der „polish plummer“, der polnische Klempner, ist in England ein Markenbegriff geworden – doch von den Selbständigen, die vor allem im Handwerk tätig waren, gäben viele gerade ihr Geschäft wieder auf: „zu wenig Aufträge, zu hohe Unkosten“.Auch in Ealing, dem Stadtbezirk, zu dem der U-Bahnhof Hanger Lane samt Kreisverkehr gehört, haben sich die Mietkosten mehr als verdoppelt. „Früher 400 Pfund im Monat für ein Arbeiterzimmer, heute 1000 Pfund. 1000 Pfund nur für ein Zimmer“, sagt der Ladeninhaber eines anderen Lebensmittelgeschäfts an der Kreuzung. Er hat schon Konsequenzen gezogen und das Sortiment in seinen Regalen vor ein paar Jahren schon an ein verändertes Kundenpublikum angepasst.Auf der Markise über dem Eingang verspricht ein Schriftzug „litauische und rumänische Spezialitäten“. Die meisten Artikel in den Regalen kommen auch bei ihm aus Polen. Es gibt allerdings auch Schokolade aus Rumänien, Roggenbrot aus Litauen und aus der Ukraine eingelegte Pilze im Glas. Valdus, ein junger Teppichleger, kommt wegen des Brotes ins Geschäft, er kauft nach der Arbeit auf seinem Weg nach Hause auch noch Fischkonserven aus der Heimat ein.Der Inhaber des „Euro Market“ heißt übrigens Hamid Fazeh und stammt aus Iran. Ein dritter polnischer Lebensmittelladen in derselben Straßenzeile wird hingegen seit Jahren schon von einer Afghanin geführt.Fazeh hat lange in Karlsruhe gelebt, jetzt lebt er in London und hat hier geheiratet. Er erzählt, auf die Idee mit der gezielten Werbung um Rumänen und Litauer sei er vor vier Jahren gekommen. Erst habe es sich nicht ausgezahlt, aber jetzt laufe das Geschäft langsam besser. Auch an diesem Nachmittag füllt sich der Laden. Nach Schulschluss kommen stoßweise arabische Schulkinder mit ihren Müttern rein und kaufen Süßigkeiten oder kleine Tüten Kartoffelchips – polnische Marken der Produkte liegen im Regal. Es sei „immer mehr Multikulti“ bei ihm, sagt Fazeh.
Zehn Jahre Brexit: Immer weniger Europäer in Großbritannien
Immer weniger Europäer leben im Vereinigten Königreich. Ein Visum dort zu bekommen, ist durch den Brexit kompliziert geworden. Deswegen kommen einige von ihnen illegal.
Brexit-Bilanz: EU-Arbeitskräfte im UK von 2,6 Mio. (2019) auf 2,3 Mio., Arbeitsvisa auf 5%, Studierende von 27% auf 8%. Tech-Sektor verliert europäische Fachkräfte; Recruitment weicht zu Non-EU-Märkten aus, Skill-Lücken verschärfen sich, Talentmobilität blockiert.












