Es macht etwas mit dem Menschen, dieses Wissen darum, dass es da einfach nicht weitergeht und die schier unendliche Weite des Ozeans beginnt. Hier, am Ende der immer dünner werdenden Landzunge namens Long Island, zeigt sich die Dünenlandschaft der Hamptons so ausgefasert und rau verweht wie die hohen Wolken am Horizont des überblauen Atlantikhimmels.Wenn die Namen der Marktflecken am Highway 27 malerisch ihren indigenen Ursprung zu verraten beginnen wie Sagaponack oder Amagansett, ist es nicht mehr weit bis zu dem Punkt, der andernorts Land’s End heißt oder Finistère und hier ganz einfach aus zwei Silben besteht: MONTAUK.
Schon auf dem Long Island Expressway von New York her kommend, erscheint das schöne Wort irgendwann unvermittelt als grünes Ausfahrtschild, hinter dem sich nicht nur in landschaftlicher Hinsicht eine Art Glücksversprechen verbirgt. Auch die Literatur zweigt seit dem Erscheinen der gleichnamigen Erzählung von Max Frisch aus dem Jahr 1975 gern hier ab. Weil das poetische Programm des Textes in seinem radikal autobiographischen Anspruch in Verbindung mit kunstvoll eingestreuten fiktionalen Elementen das heute so überaus beliebte Genre der Autofiktion vorweggenommen zu haben scheint.Dabei passt das, was sich Frisch noch vor Ort vorgenommen hat, während er da war im Mai 1974 mit Lynn, wie er die einunddreißigjährige Frau im Buch nennt, perfekt zu dem, was jede Reise im Idealfall bewirken kann: die präzise Wahrnehmung dessen, was um und mit uns geschieht. „Ich möchte dieses Wochenende beschreiben können, ohne etwas zu erfinden, diese dünne Gegenwart“, heißt es an einer Stelle, und an einer anderen: „… ich möchte wissen, was ich wahrnehme und denke, wenn ich nicht an mögliche Leser denke.“Reisen lebt von Reminiszenzen: Max Frisch auf einer Fähre im Mittelmeer.Max-Frisch-Archiv, ZürichSelbst wer sich heute, über 50 Jahre danach, als Leser auf seine Spuren begibt, kann sich mit der Erzählung durchaus als Reiseführer auf den Weg machen und wird nahezu alles wiederfinden: „Rasen um kleine hölzerne weiße Villen (…) alles gepflegt, einmal ein Schild: FOR RENT. Keine Zäune, alle sind wohlhabend in diesem Bezirk, alle haben Blumen, Wohlstand als Natur. Sogar der blaue Himmel erscheint wie gepflegt. Da und dort steht eine glänzende Limousine. Ein Rasensprenger gegen die grüne Langeweile (…). Irgendwo ein Sternenbanner.“ Wer es dem ungleichen Paar, dem alternden Schriftsteller und seiner jungen Gefährtin, gleichtun will, findet den OVERLOOK und seinen Parkplatz, wo die Erzählung beginnt, mit einem Spaziergang auf verwildertem Pfad durchs Dickicht, um den Atlantik zu finden. Nur dass heute eindringlich vor Zecken gewarnt wird, was einem den Weg erspart, den sie nicht gefunden haben. „Sie haben sich verirrt. Es macht aber gar nichts; sie sind da, wo sie sind; ohne Ziel gemeinsam. Um sich nicht irgendwo auf die Erde zu setzen, gehen sie.“Hinter dem Leuchtturm geht es nicht mehr weiterDer Parkplatz ist kurz vor dem Montauk Point, diesem pittoresken Leuchtturm, hinter dem es nicht mehr weitergeht und der zugleich ein Museum ist, weil Präsident George Washington ihn errichten ließ, als ersten Leuchtturm des Staates New York im Jahr 1769. Weil sich die Wochenendreisenden noch nicht lange kennen, stellt die Amerikanerin viele Fragen, was er denke, ob er glaube, ob er eine gute Zeit habe. Als er von den Wolken auf Regen schließt, sagt sie nur HOW DO YOU KNOW? Denn was ist die Gegenwart von zwei Menschen, die sich gerade erst begegnet sind? Ein zartes Abtasten im Versuch, sich von der besten Seite zu zeigen.Aber die Fragen zu Gott und der Welt werden dem Schriftsteller zum Anlass von Erinnerungen, die genau dahin führen, wo er mit dem Text und der Reise nicht hinwollte, in seine Vergangenheit. Das sind die Momente, in denen das Er der Montauk-Gegenwart ins Ich seines Lebens vor diesem Wochenende wechselt und umgekehrt. Denn auch Landschaften leben von Reminiszenzen, das kennen wir selbst vom Reisen, dass einen etwas unmittelbar an ganz andere Gegenden der Welt gemahnt: „Das ist nicht Griechenland, eine ganz andere Vegetation. Trotzdem denkt er an Griechenland, dann wieder an Sylt (…) nicht in der Bretagne, wo er zuletzt am Meer gewesen ist vor einem Jahr. Die gleiche Küstenluft. Es kann sein, dass er das gleiche Hemd trägt, die gleichen Schuhe, alles ein Jahr älter.“Oben ist der Blick meistens besser: Am Leuchtturm in Montauk.Eckhart NickelWas gibt es schon zu unternehmen, wenn man sich Zeit lassen kann? Nebeneinander am Strand sitzen in Liegestühlen vor dem Hotel. Das GURNEY’S HOTEL der Erzählung ist heutzutage ein Viersterneresort und „Seawater Spa“, wer eher den verwitterten Holzlook sucht, findet etwas weiter den Old Montauk Highway hinab den gleichen Blick auf das Meer im Beach Plum Resort. Zimmer 26 im ersten Stock wartet mit den ästhetischen Ingredienzen der Hamptons auf: graues Holz, Sisal-Teppich, nautisches Dekor, weiße Wände und Balkon mit Deckchair. „Ein langer leichter Nachmittag: ihre Schuhe im Sand, Lynn läuft noch immer und weit weg, im Augenblick ist die Gestalt kaum zu erkennen, da dort, wo sie jetzt läuft, das Meer unter der Sonne glitzert und blendet (…) sie läuft in Bögen, wie Slalom, vermutlich (…) um die einzelnen Schaumzungen der Brandung, einmal schwingt sie ihre Arme dazu. Aus Lust.“ Es ist nicht viel, was an diesem Wochenende passiert, rein äußerlich. Die zwei spielen Tischtennis, essen Lobster im Restaurant, lieben sich. Aber so, wie Frisch es beschreibt, ist in diesen zwei Tagen der Kern ihrer Liebesgeschichte auserzählt. „Dann wieder kommt es vor, dass sie plötzlich nicht wissen, was reden – dieses Beisammensein tagsüber: nicht langweilig, nur sehe ich dann beide von außen: sie werden einander nicht kennenlernen.“Es ödet ihn an, was er schon beschrieben hatIm Buch nicht erwähnt: der wunderbare Sonnenuntergang mit Blick auf Gardiner’s Island in der Fort Pond Bay, den The Montauket im Westen der Stadt bietet. Die Institution seit den Zwanzigerjahren, die unter Einheimischen nur als „The Hill“ firmiert, ist seit 1959 im Familienbesitz. Es gibt Livemusik, Bier von der Montauk Brewing Company und maritime Snacks dazu. Die Interviewszene, in der Frisch die junge Frau kennenlernt in New York, beschreibt bereits das Grundproblem ihrer Geschichte, die in diesem Moment ja gerade erst beginnen sollte: „Leben ist langweilig. Ich mache Erfahrungen nur noch, wenn ich schreibe. Eigentlich kein Witz; er lacht trotzdem. Sie nicht.“Die Unverblümtheit, mit der sie sagt, was sie denkt, dass sie sein offenes Gesicht und seinen Humor mag. Auf der anderen Seite ihre Erschütterung, als er die Geschichte seiner Begegnung mit einer inzwischen behinderten Jugendliebe erzählt, der gegenüber er sich gleichgültig verhält. „MAX, YOU ARE A MONSTER (…) MAX, ARE YOU JEALOUS?“ Dabei ist das Monströse an ihm sein Verhältnis zum Leben, das er allein nach dem Schreiben ausrichtet. „Er hat reichlich über Eifersucht geschrieben. Schon deswegen hat er sich in den letzten Jahren jede Eifersucht versagt. Es wäre keine neue Erfahrung für ihn (…) es fiele ihm als Schriftsteller dazu nichts ein, nichts Neues. Es ödet ihn an, was er schon beschrieben hat.“Natürlich ist Montauk, dieser magische Ort mit seinen lange ausrollenden hohen Brechern selbst bei Windstille im leuchtenden Gelb des Sonnenaufgangs noch viel mehr, als Max Frisch beschreiben kann und will. Vieles bleibt unerwähnt, aber die Lakonie und Präzision, mit der er schonungslos seine Existenz auslotet und hinterfragt, und so den damals noch verschlafenen Ort auf die literarische Landkarte geworfen hat, lässt einen das Buch wie ein überraschendes Stück atemberaubender Gegenwartsprosa lesen. Und lädt nicht nur zur Nachprüfung des Geschriebenen ein, sondern zum Erkunden all dessen, was in den letzten 50 Jahren dort passiert ist.Manche Dünen wandern auf Long Island umher.PlainpictureJackson Pollock und Willem de Kooning malten hier, Edward Albee verwandelte eine Scheune in eine Künstlerkolonie mit Aufenthaltsstipendien. Und schon im Jahr des Erscheinens von Montauk stellte Andy Warhol sein Anwesen den Rolling Stones zur Vorbereitung ihrer Welttournee zur Verfügung, was neben dem Disco-Jetset aus dem Studio 54 auch Partylöwen wie den Universalkünstler Peter Beard anzog.Sie atmet aberGlücklicherweise hat diese Neuentdeckung von Montauk seit den Achtzigerjahren dem konservativen Charakter des Ortes und seinen Lokalitäten keinen allzu großen Schaden zugefügt. Es gibt immer noch zum Frühstück Anthonys Pancake House, wo Familien mit drei Kindern plus Blaubeerpfannkuchen und Spiegeleier overeasy bestellen. Mit ihren Boat Shoes, Polohemden und Madras-Shorts sehen die meisten aus, als seien sie gerade aus dem Official Preppy Handbook oder dem neuesten Ralph-Lauren-Katalog gefallen. Nach wie vor hält sich auch der legendäre, in Weiß und Rot gestrichene Holzverschlag namens Clam Bar, wo noch vor der Ankunft in Montauk direkt am Straßenrand in Napeague die obligatorische erste Portion Muscheln oder Clam Chowder zu einem Wave Chaser-Bier locken.In der Erzählung von Max Frisch gibt es noch Frühstück im Hotel, aber sie verschläft. „Lynn ist morgens nicht ansprechbar. Ihre Lider jetzt ohne Schminke blaß und wächsern. Sie atmet aber. Ihr offenes Haar auf dem Kissen, ein nackter Arm hängt fast auf den Boden, ein Fuß unter dem Linnen hervor.“Heute steht man geduldig neben Surferboys und Pilates-Ladys für seinen ersten Caffeine-Fix mit Cranberry Muffin und der druckfrischen „New York Times“ bei Hampton Coffee Company in der Ortsmitte an. Die Vogelperspektive, die sich in dem guten Brunch- und Dinnerrestaurant Bird on the Roof, wo atlantisch mit japanischem Einschlag gekocht wird, auf dem Dach durch die Umrisse einer Möwe findet, bringt Frisch im Buch erst spät zum Einsatz. Kurz vor Schluss und direkt vor seiner letzten Begegnung mit Lynn in New York nimmt er das Ende vorweg. Mit einem Blick auf Montauk von oben: „Abends aus dem Flugzeug, nachdem man die Gürtel aufschnallen darf, wäre auf der linken Seite zu sehen eine grau-grünlich-braune Landzunge mit Leuchtturm, die gelben Untiefen nur durch die Rüsche der Brandung getrennt vom festen Land; das Meer, das offene, ist auch auf der rechten Seite zu sehen: wie stumpfer Filz, später wie Schiefer (Quarzit) hart …“Unterkunft Gurneys Viersterneresort und Seawater Spa. Wer eher den verwitterten Holzlook sucht, findet etwas weiter den Old Montauk Highway hinab den gleichen Blick auf das Meer im Beach Plum Resort, Studio (für drei Personen, 350 Euro) Frühstück Bei Anthonys Pancake House, 710 Montauk Highway








