PfadnavigationHomeKulturLiteraturMax Frisch„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält“Veröffentlicht am 09.10.2025Lesedauer: 5 MinutenMax Frisch (1911 bis 1991) in seinem ArbeitszimmerQuelle: SvenSimon/picture allianceOb man als Schriftsteller heute noch mal so berühmt werden kann, wie Max Frisch es war? Eine neue Biografie zeigt ihn als Schriftsteller, der sich einmischte, Jaguar fuhr und nichts dem Zufall überließ. Biografie, ein Spiel? Von wegen.Neulich wurde in der „Süddeutschen Zeitung“ behauptet, Schriftsteller machten mit ihren Büchern vor allem die Verleger reich. Als Beleg wurde der Jaguar von Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld angeführt. Doch der Jaguar von Suhrkamp-Autor Max Frisch wurde vergessen. Es waren die goldenen Jahre des Literaturbetriebs, in denen ein schriftstellerisches Werk noch allerhand finanzierte – ganz besonders, wenn es Millionenauflagen erzielte wie das von Frisch, der (neben Brecht und Hesse) zur Trias der wichtigsten Umsatzbringer im Hause Suhrkamp gehörte. Bereits 2011, zu Frischs 100. Geburtstag, hat der Schweizer Literaturwissenschaftler und Journalist Julian Schütt Teil 1 seiner Frisch-Biografie veröffentlicht. Sie behandelte zwar nur die Jahre 1911 bis 1954 („Biografie eines Aufstiegs“), aber das allein beanspruchte 600 Seiten. Der jetzt erschienene zweite Teil, der die Jahre 1955 bis 1991 – die entscheidende Lebenshälfte des Schriftstellers – berücksichtigt, ließ 15 Jahre auf sich warten, auch weil entscheidendes Material noch gesperrt war, etwa der inzwischen veröffentlichte Briefwechsel mit seiner Geliebten Ingeborg Bachmann. Lesen Sie auchNun liegt die „Biografie einer Instanz“, ausgebreitet auf 700 Seiten, vor. Der Titel klingt gravitätisch. Aber wenn ein Schweizer Schriftsteller vom deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt eingeladen wurde, Teil seiner offiziellen Delegation beim Staatsbesuch in China zu sein, wie Frisch anno 1975, scheint solches Vokabular angemessen. Überhaupt prägte Frisch den deutschsprachigen Buchmarkt und Literaturbetrieb, die Theaterspielpläne und Lehrpläne der Schulen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einer Weise, die heute geradezu verblüfft. Zugegeben, auch Frischs zehn Jahre jüngerer Landsmann Dürrenmatt hatte diesen Lauf und war überdies der bessere Dramatiker. Frischs parabelhaftes Theaterstück „Andorra“ finden nicht nur Schüler anstrengend. Dafür gehören Frischs Romane „Stiller“ und „Homo Faber“ zu den seltenen Schullektüren, die auch schon jugendliche Leser ansprechen können. Manche Sätze aus Frischs Werk hallen bis heute nach: „Ich probiere Geschichten an wie Kleider“. Oder: „Man kann alles erzählen, nur nicht sein Leben. Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ Es geht bei Frisch, so die tradierte Diktion der Deutschlehrer, um Identität als etwas Einengendes, Festlegendes („Du sollst dir kein Bildnis machen“). Konträr dazu scheint die heutige Identitätspolitik gelagert, die genau das ausgestellte Bild als Halt begreift, bis hin zu Pronomen in E-Mail-Signaturen, je plakativer, desto besser. Das Standardwerk zu FrischDoch rechtfertigt ein Autor, egal wie kanonisch, eine monumentale Biografie von 1300 Seiten? Schütts doppelbändige Biografie wird als Standardwerk zu Frisch nie wieder zu toppen sein, denn sie tut genau nicht, was ihre äußere Erscheinung und Untertitelei vermuten lassen könnte: Sie begräbt ihren Gegenstand nicht unter der schieren Masse von Material. Schütt bietet, ohne auch nur einmal in einen peinlichen Schlüssellochstil zu verfallen, allerhand sprechende Details aus dem Leben eines Schriftstellers auf, an dessen Karriere man bis heute die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in nuce schmecken kann. Der private Frisch, der manisch eifersüchtig auf Enzensberger war, während er seinerseits Tankred Dorst die Freundin ausspannte, kommt ebenso vor wie der politische Frisch, der als sozialdemokratisch gesinnter Citoyen in der Schweiz offenbar so verdächtig war, dass ihn Geheimdienste jahrzehntelang in Stasi-Manier bespitzelten. Schütt setzt auch kleine Spitzen gegen die Bachmann-Biografik, die sich auf Frisch als Ur-Übel in der Beziehung mit der Schriftstellerin eingeschossen hat. Schütt ist seinerseits kein Hagiograf, er bemerkt beispielsweise kritisch, wie Frisch „verkannte, dass ein Überlebender wie Celan unmöglich zwischen Politischem und Privatem trennen konnte“. Lesen Sie auchÜberzeugend an Schütts Biografie sind auch und nicht zuletzt die umsichtigen Werkinterpretationen, die Lust machen, Frisch neu und wieder zu lesen. Etwa die 1979 erschiene Erzählung „Der Mensch erscheint im Holozän“. Die war bei der deutschsprachigen Literaturkritik seinerzeit durchgefallen – auch deshalb, weil sie nach der Veröffentlichung von „Montauk“ auf dem Trichter war, Frisch nur noch Autofiktion abzukaufen. Doch das sei eine irreführende Lesart, argumentiert Schütt und verweist nicht nur auf die Rezeption in den USA, wo die „New York Times Book Review“ den „Man in the Holocene“ zur wichtigsten Erzählung des Jahres kürte. Auch im deutschen Sprachraum habe es, immerhin, einen klugen Rezensenten gegeben, nämlich Rainald Goetz im „Merkur“. Der damals 25-jährige Schriftsteller mag – nach seinem Psychiatrie-Roman „Irre“ – ein gewisses Faible gehabt haben für eine Hauptfigur, die ihre Orientierung in der Welt verliert wie der einsame Herr Geiser, der nach tagelangen Regenfällen im Valle Onsernone im Tessin (wo Max Frisch seit 1964 ein umgebautes Bauernhaus besaß) eine Naturkatastrophe erwartet. Tatsächlich erwartet ihn persönliches Unheil – die Demenz bis zur totalen Desorientierung. „Das Alter ist eine Naturkatastrophe. Die Katastrophe des Alterns kommt über den Menschen wie Naturumwälzungen sich vollziehen: schleichend, unaufhaltsam, vernichtend“, schrieb Goetz 1979 – und Schütt pflichtet ihm bei, nicht ohne das heutige Publikum süffisant wissen zu lassen: „Was aber, wenn Frisch den ursprünglichen Titel ‚Klima‘ beibehalten hätte? Dann wären es heute wohl nicht nur ein paar Eingeweihte, die in ‚Holozän‘ einen Vorläufer der sogenannten Climate Fiction sähen.“Lesen Sie auchEs gibt noch ein paar Leerstellen. Noch nicht hinreichend auserzählt und erklärt – auch nicht von Schütt – scheint der Umstand, warum es mit Frisch und Dürrenmatt zeitgleich zwei Schweizer Schriftsteller (Jahrgang 1911 und 1921) waren, die eine dermaßen exponierte Stellung im globalen Literaturbetrieb nach 1945 einnehmen konnten. Lag es daran, dass sie deutschsprachige, aber keine deutschen Staatsbürger waren? Sich Konkurrenz und Komplementarität der beiden Dioskuren in der internationalen Rezeption noch einmal vergleichend anzuschauen, könnte Gegenstand einer reizvollen Doppelbiografie sein.Apropos „Biografie. Ein Spiel“. Am Ende von Schütts Buch liest man, mit welchen strengen Regieanweisungen Frisch, dem 1990 Darmkrebs diagnostiziert worden war, seine eigene Beerdigung plante. Demnach textete er eine kurze Erklärung für seine eigene Trauerfeier, die seine letzte Lebensgefährtin, Karin Pilliod, dort verlesen sollte. „Frisch drängte sie, den Text vor ihm zu üben“, berichtet Schütt. „Als der Schriftstellerkollege Wolfgang Hildesheimer davon erfuhr, (…) fragte er sich, ob die Trauerfeier nicht besser im Schauspielhaus hätte stattfinden sollen.“ Seinen Jaguar hat der sterbenskranke Max Frisch übrigens 1991 an Volker Schlöndorff verschenkt, den Regisseur, der zuvor „Homo Faber“ verfilmt hatte. Julian Schütt: Max Frisch. Biografie einer Instanz. 1955–1991. Suhrkamp, 706 Seiten, 38 Euro.
Max-Frisch-Biografie: „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält“ - WELT
Ob man als Schriftsteller heute noch mal so berühmt werden kann, wie Max Frisch es war? Eine neue Biografie zeigt ihn als Schriftsteller, der sich einmischte, Jaguar fuhr und nichts dem Zufall überließ. Biografie, ein Spiel? Von wegen.







