Weshalb das Wort «Konsumereignis» besser ist als «Rückfall» – eine ReplikDie Sprache in Medizin und Psychologie wandelt sich. Neue Begriffe sollen nicht die Wirklichkeit beschönigen, sondern möglichst sachlich, präzis und wertfrei die Situation von Kranken beschreiben.Christian Lorenz, Thomas Maier23.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenWer einen Rückfall erleidet, steht nicht wieder am Anfang, sondern ist schon einen Weg gegangen – dem soll der Begriff «Konsumereignis» Rechnung tragen.Raphael Rohner / CH MediaDer Beitrag «Der Rückfall wird zum Konsumereignis» von Birgit Schmid (NZZ 6. 6. 26) greift eine wichtige Diskussion auf. Dabei dient der Begriff «Konsumereignis», der heute anstelle von «Rückfall» verwendet wird, der Autorin als Aufhänger für eine breitere Kritik an sprachlichen Veränderungen in Medizin und Psychologie.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Tatsächlich kann Fachsprache steril, sperrig oder lebensfern werden. Auch Psychiatrie und Suchthilfe sollten sich dieser Diskussion stellen. Gleichzeitig lohnt es sich, genauer hinzusehen: Nicht jede Veränderung von Begriffen ist Ausdruck übertriebener Rücksichtnahme. Oft spiegelt sie ein verändertes fachliches und gesellschaftliches Verständnis wider.Dabei geht es in der Suchthilfe nicht darum, Menschen vor der Realität ihrer Krankheit zu schützen oder Verantwortung aufzulösen. Im Gegenteil: Suchtfachpersonen haben lange dafür gekämpft, dass Abhängigkeit als Erkrankung verstanden wird – und nicht als Willensschwäche, Charaktermangel oder moralisches Versagen. Dieses Verständnis ist noch immer nicht überall angekommen, oft auch nicht bei den Betroffenen selbst, die sich schämen, sich abwerten und ihr Leiden als persönliches Scheitern deuten.Der Mensch ist nicht seine KrankheitGerade deshalb ist Sprache in der Suchthilfe wichtig. Die moderne Suchtmedizin verwendet krankheitsbezogene und personenzentrierte Begriffe, um präziser zu sein: Abhängigkeit ist eine Erkrankung mit biologischen, psychologischen und sozialen Ursachen – und sie betrifft einen Menschen, ohne ihn auf diese Erkrankung zu reduzieren.Der Begriff «Rückfall» zeigt diese Spannung exemplarisch. Für viele Betroffene bedeutet er, wieder am Anfang zu stehen oder bereits Erreichtes verloren zu haben. Genau das erleben wir in der klinischen Praxis jedoch selten. Die meisten Menschen behalten durch erneuten Konsum ihre Krankheitseinsicht, ihre Erfahrungen oder die Fortschritte, die sie bereits gemacht haben. Solche Situationen liefern oft wichtige Hinweise auf Auslöser, Risikosituationen oder bisher unzureichende Bewältigungsstrategien.Entscheidend ist deshalb, dass Betroffene nach erneutem Konsum möglichst rasch und niederschwellig wieder in die Behandlung zurückfinden – ohne Beschämung, aber mit klarer Auseinandersetzung mit dem Geschehenen. In diesem Sinn können Konsumereignisse Teil eines Genesungsprozesses sein, ohne dass ihr Ernst verharmlost wird.Sprache transportiert HaltungDie Anerkennung einer Erkrankung hebt Verantwortung nicht auf. Sie verändert aber den Blick darauf: weg von der moralischen Bewertung hin zum konstruktiven Umgang mit der Erkrankung. Genau darum geht es in der Behandlung: Auslöser erkennen, Strategien weiterentwickeln, Unterstützung rechtzeitig nutzen und den Genesungsweg fortsetzen.Sprachliche Veränderungen entstehen zudem selten im luftleeren Raum. Sie folgen gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und fachlichen Entwicklungen. Wenn sich Begriffe ändern, zeigt sich darin ein genaueres Verständnis von Krankheit, Würde, Behandlung und den Erfahrungen der Betroffenen.Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, welches Wort verwendet wird. Entscheidend ist die Haltung, die Sprache trägt. Psychiatrische Sprache muss klar sein, ohne hart zu werden. Sorgfältig, ohne auszuweichen. Menschlich, ohne zu beschönigen. Zwischen Euphemismus und Beschämung liegt der Raum, in dem Behandlung und Veränderung überhaupt möglich werden.Christian Lorenz ist Leiter des medizinisch-therapeutischen Bereichs und Thomas Maier ärztlicher Leiter der Forel-Klinik, die auf die Behandlung von Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit spezialisiert ist.Passend zum Artikel
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Die Sprache in Medizin und Psychologie wandelt sich. Neue Begriffe sollen nicht die Wirklichkeit beschönigen, sondern möglichst sachlich, präzis und wertfrei die Situation von Kranken beschreiben.








