Der «Rückfall» wird zum «Konsumereignis»: wie Ärzte und Psychologen die Wirklichkeit in Watte hüllenEine stigmafreie Sprache soll bewirken, dass sich der Patient nicht krank vorkommt. Ob dem «Menschen mit einer Alkoholgebrauchsstörung» oder dem «höhergewichtigen Menschen» damit geholfen ist, ist fraglich.06.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZIm schönen deutschen Wort «Rückfall» ist eigentlich alles enthalten. Wer einen Rückfall erleidet, fällt zurück auf dem Weg zur Heilung. Er ist gestolpert, muss jetzt wieder aufstehen und den Weg, auf dem er zurückgefallen ist, möglichst fortsetzen. Doch aus dem «Rückfall» ist in Suchtkliniken das «Konsumereignis» geworden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Psychologen, Ärztinnen und Pflegefachleute lernen bereits in der Ausbildung, weshalb sie im Umgang mit Patienten gewisse Wörter vermeiden sollten. So gilt der Rückfall heute als zu moralisch wertend. Denn damit vermittelt man dem Alkoholiker oder Drogenabhängigen, dass er schwach ist oder versagt hat.Da ist «Konsumereignis» angeblich das sachlichere Wort: Was passiert ist, dass nämlich jemand wieder zur Flasche griff oder zu viele Schmerztabletten schluckte, bedeutet noch nicht das Ende des Weges, sondern es kann ein einmaliges Ereignis gewesen sein. Vielleicht lässt sich daraus lernen. Betont wird damit der Prozess.Niemand soll sich schuldig fühlenAllerdings brauchen die Zeilen oben bereits auch schon wieder eine Korrektur. Man sagt heute nicht mehr Süchtiger, Alkoholiker oder Drogenabhängiger. Sondern korrekt heisst es «Mensch mit einer Alkoholgebrauchsstörung» oder «Mensch mit einer Abhängigkeitserkrankung».Warum? Um zu betonen: Der Mensch ist nicht seine Krankheit, sondern er hat sie. Spricht man von einem Alkoholiker oder einem Drogensüchtigen, reduziert man die Identität dieser Person auf ihren Substanzmissbrauch.Man sagt übrigens auch nicht mehr Substanzmissbrauch. Missbrauch ist mit einer Schuldzuweisung verbunden, mit moralischer Verwerflichkeit und kriminellem Verhalten. Man beschuldigt den Betroffenen gewissermassen, er nutze die Substanz falsch. Oder habe einen schwachen Charakter. So deuten es die Sprachreformer der Psyche.Also wurde der Substanzmissbrauch durch die Substanzgebrauchsstörung ersetzt. Die Störung im neuen Wort verweist darauf, dass eine Ursache für den Konsum von Alkohol oder Drogen auch im Gehirn liegen könnte. Den Betroffenen trifft keine Schuld für sein Verhalten. Der Betroffene soll so von seiner Scham befreit werden.Zumindest die Bezeichnung «clean» oder «trocken sein» müsste eigentlich unverfänglich sein. Doch auch diese Wörter gilt es heute zu vermeiden. Im Umkehrschluss könnte «clean» nämlich heissen: Wer nichts konsumiert, ist sauber. Wer konsumiert, ist schmutzig. «Abstinent sein» ist also neutraler. Oder wenn jemand «in stabiler Genesung» ist.Der verwaltete PatientSprache formt die Wirklichkeit. Mit ihr drückt man Haltungen aus. Ihre Versachlichung im psychologischen Bereich fällt auf, weil es hier um Menschen geht und ein Verständnis für sie, um Mitgefühl, aber auch darum, dass man sie in ihrer Not ernst nimmt. Viele Umbenennungen tönen kalt und wissenschaftlich-verwaltend.Die «Fachperson» spricht nun bevorzugt von ihren «Klienten». «Klient» neu für «Patient». Denn die Behandlung soll «auf Augenhöhe» stattfinden und die begriffliche Entpathologisierung empathisch wirken. Der Gemeinte hat so weniger das Gefühl, er sei krank und seinen Heilern unterlegen.Der Kreislauf der EuphemismenBei manchen alten Begriffen ist klar, dass man sie nicht mehr sagen kann. Die Demenz löste den Altersschwachsinn ab, Trisomie 21 das Down-Syndrom und dieses den Mongolismus. Der Geisteskranke wandelte sich zur psychisch kranken Person, die nicht mehr in die Irrenanstalt, sondern in die Psychiatrie kommt.Der Schwachsinnige, Debile oder Idiot wurde irgendwann zum «Menschen mit geistiger Behinderung». Als auch dies als zu respektlos empfunden wurde, wurde daraus die «Person mit kognitiver Beeinträchtigung» oder die «Person mit kognitiver Entwicklungsverzögerung».Gerade dieses Beispiel zeigt, dass zahlreiche Diagnosen schon mehrfach umbenannt wurden. Der amerikanische Psychologe und Linguist Steven Pinker nennt dies den Euphemismus-Kreislauf: Das neue, freundlichere Wort wird im Lauf der Zeit von der Gesellschaft ebenfalls negativ bewertet. Also muss ein neues Wort her, bis auch dieses wieder einer Beleidigung gleichkommt.«Pervers» wird zum Pfui-WortIn den grossen klinischen Diagnosehandbüchern lässt sich nachverfolgen, wie die Psychiatrie humaner wurde, also weniger strafend und ausgrenzend. Im DSM-5 und im ICD-11 hat die «Geschlechtsidentitätsstörung» der «Geschlechtsdysphorie» Platz gemacht: Sich im falschen Körper zu fühlen, korrekter: geboren zu werden, ist keine psychische Krankheit mehr. Aber es kann daraus ein Leidensdruck entstehen.Als hoffnungslos veraltet und unwissenschaftlich gilt «Perversion», lange ein zentraler psychoanalytischer Begriff, der die menschliche Sexualität zu verstehen half. Pervers waren sexuelle Neigungen und Verhaltensweisen, die von der gesellschaftlich definierten Norm abwichen. «Wir sind alle pervers», hat Sigmund Freud gesagt. Das Wort «Paraphilie» hat die Perversion abgelöst. Aber nicht ausgelöscht.Die Paraphilie veranschaulicht, wie sexuelle Vorlieben normalisiert werden sollen – weg vom sittlich Anstössigen. Sexuelle Fetische wie BDSM werden nur noch als psychische Störung bewertet, wenn die Neigung psychisch belastet oder man anderen damit schadet, wie etwa bei der Pädophilie.Nur dürften die wenigsten wissen, was mit Paraphilie gemeint ist. Solche Umbenennungen sind nicht bloss steril, sondern in ihrer Sperrigkeit selbst ausgrenzend. Wie soll ein Patient den Psychiater da noch verstehen? Der Sprache fehlt die Abgründigkeit, welche die menschliche Psyche kennzeichnet.Sie wollen fett genannt werdenDie neuen Wörter sind eine «Herausforderung» (ehemals «Schwierigkeit») für die Vorstellungskraft. Man vermisst das Lautmalerische und die Bildhaftigkeit an ihnen. Dabei geht es nicht um Bezeichnungen wie Fettsucht oder Fettleibigkeit, die aus gutem Grund auf dem Index stehen, weil dahinter nicht mangelnde Disziplin steht, sondern oft eine Stoffwechselerkrankung.Dem wird das heute gängige Wort Adipositas gerecht. Auch vom «Menschen mit höherem Körpergewicht» ist die Rede. Betroffene ziehen «mehrgewichtig» statt «übergewichtig» vor, um zu betonen: Es gibt kein «richtiges» Gewicht.Manchmal lehnen sich die Umbenannten auf, die sich entmündigt vorkommen durch die glatt gebügelte Sprache. Während Psychologie und Medizin das Wort «dick» vermeiden, fordert es die Fat-Acceptance-Bewegung zurück. Aus ihrer Sicht ist fett sein eine Körpereigenschaft, die nichts Verletzendes hat, sondern zur Identität gehört.Das «Konsumereignis» verdeutlicht es: Eine achtsame, von jedem Kränkungspotenzial gereinigte Sprache soll einen von der Verantwortung entlasten, die man bei allen Zumutungen des Lebens für das eigene Wohlergehen trägt. Dabei stellt jeder Mensch auch immer wieder eine Zumutung für sich selbst dar. Man kann dies mit beschönigenden Begriffen leugnen. Oder ein Leiden anerkennen, indem man es klar und geradeheraus benennt.Passend zum Artikel