David Beckhams toxisches Erbe: Der Manosphere-Mann ist die Zuspitzung des MetrosexuellenIn den 2000er Jahren war der selbstverliebte Softie angesagt. Die heutige Sehnsucht nach harter Männlichkeit wirkt wie eine Gegenreaktion darauf. Dabei haben beide Bewegungen etwas gemeinsam.Silke Wichert23.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Fussballer David Beckham prägte den Begriff des metrosexuellen Mannes, indem er viel Wert auf sein Äusseres legte. Hier 2004, als er für Real Madrid spielte.ImagoKurz vor der Fussball-Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan 2002 liess David Beckham sich noch schnell für ein Magazin ablichten. Allerdings posierte er zur Abwechslung nicht für einen der üblichen Männertitel wie «GQ» oder «Esquire», sondern für «Attitude». Ein Hochglanz-Schwulenmagazin. Als Kapitän der englischen Nationalmannschaft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der erwartete Aufschrei blieb aus, weil Beckham damals längst zum Inbegriff des «metrosexual» geworden war. Ein neuer Typus Mann, der deutlich mehr Zeit mit Körperpflege und Spiegelgucken verbrachte, seine aufwendigen Frisuren im Wochentakt wechselte und auch einmal pinkfarbenen Nagellack trug. Die Frauen liebten ihn dafür, die Gay-Community sowieso. Und die anderen Männer? Kapierten allmählich, dass ihre Tage mit dehydrierter Haut gezählt waren und sowohl der Zeitgeist als auch erst recht der Kapitalismus deutlich mehr Einsatz und Eitelkeit von ihnen forderte.Nebenbei entwickelte sich aber auch eine Diskussion darüber, wie der moderne Mann auszusehen und ganz generell «zu sein» hatte. Ob es nicht an der Zeit sei, das maskuline Spektrum ein bisschen zu öffnen und neue, diverse Rollenbilder zuzulassen. Könnte ein etwas geschmeidigerer Mann, der ähnliche Interessen wie Frauen entwickelte, nicht sogar zu mehr Verständnis zwischen den Geschlechtern beitragen?Neue Härte à la Andrew TateDie Wortschöpfung «metrosexuell» war zum ersten Mal 1994 in einem Artikel des britischen Journalisten Mark Simpson aufgetaucht. Bis Anfang der nuller Jahre war der Begriff in sämtlichen Talkshows durchdiskutiert worden. Magazine fragten «Wie metrosexuell sind Sie?», in einer Folge der Satireserie «South Park» von 2003 wurden die Jugendlichen plötzlich von diesem «Virus» befallen, pflegten sich obsessiv und redeten nur noch über das eine Thema.Gut zwanzig Jahre später ist zumindest das Wort wieder verschwunden. Stattdessen ist ständig vom «Manosphere-Mann» die Rede, der auf den ersten Blick dem Phänomen der neunziger und nuller Jahre gegenüber nicht gegensätzlicher sein könnte. In der Manosphere – einem sogenannten Teil des Internets – wird das Männlichkeitsbild nicht mehr buchstäblich aufgeweicht, sondern wieder enger gefasst.Idole wie der Youtuber Andrew Tate oder der Ratgeber-Guru Jordan Peterson propagieren eine Rückkehr zu traditionellem Denken und Handeln, um den rechtmässigen Platz der Männer in der Hierarchie zurückzuerobern. Ihrer Meinung nach ist ein Mann vor allem ein Mann, wenn er stark, maskulin und Frauen gegenüber gnadenlos überlegen auftritt.Die Idee des metrosexuellen Schönlings scheint also in kürzester Zeit von einem reaktionären Alphatier plattgemacht worden zu sein. Mehr noch, das jüngste Männerbild wirkt geradezu wie eine logische Folge des vorherigen, wie ein harter Backlash auf eine allzu progressive Entwicklung.Die starke Frau an seiner SeiteTatsächlich entstand der Metrosexuelle ungefähr parallel zur Idee der Girl-Power. David Beckham symbolisierte die eine, seine Frau Victoria, damals besser bekannt als Posh Spice, passenderweise die andere Bewegung. Ein so gepflegter wie aufgeräumter Mann schien die perfekte Begleitung für eine modern-feministische Frau, die eine eigene Karriere anstrebte, ohne dafür ihren Sex-Appeal mit der Lohnsteuerkarte abzugeben.Victoria Beckham setzte Massstäbe, wie ein Mann zu sein hat - zumindest ihr eigener. Das Ehepaar Beckham an der Paris Fashion Week im Sommer 2023.ImagoDie neuen Power-Couples verstanden sich nicht nur im Bad zwischen diversen Crèmetiegeln. Sondern sie würden, so lautete das Versprechen, irgendwann auch bei Hausarbeit und Jobplanung gleichziehen. Es war absehbar, dass einige Männer bald fürchteten, langfristig unterdrückt zu werden, und sie versuchen würden, dem Softie den Garaus zu machen.Den frühen Metrosexuellen allerdings rückblickend als Weichei und Frauenversteher zu begreifen, deckt sich kaum mit der Definition, die Mark Simpson ursprünglich aufgestellt hatte. «Der typische Metrosexuelle ist ein junger Mann mit Geld zum Ausgeben, der in einer Grossstadt oder in deren Nähe lebt – denn dort befinden sich die besten Geschäfte, Klubs, Fitnessstudios und Friseure», so beschrieb der Pop-Journalist den neuen Typus. «Er mag sich offiziell als schwul, hetero oder bi bezeichnen, doch das ist völlig unerheblich, da er sich ganz offensichtlich selbst zum Objekt seiner Liebe und das eigene Vergnügen zu seiner sexuellen Vorliebe gemacht hat.»Vor allem der letzte Teil ist bemerkenswert: Es ging hier nämlich nie nur um urbane Verortung und jede Menge Oberfläche, sondern nicht zuletzt um die zur Schau gestellte Selbstverliebtheit.Die Eitelkeit der französischen ElfIn gewisser Form zelebrierte der Dandy diese Selbstverliebtheit schon im 18. Jahrhundert. Neu war der ausgeprägte Dienst am eigenen Körper, der nun in den männlichen Mainstream übergehen würde. Diese Entwicklung hat sich keineswegs erledigt, im Gegenteil. Man muss nur einen Blick auf die Spieler der derzeitigen französischen Fussballnationalmannschaft werfen, gegen die die Neunziger-Jahre-Version eines David Beckham geradezu mangelhaft ausgerüstet erscheint.Spieler wie Jules Koundé oder Bradley Barcola gehen mit haufenweise Designerhandtaschen in die Kabine, sie tragen High Jewelry und haben sicher Beauty-Cases, die die Dimensionen eines Kulturbeutels von Oliver Kahn aus den nuller Jahren um ein Vielfaches sprengen. Das Wort «metrosexuell» hat sich im Grunde selbst abgeschafft, weil das, was es beschrieb, so normal geworden ist.Wenn John Travolta bei den Filmfestspielen in Cannes geradezu selig lächelnd sein neues Deep-Plane-Facelift präsentiert, ist das einfach nur die neueste Stufe einer Entwicklung, der sich in Zeiten von Social Media kaum noch ein Mann entziehen kann, weil die Selbstbespiegelung ins Masslose geht.Das Schönheitshandeln erfasst Männer des ganzen politischen Spektrums: Am diesjährigen Filmfestival in Cannes sah John Travolta, 72, plötzlich um Jahrzehnte jünger aus.Marko Djurica / ReutersGen Z verehrt Bateman aus «American Psycho»Betrachtet man das Charakteristikum der Selbstobjektifizierung beim Metrosexuellen, ist die gegenwärtige Manosphere nicht etwa eine Gegenreaktion darauf, sondern eher eine toxische Zuspitzung davon. Am besten zeigt sich das am Beispiel von Patrick Bateman, dem frauenfeindlichen Serienkiller aus dem 1991 erschienenen Roman «American Psycho», der heute von jungen Männern verehrt wird. Weil er viel Geld, viel Sex – aber eben auch viel Attitüde hat.Bret Easton Ellis lässt Bateman monoton seine Pflegeroutine und die Namen seiner bevorzugten Designerlabels herunterrattern. Ellis selbst sagte später in einem Interview, er sei fasziniert gewesen, wie schwule Klischees und Rituale wie Sport und Haarentfernung von heterosexuellen Alphamännern übernommen worden seien, und erklärte, sein Buch sei wahrscheinlich «der erste Roman über einen Metrosexuellen» gewesen.Gefährlicher Schönling: Der Held in «American Psycho» (2000) nahm den Manosphere-Mann vorweg. Verkörpert wurde Patrick Bateman vom Schauspieler Christian Bale.ImagoSatirisch überzeichnete MännlichkeitMännern wie Andrew Tate dürfte es nicht gefallen, derart den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Noch weniger dürfte es ihnen gefallen, dass das Buch «American Psycho» und auch die Verfilmung mit Christian Bale eigentlich als Satire und gnadenlose Entlarvung eines hohlen, zutiefst einsamen Lebensstils gedacht waren.Wenn die Generation Z also Videoclips aus dem Film mit dem Hashtag #2026Mood feiert, sitzen sie im Grunde einer frühen Karikatur ihres eigenen Lifestyles auf, ohne es zu merken. Dafür sind sie zu sehr mit Gewichtestemmen und der Pflege des perfekten Looks beschäftigt.Passend zum Artikel