Am Opernhaus Zürich lässt der Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson Wagners Minnesänger dem Wahnsinn verfallen: Ist er der Prototyp des verunsicherten modernen Mannes, der sich nicht entscheiden kann?23.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenWagner-Wolken umwabern Tannhäuser (Eric Cutler mit Statisten). Vielleicht ist der Nebel auch in seinem Kopf: Szene aus der Neuproduktion am Opernhaus Zürich.Herwig PrammerMatthias Schulz winkt ab. Natürlich hat der neue Intendant der Oper Zürich den Streit zwischen den Bayreuther Festspielen und dem Publizisten Michel Friedman verfolgt, der letzte Woche die Kulturwelt in Atem hielt. Viel sagen möchte er dazu allerdings nicht mehr, nun, da sich die anfangs von allen Seiten befeuerte Aufregung um einen abgesagten, dann wieder zugesagten Gedenkanlass im Rahmen des Wagner-Festivals gelegt zu haben scheint. Aber man merkt Schulz das Befremden darüber an, dass der Streit über einen schlecht kommunizierten Termin überhaupt derart eskalieren konnte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zürichs Opernchef hat es indes auch leichter als seine Kollegin Katharina Wagner. Er muss keine Institution leiten, an der fast alles politisch wirkt, weil hier schon ab den 1920er Jahren führende Nazis ein und aus gingen, einschliesslich des «Führers». In Bayreuth wie in Zürich, die sich beide als Hochburgen der Wagner-Pflege verstehen, weiss man aber, dass die Probleme rund um Wagner und seine heikle Wirkungsgeschichte ohnehin am besten in den Griff zu bekommen sind, indem man nicht bloss über ihn redet, sondern seine Werke analytisch immer wieder neu befragt. Im Opernhaus stand dafür am Sonntag der «Tannhäuser» auf der Agenda.Tannhäuser (Eric Cutler) wird zerrieben zwischen dem Ideal der reinen Liebe, für das die Statue Elisabeths steht, und dem ungezügelten Begehren, das Venus (Rachael Wilson) in ihm weckt.Herwig PrammerZum Ideal versteinertVerglichen mit dem weitgehend in Zürich entstandenen «Ring»-Zyklus oder den «Meistersingern» ist diese frühe romantische Oper ideologisch unverdächtig. Eine immense Herausforderung für die Interpreten ist sie gleichwohl. Denn Wagner hat in dem Werk ein Lebensthema gestaltet, das ihn über den «Parsifal» hinaus bis zu seinem Tod in Venedig in Atem halten wird: den Gegensatz – sofern es einer ist – zwischen Lust und Liebe.Im «Tannhäuser» steht die Göttin Venus für die ungehemmte Erfüllung sexueller Triebe und damit nicht zuletzt für die Freiheit der Promiskuität. Ihre Gegenspielerin ist Elisabeth von Thüringen, sie verkörpert eine keusche Form der Liebe, die im Mittelalter «Minne» hiess und in Wagners Stück von den dazugehörigen Minnesängern züchtig gefeiert werden soll. Was natürlich schiefgeht. Denn Tannhäuser, der kühne Wiedergänger des mythischen Orpheus, fällt aus der Rolle und wird zwischen den Polen zerrieben.Was macht man heute daraus? Für die zeitgenössische Opernregie, die die beiden grossen Frauenfiguren des Werks lange auf den inzwischen arg nach Männerphantasie klingenden Widerstreit zwischen Hure und Heiliger heruntergebrochen hat, tun sich im Zeitalter schnell verfügbarer Pornografie und immer weiter diversifizierter Spielarten von Sexualität neue Schwierigkeiten auf. Wie zeigt man heute eine Göttin der Lust ohne peinliche Bettengymnastik? Wie vermeidet man, dass die – modern gesprochen – asexuell liebende Elisabeth wie ein verhärmtes Mauerblümchen herüberkommt?Der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson, der 2024 sein Debüt in Bayreuth mit «Tristan und Isolde» gab, hat für seinen Einstand in Zürich eine tragfähige Idee: Er lässt uns die Handlung mit den Augen Tannhäusers erleben, wir befinden uns gleichsam in dessen Kopf, der langsam, aber unaufhaltsam die Orientierung verliert. Venus und ihr Versprechen grenzenloser erotischer Wunscherfüllung sind für den Sinnsucher bloss eine flüchtige Illusion. Elisabeth wird dagegen dermassen zum Ideal verklärt, dass sie – trotz anfänglicher Gegenwehr – zunehmend versteinert, nämlich buchstäblich zur Statue wird.Die «teure Halle», die Elisabeth (Christina Nilsson) bei ihrer Auftrittsarie besingt, ist in Wahrheit ein goldener Käfig, dessen Wände allmählich immer enger zusammenrücken.Herwig PrammerDas ist klar und klug gedacht, und es funktioniert im starken dritten Akt, in dem es zum Showdown der widerstreitenden Prinzipien kommt und zum psychischen Zusammenbruch Tannhäusers, sehr überzeugend. In den beiden Aufzügen zuvor hat man dagegen ein paar Durststrecken zu überwinden. Zur rauschhaften Eröffnungsszene im Venusberg ist Arnarsson nicht viel mehr eingefallen als ein langweiliger langer Partytisch mit leeren Plastikgläsern. An ihm werden, irgendwie alibimässig, ein paar Quickies zelebriert. Rachael Wilson singt die Venus mit gehörigem Druck auf der Stimme, bleibt aber, vermutlich gewollt, eine unterkühlte Projektionsfigur.Kurz darauf bricht die koksende und beschwipste Wartburg-Gesellschaft mit einem Leichenwagen durch die Bühnenwand. Darin kutschiert sie wie zum Hohn die besagte Statue der Elisabeth herbei. Die wird im zweiten Aufzug wundersam lebendig – in Gestalt der überragenden Christina Nilsson, die den Rest des Abends anrührend darum kämpft, dass das marmorne Weiss ihres Antlitzes nicht wieder zur Totenmaske erstarrt. Bis sie im dritten Akt aufgibt.Kein stimmiges GanzesBeim zentralen Sängerkrieg versucht es Arnarsson dagegen wieder mit Humor, der ihm immer ein bisschen zu schrill gerät. Nichts gegen eine gekonnte Überzeichnung der sängerischen Eitelkeiten bei diesem spektakulär aus dem Ruder laufenden Song-Contest. Aber die Karikaturen sitzen nicht. Überhaupt hat der Regisseur Mühe, Charaktere theatralisch mit Leben zu erfüllen. So geistert Christian Gerhaher zwar eindrucksvoll als dauerergrimmter Wolfram von Eschenbach durchs Geschehen, während er jede Nuance seiner Partie wie mit dem Silberstift zeichnet. Aber was ihn so verbittert? Das ganze Theater vielleicht? Die Regie erzählt es nicht.Irgendwann fährt der verbitterte Wolfram von Eschenbach (Christian Gerhaher) aus der Haut. Aber da hat Tannhäuser (Eric Cutler, liegend) sein lustvolles Techtelmechtel mit der Liebesgöttin Venus bereits offenbart.Herwig PrammerSie erzählt uns auch wenig über die Titelfigur, die ebenfalls kaum mehr ist als eine weissgekleidete, am Ende arg besudelte Projektionsfläche. Ist das ein Künstler im Zwist mit sich selbst? Ein gründlich verunsicherter moderner Mann? Oder gar ein Psychopath? Der ungewisse Eindruck rührt auch daher, dass Eric Cutler die monströse Tenorpartie bei seinem Rollendebüt zwar beherrscht, aber noch zu wenig gestaltet. Vor allem müsste er das Geschehen szenisch wie musikalisch viel stärker dominieren.Hier hätte ihm Tugan Sokhiev helfen können. Aber der künftige Chefdirigent des Orchestre de la Suisse Romande wählt bei seinem Zürcher Debüt recht behäbige Tempi, die die Sänger ein ums andere Mal ausbremsen, anstatt sie zu tragen. In den grossen Chor- und Ensembleszenen hängt die Spannung durch. Andere Passagen, vor allem die leisen, sind wundervoll ausmusiziert. Man hört das Potenzial, aber ein stimmiges Ganzes ergibt sich, wie bei der Inszenierung, nicht.Passend zum Artikel
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