PfadnavigationHomePolitikDeutschlandVorschläge der Rentenkommission„Mit 60 in Rente gehen, sollte Geschichte sein“, sagt PalmerStand: 15:26 UhrLesedauer: 4 MinutenPolitikwissenschaftler Volker Kronenberg sieht in den Vorschlägen der Rentenkommission die Chance auf einen grundlegenden Umbau der Altersvorsorge. Entscheidend sei nun, dass die Koalition das Gesamtpaket tatsächlich umsetzt und ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis stellt.Experten und Politiker reagieren auf die Rentenpläne der Kommission: Während Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer die Reformvorschläge lobt, hält Ifo-Chef Clemens Fuest die Empfehlungen für unausgewogen.Das gesetzliche Rentensystem hat ein Finanzierungsproblem: Immer weniger Beitragszahler, immer mehr Rentner und eine steigende Lebenserwartung bringen es an seine Grenzen. Eine von der Regierung eingesetzte Expertenkommission hat rund 30 Reformvorschläge erarbeitet. Für Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer stimmt die Richtung der Reformvorschläge. „Mit 60 gehen, das machen zwar tatsächlich immer noch viel zu viele, das sollte aber Geschichte sein“, sagte Palmer bei WELT TV. Die Kommission versuche, „die Balance zu halten zwischen dem, was die bekommen, die in Rente sind, und dem, was die zahlen müssen, die aktiv arbeiten“. Die Belastung der aktiven Generation wachse „und wächst, sie ist viel zu groß“.Lesen Sie auchPalmer nannte die Abschaffung der „Rente mit 63“, eine längere Lebensarbeitszeit und das Kapitaldeckungsprinzip „auf jeden Fall gute Ideen“. Er sagte weiter: „Ich hoffe, dass es nicht wieder zerredet wird. Wir brauchen jetzt wirklich eine grundlegende, radikale Reform, auch um wieder Vertrauen in die Politik zu finden, dass in diesem Land noch was verändert werden kann, und zwar bitte ohne Krieg.“Fuest fordert schnellere Erhöhung des Rentenalters Der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, hält die Empfehlungen hingegen für unausgewogen. Sie schonten „die Babyboomer, die in den kommenden Jahren in Rente gehen, und nehmen dafür eine hohe Belastung der jüngeren Generationen in Kauf“, sagte Fuest. „Um die Babyboomer stärker an den Lasten zu beteiligen, hätte man das Rentenalter schneller erhöhen können.“ Viele Vorschläge gingen aber „in die richtige Richtung“, vor allem der Einstieg in die Kapitaldeckung.Lesen Sie auchDie Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, sieht in den Rentenplänen vor allem eine Entlastung der Rentenkassen. „Da geht es jetzt nicht um eine Entlastung der Industrie, sondern um eine Entlastung der Rentenkassen in dem Fall ganz konkret“, sagte Müller bei WELT TV. „Und wenn wir Altersarmut verhindern wollen, dann müssen wir zu solchen Maßnahmen, glaube ich, auch greifen.“ Müller forderte zugleich Strukturreformen in anderen Bereichen und verwies auf die „überbordende Bürokratie“. Die Vorsitzende des Wirtschaftsweisen-Gremiums, Monika Schnitzer, zeigte sich zufrieden. Die Regierungsparteien müssten sich die Vorschläge zu eigen machen und das Rentensystem zukunftsfähig und generationengerechter machen.DIW-Präsident Marcel Fratzscher gehen die Pläne nicht weit genug. Sie änderten auf absehbare Zeit nichts Grundlegendes an den drei größten Problemen: hoher Altersarmut, starker Belastung der jungen Generation und Schieflagen bei der Gerechtigkeit. Die geplante Erhöhung des Rentenalters komme zu langsam.Lesen Sie auchDer Sozialverband Deutschland (SovD) zeigte sich enttäuscht. Vor allem der Einstieg in die Kapitaldeckung sei bedenklich, sagte Verbandsvorsitzende Michaela Engelmeier. Erträge am Kapitalmarkt seien für die gesetzliche Rentenversicherung nicht verlässlich kalkulierbar. Außerdem sei die Chance vertan worden, alle Beschäftigten in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen.DIW lobt Empfehlung zur Anhebung des Rentenalters DIW-Experte Peter Haan begrüßt die Empfehlung zur Abschaffung der „Rente mit 63“, der Rente für besonders langjährig Versicherten, heute faktisch mit 64,5 Jahren. Diese Maßnahme könnte die Kassen nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) um rund zehn Milliarden Euro jährlich entlasten. Auch eine Anhebung des Rentenalters, gekoppelt an die Lebenserwartung, gehe in die richtige Richtung, erklärte DIW-Experte Peter Haan. „Die Vorschläge der Rentenkommission sind ein guter Aufschlag und gehen auf jeden Fall in die richtige Richtung“, sagte er. Nun komme es darauf an, „dass sie auch umgesetzt und nicht verwässert“ würden. Auch die geplante kapitalgedeckte Zusatzrente könne langfristig helfen. Sie bedeute zwar höhere Beiträge für Beschäftigte und Arbeitgeber, sagte Haan. „Wenn diese moderat ausfallen, sollten sich die höheren Rentenbeiträge nicht nennenswert negativ auf die Beschäftigung auswirken.“Die Rentenkommission will ihre Empfehlungen am Dienstag an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) übergeben. Geplant sind unter anderem das Aus für die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte, eine schrittweise Anhebung des Rentenalters über 67 Jahre hinaus und eine Kapitalrente mit einem zusätzlichen Beitragssatz von zwei Prozent. Die Spitzen von CDU, CSU und SPD wollen sich Anfang Juli auf Eckpunkte einer Rentenreform verständigen.coh mit KNA/Reuters