Buda Mendes / GettyVolle Strände, überbuchte Flugzeuge, dichtes Gedränge beim Sightseeing. Die heutige Art des Reisens ist noch jung. Eine verkürzte Geschichte des Reisens.22.06.2026, 10.25 Uhr6 LeseminutenNach dem Wetter sind Ferien das zweitbeste Thema zur Plauderei. Es geht darum, wie wir die grossen Touristenmassen in Rom umgehen, wann die beste Reisezeit für Japan ist, wo es in Paris die beste Kunst zu sehen gibt. Und um ganz sicher zu gehen, fragen wir auch noch die KI. Prompten, optimieren, buchen. Willkommen im verplanten Paradies.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Manchen jungen Menschen ist das Reisen so wichtig, dass sie dafür das Studium oder die Jobsuche vertagen. Oder die Kinderfrage aufschieben. Sie wollen erst die Welt sehen, ein paar Abenteuer erleben, unbeschwert verreisen. Reisen ist ihr Hobby. Oder gar ihr Lebenssinn.Für viele Europäerinnen und Europäer ist das Reisen selbstverständlich geworden. Heute gilt es aber als Problem, Touristen werden gejagt und verjagt. Der Massentourismus ist überall. Aber woher kommt er eigentlich?Reisen hat immer einen ZweckDie ersten grossen Reisen sind aus der Antike überliefert: die Pilgerreisen der Griechen, der Römer, der Ägypter. Die damaligen Routen sind teilweise noch heute begehbar. Einige gehören zu den wichtigsten Ritualen der Weltreligionen: Die Muslime machen den Hajj, die Pilgerfahrt nach Mekka, Hindus baden sich im Fluss Ganges in Indien, Christen reisen nach Jerusalem.Bereits in der Antike wurden in der europäischen Literatur die ersten Reisegeschichten aufgeschrieben. Homer verschriftlichte im Epos «Odyssee» die zehnjährige Irrfahrt des Königs Odysseus und seiner Gefährten auf der Heimreise nach dem Trojanischen Krieg. Das Werk aus der griechischen Mythologie gilt als einer der ältesten Texte der abendländischen Literatur. Als Abenteuergeschichte diente er den Mutigen und Neugierigen zur Inspiration.Ein Mosaik aus Tunesien aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. zeigt Odysseus, wie er auf seiner Irrfahrt über das Mittelmeer vom betörenden Gesang der Sirenen angelockt wird.De Agostini / GettyBestens überliefert sind etwa die Berichte Marco Polos aus dem 13. Jahrhundert. Polo stammte aus einer Kaufmannsfamilie. Seine Eindrücke von Reisen nach Asien, insbesondere China, dienten dem Westen als Einblick in eine noch fremde, unerreichbar wirkende Welt. Reisebücher wurden nach der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert zu einem beliebten Genre der Literatur. In den Erzählungen wurde das Fernweh geweckt und die Idee, den Sinn des Lebens in fernen Ländern zu suchen.Bis die Mehrheit der Menschen beim Namen Marco Polo an Reiseführer für die Hosentasche dachte, dauerte es noch Jahrhunderte. Denn noch fehlten den meisten Menschen fürs Reisen die Zeit und das Geld. Auf Reisen gingen nur die Handwerker, Entdecker, Kaufleute und die Adligen zur Kontrolle ihrer Ländereien. Gründe für das Reisen waren vorerst nur die Forschung, die Arbeit und das Geld.Die Männer von WeltIm 17. und 18. Jahrhundert begann eine weitere Bevölkerungsgruppe zu reisen: der junge männliche Nachwuchs des Adels. Auf der sogenannten Kavalierstour reiste er zu den wichtigsten Stätten und antiken Denkmälern Europas. Das gehörte zum guten elitären Ton. Später gesellten sich die Söhne des reichen Bürgertums dazu. Diese «grand tour» galt als Bildungs- und Selbstfindungsreise, sie machte die Junggesellen zu Männern von Welt.Der berühmte Dichter Johann Wolfgang von Goethe etwa hielt seine Erlebnisse im literarischen Reisebericht «Italienische Reise» fest. Goethe schrieb: «Neapel ist ein Paradies, jedermann lebt in einer Art von trunkener Selbstvergessenheit. Mir geht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch.»Der Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein porträtierte den Dichter Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1786/87 auf dessen Italienreise in der Campagna.Martin Kraft / Städel-Museum Frankfurt / PDDurch den Kolonialismus entstanden ausserdem neue Handelsrouten. Immer mehr Entdecker, Abenteurer und Forscher reisten über sie auf andere Kontinente. Sie berichteten in Briefen und Büchern und lehrten die Europäer das Wissen über fremde Kulturen und die Natur.Bis tief ins 18. Jahrhundert waren es vor allem Männer, die reisten. Dann kam Ida Pfeiffer. Sie war eine kleine Sensation: Pfeiffer war 1797 in Zeiten des Biedermeiers in Wien geboren. Mit 45 Jahren und wenig Geld begann sie zu reisen. Sie wagte sich alleine durch den Dschungel von Borneo, unternahm zwei Weltreisen, legte 240 000 km auf dem Seeweg zurück. Pfeiffer schrieb darüber in dreizehn Büchern und wurde zu einer bekannten Autorin.In ihrem Buch «Eine Frauenfahrt um die Welt» von 1850 schrieb Pfeiffer: «Wie es den Maler drängt, ein Bild zu malen, den Dichter, seine Gedanken auszusprechen, so drängt es mich, die Welt zu sehen.» Pfeiffers Reiseerzählungen lieferten Inspiration für Abenteuerromane, unter ihnen etwa die Bücher des weltbekannten französischen Schriftstellers Jules Verne. Die Menschen konnten darin in Sehnsüchten und Welten schwelgen, Helden auf wilden Reisen begleiten, die für sie noch immer undenkbar schienen.Bis die Dampflok die Welt ein klein bisschen kleiner wirken liess.Ferien für die ErholungDie Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts revolutionierte das Reisen. Durch den technischen Fortschritt bei der Eisenbahn erreichten immer mehr Menschen die europäischen Städte, das Meer, die Berge. Sie gönnten sich Aufenthalte an Kurorten, wo Luft und Wasser als heilend galten. Zur Zeit der Belle Époque entstanden mit den Grand-Hotels mondäne Zentren, in denen sich internationale Gäste und Diplomaten zu Verhandlungen und Vergnügen trafen.Später verbrachten auch Künstler und Literaten ihre Sommer an diesen Kurorten. Die Côte d’Azur wurde zum kosmopolitischen Atelier: Picasso, Matisse, Chagall liessen sich an der französischen Riviera nieder und trugen dazu bei, dass die Region heute zu den beliebtesten Ferienorten der Welt gehört.Die Literatur weckte die Faszination der Menschen fürs Reisen, die Eisenbahn brachte sie ans Ziel. Doch der Trend zum Massentourismus geht auf den Briten Thomas Cook zurück.Cook gilt als Begründer des modernen Pauschaltourismus. Seine erste selbst organisierte Reise war ein Tagesausflug im Juli 1841: eine Zugfahrt von Leicester bis Loughborough in England, 16 Kilometer, rund 500 Passagiere, Unterhaltung durch eine Blaskapelle, eine Pause mit Tee und Gebäck. Die Passagiere waren begeistert, der Zug wurde am Ziel frenetisch begrüsst. Cook verhandelte mit der Eisenbahn, mit Hotels und Restaurants und schrieb ein vollständiges Reiseprogramm. Später verfasste er den ersten Reisekatalog der Welt.Zunächst organisierte Cook die Ausfahrten aus dem Wunsch heraus, etwas Gutes zu tun. Er engagierte sich gegen die Trunksucht; Arbeiter sollten sich erholen können, statt ihre Freizeit in einer Bar zu verbringen. Dann merkte er, dass sich damit gutes Geld verdienen lässt.Der erste Firmensitz von Thomas Cook am Ludgate Circus in London wurde 1873 eröffnet. Das Bild entstand zirka im Jahr 1910.Thomas Cook ArchiveCooks Reisen wurden immer kommerzieller. Vorerst fanden sie innerhalb Englands statt, später führten sie nach Schottland, Paris, Ägypten. 1872 organisierte Cook die erste Pauschal-Weltreise: in 222 Tagen per Dampfschiff in die USA, dann weiter nach Japan und auf dem Landweg über China und Indien zurück nach Europa. Die ersten Mittelmeerkreuzfahrten gab es ab 1891, vorerst noch im Winter, wenn die Transportschiffe nicht ausgelastet waren.Die Reisen waren so erfolgreich, dass Thomas Cook sie bald nicht mehr allein organisieren konnte. Aus dem Namen wurde ein Grossunternehmen mit Niederlassungen auf der ganzen Welt.Schon zu den Anfängen der Reisen von Thomas Cook gab es Stimmen, die sich über die Pauschaltouristen enervierten. Der in Italien lebende irische Journalist Charles Lever schrieb über den Zustand in italienischen Städten: «Sie kommen nicht zu zweit oder zu dritt, sondern sie kommen in Horden. Sie starren uns an, lachen uns aus und stören unsere Gottesdienste.»Reisen wird zum SelbstzweckDoch trotz Thomas Cook war das Reisen noch längst kein Freizeitspass der Massen. Fabrikarbeiter etwa hatten kaum Rechte, ihre Arbeitstage waren lang, bezahlte Ferien gab es für sie nicht. Mitte des 19. Jahrhunderts bildeten sich in Deutschland und der Schweiz die ersten Gewerkschaften, die gegen soziale Missstände in den Fabriken mobilisierten. Die ersten gesetzlich bezahlten Ferien erhielten deutsche Brauereiarbeiter 1903. Sie erstritten sich drei Ferientage im Jahr.Es folgten weitere tarifvertragliche und regionale Regelungen, doch bis die bezahlten Ferien für alle auch auf Bundesebene gesetzlich gesichert wurden, dauerte es in Deutschland noch bis 1963, in der Schweiz bis 1966. Es war die Nachkriegszeit, und das Reisen war nun auch für die Mittelschicht bezahlbar.Im Jahr 1948 löste der neu eröffnete Flughafen in Kloten den Flughafen Dübendorf als internationalen Airport ab.Schmidli/ Photopress / KeystoneZudem wurden die Flugreisen billiger. 1958 führten Fluggesellschaften die Economy-Class ein, 1992 wurde der europäische Luftverkehr liberalisiert, mit Ryanair und Easy Jet begann die Ära der Billig-Airlines. Für ein Wochenende nach Barcelona, eine Maturareise nach Istanbul, einen Junggesellenabschied auf Mallorca: Die sogenannte «Generation Easy Jet» gewöhnte sich daran, schnell und billig zu verreisen. Jeder konnte jetzt ein kleiner Entdecker sein oder eine Frau von Welt.Zwei Wochen Ferien reichen heute, um in Peru nach Machu Picchu zu wandern, auf der Chinesischen Mauer zu spazieren, in Portugal das Surfen zu lernen oder auf einem Kreuzfahrtschiff durch die Karibik zu schippern. Der grosse Unterschied zu den Abenteurern von damals: Wir sind beim Reisen nie allein. Und so beginnt die wahre Entdeckungsreise des 21. Jahrhunderts im Internet: auf der Suche nach einem Ort, an den nicht auch alle anderen hinfahren.In Venedig sorgen heute vor allem die grossen Kreuzfahrtschiffe für Ärger.Arnulf Hettrich / ImagoPassend zum Artikel