Ennio Leanza / KeystoneTopstars treten lieber in Mailand und Paris auf als in Zürich oder Basel. Selbst das Hallenstadion wird für viele Produktionen zu klein. Am Ende könnten die Schweizer Fans dafür bezahlen: mit höheren Ticketpreisen.06.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenWenn Metallica ins Letzigrund kommt, ist das ein Ereignis. Für die Fans ohnehin – aber auch für eine Branche, die aufmerksam hinschaut. Das Konzert Ende Mai ist der einzige Schweizer Auftritt auf dieser Welttournee. Und man muss es so sagen: Dass Metallica überhaupt in Zürich spielen, ist alles andere als selbstverständlich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn die Arenen und Stadien in der Schweiz reichen für die immer grösseren Shows der internationalen Pop-Stars nicht mehr aus. Was tun? Diese Frage diskutierten Veranstalter und Hallenbetreiber kürzlich an einem Kongress in Andermatt. Philipp Musshafen, CEO des Hallenstadions, sagte: «Die Kapazität wird wichtiger. Und da kann die Schweiz mit dem Ausland nicht mehr mithalten.»Die Tourneepläne der Pop-Stars beweisen das. Bad Bunny spielt in Mailand statt in Zürich, die Foo Fighters halten in München. Auch die immer populäreren Residencies, bei denen Künstler mehrmals am selben Ort auftreten, finden anderswo statt. Céline Dion spielt zehn Abende in Paris, Ariana Grande zehn Abende in London. Die Backstreet Boys kommen für zehn Auftritte nach Düsseldorf. Die Schweiz lassen sie ganz aus.Wenn die Halle zu klein ist, wird das Stadion gefüllt: Metallica bei ihrem letzten Auftritt im Stadion Letzigrund, Mai 2019.Ennio Leanza / KeystoneDie Schweiz, ein genügsames Event-LandKaum jemand kritisiert das lauter als André Béchir, der Grossmeister der Schweizer Konzertszene. Er sagt: «Wenn die Schweiz ein Ort für Grossanlässe bleiben will, muss sie jetzt anfangen zu planen. Gebaut ist so eine Halle erst in zwanzig Jahren.»Es ist die Perspektive eines Mannes, der das Geschäft schon lange kennt. Béchir hat sie alle geholt, von Bruce Springsteen über Elton John bis zu Taylor Swift. Und immer wieder die Rolling Stones. Eigentlich hätten sie diesen Juni erneut hier auftreten sollen, sogar eine Location gab es. Dann wurde die Tournee abgesagt.Den ersten Auftritt der Stones organisierte Béchir im Jahr 1982 im Basler St.-Jakob-Stadion. Seither habe sich die Infrastruktur kaum verändert, sagt er. Zwar wurden das Basler Joggeli, das Zürcher Letzigrund und das Berner Wankdorf neu gebaut, «aber primär für den Fussball und die Leichtathletik, nicht für die Musik». Auch das Hallenstadion hat Béchir als Direktor Anfang der nuller Jahre umbauen lassen. «Mehr ist nicht passiert.»Was fehlt, ist für Béchir offensichtlich: eine multifunktionale Grossarena, wie sie in Städten wie München oder Wien geplant ist, mit Platz für mindestens 20 000 Zuschauerinnen und Zuschauer, guter Anbindung an den öffentlichen Verkehr, genug Parkplätzen und einem durchdachten Gastronomieangebot. «Es tut mir leid», sagt er, «aber keine Arena und kein Stadion in der Schweiz erfüllt diese Kriterien.»Der Mann, der die Weltstars in die Schweiz holte: André Béchir.Annick Ramp / NZZDoch selbst wenn eine solche Halle gebaut würde, blieben Fragen: Reicht der Schweizer Markt aus, um internationale Topstars anzuziehen, gar für mehrere Abende hintereinander? Würden Zuschauer aus dem Ausland ins teure Zürich reisen statt ins günstigere München? Sicher beantworten kann das niemand. Vielleicht erklärt das, warum ein Projekt dieser Grösse bis heute nicht vorangetrieben wird.André Béchir widerspricht. «Der Markt ist da», sagt er. Laut der Swiss Music Promoters Association wurden im vergangenen Jahr mehr als 3000 Konzerte und Festivals organisiert, die mit Tickets, Catering und Sponsoring eine halbe Milliarde Franken umsetzten. Bei Grossanlässen reicht der wirtschaftliche Nutzen darüber hinaus: Eine Studie der Hochschule für Wirtschaft in Zürich hat alleine für die beiden Auftritte von Taylor Swift vor zwei Jahren eine Gesamtwertschöpfung von 93 Millionen Franken errechnet. Für Béchir ist klar: Mit den richtigen Namen würde es klappen.Ein Ausbau des Hallenstadions? «Pflästerlipolitik!»Vorerst bleibt ihm und anderen Veranstaltern aber nur, mit dem zu arbeiten, was da ist. Nur: Fast jede Venue hat ihre Einschränkungen. Im Zürcher Letzigrund sind nur vier Konzerte pro Jahr erlaubt. In Bern und Basel blockieren die Spielpläne des Fussballs die besten Daten. Die Festhalle auf dem Berner Expo-Areal ist zu klein, die Arena de Genève ebenso, und St. Gallen ist für die meisten zu weit weg.Bleibt die 2022 eröffnete Swiss-Life-Eishockey-Arena in Zürich. Sie wäre modern und gut angebunden. Doch Konzerte sind dort gar nicht erlaubt. Dafür zahlt die Stadt Zürich jährlich bis zu zwei Millionen Franken an die Betriebskosten. So soll eine Konkurrenz zu jenem Ort verhindert werden, an dem sie selbst beteiligt ist: dem Hallenstadion.Dieses ist die wichtigste Bühne des Landes für internationale Acts. Erst kürzlich trat die spanische Sängerin Rosalía dort auf, bald folgt Robbie Williams. Doch das Hallenstadion ist ein Bau aus einer anderen Zeit, eröffnet wurde es im Jahr 1939. «Eine wunderschöne Halle», sagt Béchir, «aber in die Jahre gekommen.» Von einem immer wieder diskutierten Ausbau hält er nichts. «Das ist Pflästerlipolitik.»Mehr Tickets bedeuten mehr UmsatzPhilipp Musshafen probiert es trotzdem, das mit dem Ausbau. Seit sechseinhalb Jahren führt er das Hallenstadion und sieht sich selbst als «Hallenwart mit Dienstleistungsfunktion». Musshafen bucht keine Künstler, sondern vermietet die Arena an internationale Veranstalter. Er weiss, was heute verlangt wird. Und dass es eng wird.Ein «Hallenwart» mit einer komplizierten Aufgabe: Philipp Musshafen, Chef des Hallenstadions.Andrea Zahler / CH MediaEin Grund dafür sei, dass mehr Top-Acts von Konzernen wie Live Nation oder DreamHaus gemanagt werden. «Sie entscheiden, wo gespielt wird und in welcher Reihenfolge.» Passt die Stadt in den Tourneeplan? Lassen sich genügend Einnahmen erzielen? Wie hoch sind die Kosten? Zürich kann da kaum mithalten.Auf der Ausgabenseite steht das Preisniveau. Löhne, Logistik, Aufenthalte; in der Schweiz ist vieles teurer. Auch die Miete im Hallenstadion ist klar geregelt. 14 Prozent der Ticketerlöse geben die Veranstalter ab, mindestens 19 000, maximal 140 000 Franken. Das ist nicht überdurchschnittlich viel, aber es ist Teil einer kostspieligen Umgebung.Auf der Einnahmenseite wirkt die Kapazität. Die 15 000 Plätze des Hallenstadions sind schnell gefüllt. Neue Arenen im Ausland fassen 18 000 oder 20 000 Menschen. «Für einen Top-Act macht das einen Unterschied», sagt Musshafen. Mehr Tickets bedeuten mehr Umsatz. So simpel ist die Rechnung.Ging als «Monsterkonzert» in die Geschichte ein: Im Mai 1968 traten Jimi Hendrix und andere Musiker im Hallenstadion auf.Photopress-Archiv / KeystoneJedes Szenario hat einen HakenEinfach vergrössern, wie es oft gefordert wird, lässt sich das Hallenstadion aber nicht. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz, jeder Eingriff ist ein politischer Akt. Ein Problem etwa ist die Statik. Moderne Produktionen bringen tonnenschwere LED-Wände und bewegliche Bühnen mit. In den neuen Arenen ist das kein Thema, im Hallenstadion schon.Deshalb wird investiert. In neue Trägersysteme, sogenannte Rigging-Anlagen, die die Last besser verteilen können. Auch der Logenbereich soll im nächsten Jahr erneuert werden. Vieles wird besser, moderner, effizienter. Doch das Grundproblem bleibt. Das weiss auch Musshafen. «Was können wir tun, um 3000 bis 4000 zusätzliche Plätze zu schaffen?» Die Frage steht schon lange im Raum.Mit Ingenieuren und Architekten lässt Musshafen derzeit verschiedene Szenarien prüfen. Doch jede Variante kommt mit einem Problem. Hebt man das Dach an, bleibt die statische Limite. Baut man aus, greift man tief in die Struktur ein und damit in den Denkmalschutz.So bleibt die Frage nach einer modernen Konzerthalle ungelöst. Ein grundlegender Umbau des Hallenstadions ist kaum realistisch, ein Neubau ebenso umstritten. «Wir brauchen hundert Veranstaltungen pro Jahr, um wirtschaftlich zu arbeiten», sagt Musshafen. Entstünde in Zürich nun eine zweite Halle mit gleich vielen oder mehr Plätzen, «gäbe es einen Preiskampf, und am Ende würden beide verlieren».Musshafen hat deshalb eine andere Idee: Wenn die Kapazität nicht wachsen kann, muss der Preis steigen.«Die Schweiz hat es verpasst, die Ticketpreise für internationale Künstler anzupassen», sagt er. Nach der Pandemie hätten die Veranstalter in Deutschland oder Grossbritannien die Preise deutlich erhöht. Nur in der Schweiz seien sie vorsichtig geblieben.Dabei zeige die Nachfrage, dass da noch mehr möglich sei. Musshafen verweist auf das bevorstehende Pitbull-Konzert im Hallenstadion. Innert kürzester Zeit war es ausverkauft. «Da hätte man gewisse Kategorien auch 20 oder 30 Franken teurer anbieten können.»Mit solchen Aufschlägen liesse sich ein Teil der fehlenden Kapazität kompensieren. «Am Ende muss ein Künstler hier gleich viel verdienen können wie in Paris, auch wenn dort 20 000 Menschen im Saal stehen. Sonst sind wir bald gar nicht mehr wettbewerbsfähig.»Volles Haus, aber nicht immer mit grossen Namen: Konzert der Schweizer Band Pegasus im Hallenstadion, Oktober 2021.Ennio Leanza / KeystonePassend zum Artikel
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