GastkommentarKuscheln mit der Hamas – die Scheinrebellen des deutschen MedienbetriebsAktivistische Journalisten prangern die angeblich israelfreundlichen Medien an. Ihr Geschrei erhält viel Aufmerksamkeit, wie das Buch «Staatsräsonfunk» zeigt.Jonathan Guggenberger22.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenFür Fabian Goldmann vollbrachte die Hamas eine «taktische und militärische Glanzleistung»: Schusslöcher in einem Schlafzimmerfenster im Kibbutz Holit, 26. Oktober 2023.Dan Kitwood / GettyWer in einem medienkritischen Buch zum 7. Oktober und zu Gaza die Schlagzeile «Kriegsverbrechen im Selfie-Modus» liest, denkt vermutlich zuerst an die Hamas. Schliesslich haben deren Terroristen die Hinrichtungen jüdischer Familien mit Action-Cams gefilmt und selbstbewusst live gestreamt. Der Journalist und Social-Media-Agitator Fabian Goldmann sieht es aber ganz anders.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die erwähnte Überschrift stammt aus seinem Buch «Staatsräsonfunk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza», das neulich im sozialistischen Manifest-Verlag erschienen ist. Für Goldmann sind die Selfie-Modus-Verbrecher nicht bei der Hamas zu suchen, sondern ausschliesslich bei Israeli. Gemessen an seinem redundanten Stil und seinem projektiven Charakter, wäre Goldmanns Buch nicht der Rede wert. Doch seine Kritik am scheinbar israelhörigen deutschen Journalismus stösst auf viel Resonanz.Ich-Reportagen über «Islamfeindlichkeit»Goldmann gehört im deutschen Medienbetrieb zu einem Kreis von Scheinrebellen, die trotz ihren Meinungen aus der ideologischen Schmuddelecke ernst genommen und hofiert werden. Mit ihrem gut gespielten Antagonismus zur deutschen Staatsräson und zu klassischer Medienmacht erreichen sie eine Armada von Followern.Als Medienkritiker schrieb Goldmann für den in etablierten Medien oft zitierten Watchdog-Blog «Übermedien». Als vermeintlicher Experte berät er Redaktionen zu Themen wie Antidiskriminierung und Vielfalt. Dies im Dienst des Vereins Neue deutsche Medienmacher*innen, der teilweise mit Bundes- und EU-Mitteln gefördert wurde – und Journalisten zu diskreditieren versucht, indem er zum Beispiel Recherchen über Clan-Kriminalität in Deutschland pauschal als rassistisch brandmarkt.Für den «Spiegel», «Vice» und evangelische Online-Magazine schrieb Goldmann Ich-Reportagen über «Islamfeindlichkeit» und israelische Abschiebegefängnisse, in denen sich sein Hass auf den jüdischen Staat und seine Bewunderung für dessen islamistische Gegner bereits abzeichneten.Passend dazu bedient Goldmann mit «Staatsräsonfunk» eine Verschwörungsphantasie, die sich seit dem 7. Oktober im pseudoliberalen Kulturbetrieb und unter autoritären Linken zur Kollektivpsychose entwickelt hat. Die Geschichte geht so: Eine Phalanx aus israelischen Propagandabeamten und deutschen Journalisten zensiere jede Stimme, die Israels Krieg in Gaza kritisiere. Grund dafür ist angeblich die Staatsräson, die in deutschen Medien wegen des historischen Schuldgefühls vieler Journalisten wie eine Ersatzreligion wirke. So weit, so bekannt, so verzerrt.Die Hamas «brutal» zu nennen, findet er falschGoldmann dreht diese These in seinem Buch noch weiter. Er beklagt, deutsche Medien hätten Israels Verbrechen systematisch geleugnet und dadurch einen israelischen «Genozid in Gaza» erst ermöglicht.Diese These will Goldmann anhand von 11 125 Beiträgen in grossen Medien beweisen. Er spricht von einer «Untersuchung». Wie er diese eindrückliche Datenmenge gesammelt und ausgewertet hat, erfährt man aber nicht. Die schiere Masse soll überzeugen, dazu gibt’s nichtssagende Diagramme und Zitate von «führenden Fachleuten» und Persönlichkeiten wie Hannah Arendt, Edward Said, Judith Butler oder Helmut Schmidt.Goldmann, das wird beim Lesen schnell klar, will mit der Wissenschaftspose ablenken. Wovon? Vom Antisemitismus der Hamas. Die Erzählung von den israelverliebten deutschen Journalisten stützt sich bei Goldmann allein auf die zynische Annahme, die Hamas wolle gar nicht alle Juden vernichten, sie führe nur einen nachvollziehbaren Kampf gegen die israelischen Besetzer Palästinas.Die Hamas bezeichnet Goldmann verharmlosend als «palästinensische Bewegung» und behandelt sie wie einen normalen politischen Akteur, der in Gaza durch «demokratische Wahlen» an die Macht gekommen sei. Und nicht etwa durch das gewaltsame Auslöschen jeglicher Opposition. Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober, bei dem Frauen vergewaltigt, Kinder ermordet und auch asiatische und afrikanische Arbeiter nicht verschont wurden, hält er – darin dem amoralischen Snobismus eines Ernst Jüngers gleich – für eine «taktische und militärische Glanzleistung».Das Adjektiv «brutal», so belehrt er die Leserschaft, sei für die Verbrechen der Hamas eine «dramatisierende Bezeichnung». Diese Sichtweise haben die Medien laut Goldmann gefälligst zu übernehmen.Antisemitismus kommt in Goldmanns Buch allein als inszeniertes Problem vor: Medien missbrauchten Antisemitismusvorwürfe, «um Kritik an der israelischen Regierungspolitik sowie Widerstand gegen israelische Besetzung und Kriege zu delegitimieren». Kein Wort zur Gründungscharta der Hamas, in der mit Koranzitaten zur Tötung von Juden aufgerufen wird, kein Wort zu ihrem Märtyrer-Fetisch und ihrer Indoktrination von Kindern.Da die Juden hassende, vergewaltigende und mordende Hamas für Goldmann nur ein Phantom westlicher Propaganda ist, betrachtet er Israels Kampf gegen sie als rhetorischen Vorwand, um Palästinenser zu ermorden. Für Goldmanns Argumentation ist dieser Denkfehler entscheidend. Er läuft auf ein Ziel hinaus: die islamistische Ideologie der Hamas und ihre Verantwortung für den Krieg in Gaza zu verschleiern.Dass Goldmann dabei wie der Watergate-Reporter Bob Woodward klingt und sich in die Pose des Enthüllungsjournalisten wirft, ist nicht nur Farce. Es ist Teil seiner Verschleierungstaktik. Hinter der Figur des Enthüllers steckt ein pedantischer Propagandist. Journalisten gibt Goldmann in seinem Buch Anweisungen, wie sie die Hamas freundlicher behandeln können; Überschriften von anderen Medien korrigiert er mit Rotstift.In sozialen Netzwerken wie Instagram und X ist Fabian Goldmann für genau diese Rotstiftkorrekturen bekannt. Regelmässig postet er Bilder, auf denen er für ihn falsche, den angeblichen Genozid leugnende Überschriften richtigstellt. Er gibt vor, das weltoffene, moralische Gewissen eines zunehmend nationalistisch-verwahrlosten Deutschland zu sein.Den jüdisch klingenden Namen hat er sich bloss zugelegtDabei unterstützt Goldmann mit der Hamas eine nationalistische, rassistische Bewegung. Er zeigt die Schnittmengen zwischen linken «Antiimperialisten» und gewöhnlichen Rechtsextremen. Seinen jüdisch klingenden Namen hat sich Goldmann erst vor ein paar Jahren zugelegt, früher hiess er Fabian Köhler. Als Chefredakteur einer Jenaer Uni-Zeitung zog er 2009 bundesweit Ärger auf sich, weil er ein weitgehend unkritisches Interview mit einem lokalen Neonazi veröffentlicht hatte, zu dem er engen, freundschaftlichen Kontakt gepflegt haben soll. Selbstverständlich nur, um eine Diskussion zu provozieren, wie Goldmann 2024 in einem Interview dazu sagte. Kurz darauf interviewte er in seiner Uni-Zeitung auch den Hamas-nahen Journalisten Khalid Amayreh.Trotzdem liken und teilen Tausende Menschen Goldmanns irreführende Beiträge. Publizisten wie ihn gibt es leider viele. Die wichtigsten werden in seinem Buch lobend erwähnt: allen voran der Hauptstadtjournalist Tilo Jung, der selbst schon anbiedernde Interviews mit der Hamas geführt hat, zudem findet man Namen wie Hanno Hauenstein, James Jackson, Jakob Reimann oder Tarek Baé, der türkisch-nationalistischen Erdogan-Verbänden nahesteht.Sie alle sind Minipopulisten – mit wachsendem Erfolg im empörungssüchtigen Mainstream. So hat es Tilo Jung auf der Berlinale binnen weniger Stunden geschafft, mit seinen Zensurvorwürfen gegen den Jurypräsidenten Wim Wenders die gesamte Berichterstattung über das Festival zu kapern. Angesichts der Eklats, die Kulturstaatsminister Wolfram Weimer seitdem durch seine patzigen Eingriffe in Verlagspreise und unabhängige Juryarbeit verursacht hat, dürfte die Wirkmacht dieser Scheinrebellen im Bereich von Kultur und Medien weiter zunehmen.Jonathan Guggenberger ist Autor und Journalist aus Berlin. Sein Debütroman «Opferkunst» erschien 2024 bei Edition Tiamat.Passend zum Artikel
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