GastkommentarOleksandr Kraiev und Andreas UmlandAlle sehnen Frieden in der Ukraine herbei. Aber wenn er wirklich käme, welche Fragen würde er aufwerfen? Die Regierung in Kiew, die EU und die Koalition der Willigen müssen sich auf zahlreiche neue Herausforderungen nach Ende der Kämpfe vorbereiten.22.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenEin getarnter Militärlastwagen in der Ukraine. März, 2026.Dominic Nahr / NZZIm Sommer 2026 scheinen die Chancen auf einen Waffenstillstand zwischen der Ukraine und Russland geringer zu sein als jemals zuvor, seit Präsident Trump seine erneuten Friedensbemühungen aufgenommen hat. Moskau ist nach wie vor nicht bereit, sich mit weniger als zumindest einem Teilsieg zufriedenzugeben, verfügt jedoch nicht über die militärische Stärke, um einen solchen durchzusetzen. An der Front hat sich ein «Gleichgewicht des Todes» eingestellt, das von Drohnen, Zermürbung und schrittweisen Gebietsgewinnen geprägt ist. Krieg, nicht Frieden, bleibt das wahrscheinlichste Szenario.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch Geschichte endet selten so, wie es erwartet wird. Europa kann es sich daher nicht leisten, unvorbereitet auf die Folgen eines plötzlichen Waffenstillstands zu sein. Sollten die Kämpfe aufhören, stünde der Ukraine keine simple Erholung bevor, sondern der Beginn eines neuen, multidimensionalen Kampfes – eines, der ihre Sicherheit, Wirtschaft, Institutionen, Demografie und ihren politischen Zusammenhalt gleichzeitig auf die Probe stellen würde. Den Frieden zu gewinnen, insbesondere bei einem schlechten Waffenstillstandsabkommen, wäre ebenso anspruchsvoll wie das Überleben im Krieg.Nachhaltige SicherheitErste und wichtigste Herausforderung bliebe die Schaffung von nachhaltiger Sicherheit. Eine Waffenruhe würde keinen Wandel der strategischen Ziele des Kremls signalisieren. Ohne eine grundlegende Transformation des russischen Regimes würde Moskau einen Waffenstillstand nicht als Endpunkt, sondern als Pause interpretieren – ein Interregnum im langen imperialen Feldzug Russlands. Verminderte Aktivität auf dem Schlachtfeld würde wahrscheinlich von einer intensivierten hybriden Kriegsführung des Kremls begleitet werden: Cyberangriffe, Desinformation, Industriesabotage und politische Subversion, die darauf abzielen, den ukrainischen Staat von innen heraus auszuhöhlen.Die Wiedergeburt der Ukraine kann nicht bedeuten, den Zustand vor dem Krieg wiederherzustellen.Die Stabilität einer Nachkriegsordnung würde weniger von der juristischen Formulierung eines Abkommens abhängen als von dem Kräfteverhältnis, das es hinterlässt. Der Druck auf Kiew, befestigte Gebiete in der Ostukraine zu entmilitarisieren, wäre besonders gefährlich, da er den Weg für tiefere russische Einfälle ebnen und Anreize für eine Wiederaufnahme des Krieges erhöhen würde. Aus diesem Grund hätten westliche Sicherheitsgarantien auf dem Papier nur dann Bedeutung, wenn sie durch konkrete Fähigkeiten untermauert würden.Angesichts der seit 2025 schwankenden Politik Washingtons würde die Hauptverantwortung bei Europa liegen. Militärische Hilfe und Rüstungszusammenarbeit müssten auch nach Beginn des Waffenstillstands fortgesetzt werden.Die wirksamste Abschreckung läge nicht in Erklärungen, sondern in rasch umgesetzten praktischen Massnahmen, wie etwa in der Integration der ukrainischen Luftverteidigung in die Ostflanke der Nato, dem Einsatz westlicher Flugzeuge zum Schutz des ukrainischen Luftraums und der Ermöglichung der Wiederaufnahme des zivilen Flugverkehrs. Die Sicherheitsintegration sollte zudem in beide Richtungen funktionieren. Die kampferprobten Streitkräfte der Ukraine könnten die Abschreckung Russlands im Baltikum stärken und das Land als Säule einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur positionieren.Wenn Sicherheit als Voraussetzung erfüllt ist, wäre der wirtschaftliche Aufschwung der entscheidende Test. Nach einem Einbruch des BIP um über 30 Prozent im Jahr 2022 kehrte die Ukraine von 2023 bis 2025 trotz Arbeitskräftemangel und wiederholten russischen Angriffen zu Wachstum zurück. Doch der Schaden ist immens. Die direkten materiellen Zerstörungen belaufen sich auf über 195 Milliarden Dollar, wobei der Gesamtbedarf für Wiederaufbau und Wiederherstellung in den nächsten zehn Jahren auf 588 Milliarden Dollar geschätzt wird.Engpass EnergieDie Wiedergeburt der Ukraine kann nicht bedeuten, die Vorkriegswirtschaft wiederherzustellen. Ein «Build back better»-Ansatz wäre unerlässlich: dezentrale Infrastruktur, modernisierte Institutionen, widerstandsfähige Logistik und ein Fokus auf Humankapital. Fragmentierte Geberprojekte würden nicht ausreichen. Internationale Haushaltshilfen – durch die 50-Milliarden-Euro-Fazilität der EU für die Ukraine und G-7-Kredite, die durch eingefrorene russische Vermögenswerte besichert sind – müssten private Investitionen anziehen. Dies würde auch von Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit und einer zunehmenden Integration in den EU-Binnenmarkt abhängen.Energieversorgung ist ein entscheidender Engpass. Das ukrainische System weist ein strukturelles Erzeugungsdefizit von über 4 Gigawatt auf und bleibt trotz Ersatzlieferungen aus Europa anfällig. Ein einfacher Wiederaufbau der zentralisierten Systeme aus der Sowjetzeit wäre sowohl unpraktisch als auch strategisch falsch. Der Krieg suggeriert ein anderes Modell: dezentrale erneuerbare Energien, Mikronetze und vielfältige Speicherkapazitäten. Allein die Modernisierung des Energiesektors wird in den nächsten zehn Jahren über 90 Milliarden Dollar erfordern und mindestens 5 Milliarden für eine Sofortstabilisierung, sobald die Kämpfe nachlassen.Grundlegend ist auch das Problem unter der Erde der Ukraine. Etwa ein Viertel des Landes – rund 137 000 Quadratkilometer – ist von nicht explodierten Kampfmitteln verseucht. Die Ukraine ist heute das am stärksten verminte Land der Erde. Die Kosten der Minenräumung werden auf 34,6 Milliarden Dollar über zehn Jahre geschätzt, während die Umweltschäden 60 Milliarden Euro übersteigen. Ohne grossangelegte Räumungs- und Sanierungsmassnahmen bleiben Wiederaufbau, Landwirtschaft und Flüchtlingsrückführung unmöglich. Dies sind keine nebensächlichen umweltpolitischen Fragen, sondern eine physische Voraussetzung für das Überleben des Landes.Die wirtschaftliche Erholung wird ungleichmässig verlaufen. Während die zentralen und westlichen Regionen bereits während des Krieges Teile des sozialen und wirtschaftlichen Lebens wieder aufgenommen haben, erfordern die verwüsteten Frontgebiete im Osten und Süden massgeschneiderte Strategien, um eine dauerhafte Entvölkerung und Verelendung zu verhindern.Parallel zum Wiederaufbau verläuft der lange Marsch der Ukraine in Richtung Europäische Union. Über den Beitritt wird oft politisch diskutiert, doch in der Realität ist er eine zutiefst technische Angelegenheit. Der EU-Beitritt erfordert die Umsetzung von rund 100 000 Seiten EU-Recht in 35 Kapiteln – eine selbst in Friedenszeiten aussergewöhnliche Aufgabe. Korruption bleibt ein ernstes Hindernis, obwohl jüngste Skandale auch gezeigt haben, dass die ukrainischen Antikorruptionsinstitutionen zunehmend effektiv arbeiten.Die politische Nachhaltigkeit des Beitritts wird auch davon bestimmt werden, dass schon auf dem Weg dorthin greifbare Fortschritte erzielt werden. Eine schrittweise sektorale Integration in den EU-Binnenmarkt – Verkehr, Energie, digitale Dienste – würde sichtbare Erfolge ausweisen, während die Verhandlungen über die Vollmitgliedschaft weiter voranschreiten. Doch der Erfolg der Ukraine wird auch von Reformen innerhalb der EU abhängen. Einstimmigkeitsregeln machen die Erweiterung anfällig für Vetos, und die Integration eines grossen Agrar- und Industrielandes wie der Ukraine wird bestehende EU-Politiken infrage stellen, sofern keine institutionellen Reformen folgen.Strafe und SühneDie Aufarbeitung der Kriegsverbrechen wird sich unterdessen über Jahrzehnte erstrecken. Bis Anfang 2026 hatten die ukrainischen Behörden bereits mehr als 213 000 mutmassliche Kriegsverbrechen registriert. Nur ein Bruchteil davon wird jemals strafrechtlich verfolgt werden. Die Herstellung von Rechenschaftspflicht und Gerechtigkeit muss daher differenziert gehandhabt werden. Hochrangige russische Führungskräfte könnten eines Tages vor internationalen Tribunalen landen; die meisten Täter werden jedoch nie ein ukrainisches oder internationales Gericht sehen. Prozesse in Abwesenheit der Angeklagten, systematische Wahrheitsfindung und umfassende Gedenkarbeit werden daher entscheidend sein, um eine dauerhafte historische Aufarbeitung zu schaffen.Im Inland wird eine Übergangsjustiz mit differenzierter Herangehensweise nötig sein. Eine pauschale Bestrafung aller Formen von Kollaboration mit den Besetzern würde die Gerichte überfordern und die befreiten Gebiete von der Nation entfremden. Aussergerichtliche Mechanismen – Lustration, bedingte Amnestien und opferzentrierte Wiedergutmachung – bieten realistischere Wege zur Versöhnung, ohne die Verantwortung zu negieren.All diesen Herausforderungen liegt ein demografischer Schock zugrunde, der in der jüngsten Geschichte der Ukraine beispiellos ist. Die Bevölkerung in den regierungskontrollierten Gebieten ist von rund 42 Millionen vor 2022 auf etwa 31,5 Millionen gesunken. Über 6 Millionen Ukrainer leben als Flüchtlinge im Ausland; die Geburtenrate ist auf unter ein Kind pro Frau eingebrochen; die Sterblichkeit ist stark gestiegen.Frieden würde diese Trends nicht automatisch umkehren. Einige Flüchtlinge würden zurückkehren, doch die Aufhebung des Kriegsrechts könnte auch eine neue Auswanderungswelle auslösen, wenn Männer zu ihren Familien im Ausland auswandern. Um sich wieder aufzubauen, hat die Ukraine möglicherweise keine andere Wahl, als ein Einwanderungsland zu werden, was eine tiefgreifende Transformation für Gesellschaft und Politik gleichermassen bedeuten würde. Sollte sich der Krieg hinziehen, droht der Bevölkerungsrückgang unumkehrbar zu werden, und er wird die wirtschaftliche Lebensfähigkeit des Landes weiter untergraben.Schliesslich wird die gesellschaftliche Stabilität auf die Probe gestellt werden, sobald das Kriegsrecht endet. Wahlen werden den politischen Wettbewerb wiederbeleben und soziale Spaltungen zwischen Rückkehrern und denen, die geblieben sind, zwischen Veteranen und Zivilisten sowie zwischen Regionen, die von der Besetzung gezeichnet sind, und solchen, die relativ verschont geblieben sind, offenlegen. Ungelöste territoriale Fragen werden politisch brisant bleiben. Eine neue mächtige Wählergruppe von Kriegsveteranen – über 800 000 Menschen stark – wird die Politik über Jahrzehnte prägen. Ihre Wiedereingliederung ist bereits heute eine der dringlichsten sozialen Aufgaben der Ukraine und zugleich eine ihrer grössten potenziellen Stärken.Daraus ergeben sich drei strategische Imperative. Erstens darf intensives Nachdenken über den «Tag danach» nicht davon ablenken, die Verteidigungsanstrengungen der Ukraine heute aufrechtzuerhalten; militärische Unterstützung bleibt zunächst die alles entscheidende Priorität. Zweitens müssen Wiederaufbau und Sicherung des Humankapitals bereits jetzt beginnen und dürfen nicht auf den Frieden warten. Drittens müssen Kiew und seine Partner sich intellektuell und institutionell auf turbulente Entwicklungen nach dem Waffenstillstand vorbereiten.Ein Erfolg der Ukraine würde die europäische Sicherheit festigen und das europäische Projekt stärken. Ein Scheitern würde hingegen Russland einen verspäteten Sieg bescheren und autoritären Revisionismus weit über Osteuropa hinaus anspornen. Das Ende des Krieges – wann immer es kommt – wird kein Schlusspunkt, sondern vielmehr der Übergang zu einer neuen Entwicklungsphase, deren Ausgang die Zukunft Europas prägen wird.Oleksandr Kraiev ist Programmdirektor beim Rat für Aussenpolitik «Ukrainisches Prisma» in Kiew. Andreas Umland ist Mitarbeiter des European Policy Institute in Kiew (Epik).Passend zum Artikel