Der mächtigste Mann von Siemens in der Schweiz tritt abNach 36 Jahren verlässt Matthias Rebellius den deutschen Industriekonzern. Irgendwann sei auch einfach einmal genug, sagt er – und verrät, dass die Geschäfte von Siemens in der Schweiz zur Debatte standen.22.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenMatthias Rebellius verlässt Siemens auf eigenen Wunsch.PDMatthias Rebellius freut sich auf spontane Ausflüge mit dem Fahrrad. Zwei Stunden, drei Stunden, einfach losradeln. Sein Sohn wolle mit ihm einmal eine Tour durch das Engadin machen, erzählt Rebellius. «Dafür muss ich aber erst einmal ein bisschen trainieren.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zeit dafür sollte Rebellius bald genug haben. Ende des Monats gibt der Siemens-Vorstand die Leitung der Sparte Smart Infrastructure ab, die ihren Hauptsitz in Zug hat. Noch bis Ende September bleibt er zur sauberen Übergabe im Konzern, danach ist Schluss. Nach 36 Jahren bei Siemens, über zwanzig davon in Führungsfunktionen, in unterschiedlichen Industriebereichen und Ländern. Rebellius verlässt das Unternehmen auf eigenen Wunsch.«Irgendwann ist auch einfach einmal genug», sagt er.Vom Gemischtwarenladen zum TechnologiekonzernAls Rebellius 1990 nach dem Studium seine Siemens-Karriere als Entwicklungsingenieur am Standort in Erlangen begann, war der Konzern noch ein anderer.Siemens war ein gigantischer Gemischtwarenladen, hatte um die fünfzehn Geschäftsbereiche. Ob Medizintechnik, Haushaltsgeräte, Energieerzeugung, Kommunikationstechnologie oder Halbleiter – das Unternehmen machte praktisch alles, was von Ingenieuren gebaut werden kann. Der Fachbereich von Rebellius hiess bei seinem Eintritt ins Unternehmen «Automatisierungstechnik und Werkzeugmaschinensteuerung». Klassischer deutscher Maschinenbau.Heute sind viele Industrietätigkeiten im Konzern komplexer. Die Siemens-Manager sprechen von digitalen Zwillingen und industrieller künstlicher Intelligenz (KI), von einer Verschmelzung von Hardware und Software. Dafür hat sich Siemens auf Kernbereiche fokussiert. Verblieben sind von den ehemals fünfzehn Geschäftsbereichen noch drei: Digital Industries (Automatisierung der Industrie), Mobility (Transportlösungen) und Smart Infrastructure (Gebäudetechnik) – den Bereich, den Rebellius seit 2020 als Vorstand verantwortet. Rebellius sagt im Rückblick: «Damals hätte ich nicht gedacht, wie rasant sich dieses Unternehmen verändern würde.»Die nächste Transformation bei Siemens steht bereits an: Der Konzernchef Roland Busch treibt seine Vision einer «one tech company» voran, er will aus dem Industriekonglomerat einen integrierten Technologiekonzern formen. Buschs Argumentation: Die Welt stehe wegen KI gerade inmitten einer neuen industriellen Revolution. Nur wer sich anpasse, könne den Wandel überleben.Dem pflichtet Rebellius bei: «Siemens hat sich in den knapp 180 Jahren immer wieder neu erfunden und wird das auch weiterhin tun.»Ständige Neuerfindung der Schweizer IndustrieAnpassungsfähigkeit – es ist eine Eigenschaft, die Rebellius in seiner Funktion immer wieder beweisen musste. Er schreibt sie nicht nur seinem Konzern, sondern auch seiner Heimat zu: der Schweiz. Seit 2003 lebt der gebürtige Wuppertaler hier, unterbrochen nur von einem knapp zweijährigen Aufenthalt in den USA. Rebellius wohnt mit seiner Familie am Zürichsee und wird dort auch bleiben, sagt er. Seit 2020 ist er Doppelbürger.In seinen unterschiedlichen Funktionen bei Siemens in der Schweiz durchlebte Rebellius immer wieder Krisen. Er erinnert sich zum Beispiel an das Jahr 2015, als er gerade frisch die Leitung einer Abteilung in Zug übernommen hatte. Kaum eine Woche war er im Amt, da hob die Schweizerische Nationalbank den Mindestkurs des Frankens zum Euro auf. «Unsere gesamte Kostenbasis in der Zentrale in Zug und auch die Produktionskosten waren über Nacht ungefähr 20 Prozent höher», sagt Rebellius. Bei seiner ersten Amtsreise zum Konzernhauptsitz in München sei es nicht mehr wie geplant um die Wachstumsstrategie für die Schweiz gegangen – sondern darum, wie sich das Geschäft überhaupt noch retten liesse und ob geplante Investitionen am Standort Zug noch sinnvoll seien.Der Hauptsitz des Geschäftsbereichs Smart Infrastructure von Siemens in Zug.PDGenau in solchen Phasen beweise die heimische Industrie ihre Stärken, sagt Rebellius. «Es ist beeindruckend, wie wir in der Schweiz in solchen Lagen alle zusammenrücken: mehr arbeiten für den gleichen Lohn, weniger Urlaub, Verzicht auf Boni.» So sei es Siemens gelungen, trotz hohem Kostendruck die Produktivität zu steigern. Er sei zuversichtlich, dass der Standort dies trotz grossen Herausforderungen auch künftig schaffen werde.Rebellius hat noch eine BitteMatthias Rebellius wirkt zufrieden mit dem, was er mit Siemens in der Schweiz erreicht hat. Unter seiner Führung hat die Sparte Smart Infrastructure ihren Profit in letzter Zeit stetig gesteigert, sie ist heute die grösste und rentabelste Einheit im ganzen Konzern. Und das trotz Schweizer Produktionskosten.Der Nachfolger von Rebellius heisst Peter Körte. Er ist im Konzernvorstand bereits als Technologiechef tätig. Die beiden Rollen werden im Rahmen einer Verkleinerung des Vorstands zusammengelegt.Einen Gefallen solle man ihm jedoch tun, sagt Rebellius. «Bitte sprechen Sie nicht von Ruhestand – dafür fühle ich mich viel zu aktiv.» Er wolle nämlich sehr wohl noch arbeiten, meint der 61-Jährige. So könne er sich beispielsweise neben seiner weiterlaufenden Funktion als Verwaltungsrat bei Siemens Energy noch weitere Mandate bei anderen Unternehmen vorstellen. Oder ein soziales Amt, beispielsweise ein Coaching von jungen Führungskräften.Und wenn er dann noch Zeit hat, schwingt sich Rebellius auf das Fahrrad.Passend zum Artikel