Der Millennial als Taugenichts: Hat Dario Ferrari den italienischen Roman seiner Generation geschrieben?In Italien wurde Dario Ferrari für seinen Debütroman über einen antriebslosen Langzeitstudenten gefeiert. Nun ist der Bestseller «Die Pause ist vorbei» auf Deutsch erschienen – und trifft das Gefühl des Stillstands ziemlich gut.Timo Posselt22.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSituationskomik und Spitzen gegen den Universitätsbetrieb: Dario Ferrari.Grazia Ippolito / ImagoVielleicht sei das ja das toskanische Lebensprinzip, heisst es zum Schluss von Dario Ferraris Debütroman «Die Pause ist vorbei»: «Eine Gelegenheit nie beim Schopfe packen, sondern sie krachend gegen die Wand fahren und anschliessend in eine Anekdote verwandeln, die sich in der nächsten Bar zum Besten geben lässt.» Nimmt man den, nun ja, Helden von Ferraris Roman als Referenz, stimmt die Maxime. Womöglich stimmt diese mediterrane Variante des Sichdurchwurstelns nicht nur für die Toskana, sondern gar für ganz Italien. Schliesslich wurde Ferraris Roman über einen durchs Leben mäandrierenden Langzeitstudenten dort 2023 zum Überraschungserfolg und wurde knapp 100 000 Mal verkauft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Hat der 1982 in Viareggio geborene, promovierte Philosoph Dario Ferrari also tatsächlich den italienischen Roman seiner Generation geschrieben, wie es italienische Zeitungen behaupteten?Ende des Müssiggangs«Die Pause ist vorbei» erzählt von Marcello aus der toskanischen Kleinstadt Viareggio, der zwar bereits 31 Jahre alt ist, aber nach wie vor ohne feste Arbeit dasteht. Sein Vater möchte, dass er dessen Bar übernimmt, aber Marcello denkt nicht daran. Stattdessen studiert er weiter Literaturwissenschaften an der Universität Pisa, hangelt sich mit Gelegenheitsjobs durch, lebt von 500 Euro im Monat und ist auf dem besten Weg dazu, ein überalterter Langzeitstudent zu werden. Aus einer Laune heraus bewirbt er sich für ein Doktorat beim berüchtigten Professor Sacrosanti, der in den Siebzigern mit dem linken Terrorismus geliebäugelt haben soll.Entgegen allen Erwartungen, vor allem seinen eigenen, erhält er die Promotionsstelle und wird vom Professor auf das Werk des Autors Tito Sella angesetzt, der in den 1970er Jahren Mitglied in einer linksradikalen Terrorzelle war. Damit ist es mit dem Bummelleben Marcellos vorbei.Die bleiernen Jahre bezeichnen in Italien den Zeitraum vom Ende der 1960er bis zum Beginn der 1980er Jahre, in dem sich eine Reihe links- und rechtsextremer Gewaltakte häuften. Ihr trauriger Höhepunkt war schliesslich die Entführung und Ermordung des Spitzenpolitikers Aldo Moro im Jahr 1978 durch die Brigate Rosse. Als Marcello sich in die Archive stürzt und immer mehr über Tito Sella und dessen linksradikale, nach einem französischen Anarchisten benannte «Brigade Ravachol» herausfindet, rücken die lange zurückliegenden Jahre immer näher. Er folgt Sellas Spur bis in die französische Nationalbibliothek nach Paris und beginnt sich zusehends mit dem schreibenden Terroristen zu identifizieren. So sehr, dass er schliesslich sogar dessen Autobiografie schreibt und sich irgendwann fragt: Ist Tito Sella tatsächlich nach seiner Verhaftung im Gefängnis verstorben, wie von Professor Sacrosanti behauptet, oder womöglich nur untergetaucht?«Akademische Geopolitik»Die Rekonstruktion des rätselhaften Lebens von Sella, die mit einer überraschenden Wendung endet, wird im Roman immer wieder mit lustigen Spitzen gegen den Universitätsbetrieb unterbrochen. Wenn Ferrari beispielsweise bemerkt, dass in der Akademie eigentlich niemand «zu etwas promoviere», sondern alle «zu diesem oder jenem arbeiten, als wollten sie unbedingt klarstellen, dass der Schein trüge und sie ganz und gar nicht arbeitslos seien». Oder wenn er die gegenseitigen Attacken auf Forschungsarbeiten zwischen seinem Doktorvater und dessen universitärem Erzfeind als «akademische Geopolitik» bezeichnet. Solche Konflikte gibt es, das weiss jeder, der schon einmal einen Fuss in den akademischen Betrieb gesetzt hat, in Zürich, Basel oder Berlin genauso wie in Pisa.Zwischen die Kapitel über Marcellos Forschung schiebt Ferrari eine von Marcello verfasste Autobiografie von Tito Sella. Darin erzählt dieser, wie die Terroristen der «Brigade Ravachol» zwar im Rahmen einer «proletarischen Umverteilung» gerne auch einmal Supermärkte oder Banken überfallen, sich aber (bis auf ihr gewaltvolles Ende) mehrheitlich als liebevoll-dilettantische Freizeit-Extremisten herausstellen. Was sich zum Beispiel an ihrem Fahrer zeigt, der bei einem Banküberfall, statt im Fluchtauto zu warten, sich dann doch lieber mit einer zufällig vorbeigehenden Verflossenen verzieht: «Klar, für einen Espresso hab ich Zeit.»Vor allem bei der Beschreibung des linksterroristischen Milieus gelingt Ferrari viel Situationskomik, die er mit einer wunderbar überzeichneten Bud-Spencer-artigen Sprache versieht: «Ich verwandle deine Fresse in Ragù!» Leider geht einem der Erzähler Marcello mit seinen spätpubertären Liebesgeschichten und den Versuchen, seine Larmoyanz hinter Selbstironie zu verbergen, zunehmend auf die Nerven. Was von den teilweise etwas hölzern geratenen Dialogen in der deutschen Übersetzung leider noch verstärkt wird.So ist «Die Pause ist vorbei» vielleicht nicht unbedingt der «schönste italienische Roman der letzten Zeit», wie der «Corriere della Sera» etwas hoch gegriffen behauptete, aber mit Sicherheit eines der unterhaltsamsten Selbstporträts italienischer Millennials irgendwo zwischen dem wenig aussichtsreichen Eintritt in den Arbeitsmarkt und einem mutwillig verschleppten Universitätsabschluss.Dario Ferrari: Die Pause ist vorbei. Aus dem Italienischen von Christiane Pöhlmann. Wagenbach-Verlag, Berlin 2026. 352 S., Fr. 35.90.Passend zum Artikel