KommentarDie Ausbrüche von Hanta und Ebola legen Schwächen in der Pandemieabwehr offen. Unsere Sicherheit ist eine IllusionDass diese Viren keine neue globale Katastrophe ausgelöst haben, liegt nicht an unserem klugen Handeln. Wir hatten schlicht Glück mit der Biologie der Erreger. Die Welt hat aus der Corona-Pandemie in drei zentralen Punkten nichts gelernt.22.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenMitarbeiter des Roten Kreuzes bergen am 24. Mai 2026 in Schutzanzügen die Leiche eines Mannes aus einem Haus in Mongbwalu in Kongo. Der Mann erlag einer Ebola-Erkrankung.Gradel Muyisa Mumbere / ReutersHantaviren auf einem Kreuzfahrtschiff, Ebolaviren in Zentralafrika: Zwei tierische Viren sind in den letzten Wochen auf Menschen übergesprungen. Beide Ausbrüche legen die Schwächen der derzeitigen Pandemieabwehr gnadenlos offen. Nicht schnelle Eindämmung dank guter Vorbereitung, nein, einfach nur Glück hat die Menschheit davor bewahrt, dass nur sechs Jahre nach der Corona-Pandemie erneut ein tödliches Virus um den Globus rast.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Glück bedeutet in diesem Fall: Sowohl Hanta- als auch Ebolaviren sind nicht so einfach übertragbar wie Grippe- oder Coronaviren. Weder Hanta- noch Ebolaviren überleben für längere Zeit in kleinsten Aerosolen in der Luft, wie dies Grippe- und Coronaviren tun.Wären Hanta- oder Ebolaviren ebenfalls solche Luftikusse, wäre es für sie angesichts der eklatanten Lücken in der Abwehr ein Leichtes gewesen, eine grosse Epidemie oder sogar eine Pandemie auszulösen.Die Ausbrüche zeigen, dass die Welt ein beängstigendes Vabanque-Spiel betreibt. Die Menschen verlassen sich darauf, dass jedes Land das Nötige zur Vireneindämmung unternimmt. Und dabei alles richtig macht. Doch diese Hoffnung haben die beiden jüngsten Virenausbrüche zerschlagen.Es sind vor allem drei Bereiche, in denen gravierende Lücken bestehen. Denn grosse Epidemien und vor allem eine Pandemie kosten Menschenleben und verursachen ökonomische, politische und gesellschaftliche Verwerfungen über die betroffene Region hinaus.Fehler Nummer eins: Ausbrüche werden zu spät erkanntAngestellte eines Nachtklubs tragen am 14. Juni 2026 in Bunia in Kongo Schutzmasken während der Arbeit.Moses Sawasawa / APSowohl auf dem Kreuzfahrtschiff als auch in der kongolesischen Provinz Ituri wurde erst nach einigen Wochen erkannt, welches Virus jeweils zirkulierte. Das hat die Eindämmung verzögert. Und im Fall der Ebola-Epidemie einen Ausbruch der aktuellen Grösse mit mutmasslich weit über tausend Infizierten überhaupt erst ermöglicht.Auf dem Kreuzfahrtschiff entwickelte ein 70-jähriger Mann Schmerzen und grippeähnliche Symptome. Sein Zustand verschlimmerte sich innert Tagen. Er starb. Natürlich ist es naheliegend, an eine schwere Grippe oder einen Herzinfarkt zu denken. Doch diese «gewöhnlichen» Todesursachen lassen sich auch auf einem Schiff mit Schnelltests, einfachen Laboranalysen oder einem EKG ausschliessen.Findet der Bordarzt nicht das Erwartete, muss er daher an eine übertragbare Infektionskrankheit denken. Gemeinsam mit Behörden an Land muss die Schiffscrew abklären, welche Erreger in der Umgebung der zuletzt verlassenen Häfen vorkommen. Die besagte Kreuzfahrt startete im argentinischen Ushuaia. In manchen Teilen Argentiniens zirkulieren jene Hantaviren vom Typ Andes, die von Mensch zu Mensch übertragen werden können.Das Kreuzfahrtschiff ist ein Paradebeispiel dafür, dass vielerorts das nötige Bewusstsein fehlt: Die Beteiligten denken zu wenig oder zu spät an Viren. Medizinisches Fachpersonal ebenso wie Laien müssen bei einem – und vor allem bei mehreren – ungewöhnlichen und auf den ersten Blick unerklärlichen Todesfall immer eine Infektionskrankheit in Betracht ziehen.In Zentralafrika wurde das grassierende Virus dagegen wegen mangelnder Ausrüstung zu spät identifiziert. Die in den lokalen Gesundheitszentren vorhandenen Tests identifizieren nur die Zaire-Variante, nicht jedoch die derzeit grassierende Bundibugyo-Variante.Daher wurden die ersten Patienten trotz den klassischen Symptomen einer Ebola-Erkrankung nicht isoliert. Sie haben weitere Personen angesteckt.In einer Region, die von kriegerischen Konflikten und einem katastrophal vernachlässigten Gesundheitssystem geprägt ist, ist es nachvollziehbar, dass die wenigen Ärzte und Pflegerinnen vor Ort nicht alle Möglichkeiten im Blick haben. Die lokalen Gesundheitszentren müssen besser ausgestattet werden. Sie benötigen mehr Schutzausrüstung und einfach handhabbare Schnelltests gegen zahlreiche Infektionskrankheiten.Bei armen Ländern ist das – schon aus Eigenschutz – auch, aber eben nicht nur Aufgabe reicherer Länder sowie internationaler Hilfsorganisationen. Gerade die Regierung von Kongo-Kinshasa hat den Gesundheitssektor sträflich vernachlässigt. Das Land zählt zu jenen mit den niedrigsten staatlichen Ausgaben in diesem Bereich.Fehler Nummer zwei: langsame InformationsweitergabeKongolesische Ordensschwestern bringen am 9. Juni 2026 Kinder aus einem Waisenhaus im Centre Medical Evangelique in Bunia in Kongo. Die Kinder wurden nach einer Ebola-Quarantäne entlassen.Gradel Muyisa Mumbere / ReutersEs hat mehrere Wochen, eventuell sogar Monate gedauert, bis die Gesundheitsbehörde der Afrikanischen Union und die Weltgesundheitsorganisation und damit die Weltöffentlichkeit von den vielen Erkrankten und Toten mit Ebola-Symptomen in der Provinz Ituri erfahren haben. Auch dieser Fehler hat die Eindämmung erschwert, weil Schutzausrüstung und Fachpersonal zu spät ankamen.Dabei hat die Corona-Pandemie der Welt drastisch vor Augen geführt, wie wichtig es ist, so schnell wie möglich zu wissen, ob sich irgendwo auf der Welt etwas Ungewöhnliches zusammenbraut. Daher finden seitdem zahlreiche internationale Übungen statt, in denen Vertreter von Behörden, Ministerien sowie Hilfsorganisationen verschiedener Länder das Auftreten eines gefährlichen Erregers simulieren. Darin werden unter anderem Zuständigkeiten abgeklärt oder Netzwerke zur Weitergabe von Informationen verbessert.Doch die Ebola-Epidemie in Zentralafrika hat gezeigt, dass wirklich alle Länder sicherstellen müssen, dass auch vom sprichwörtlich hintersten Winkel Afrikas Informationen über unerklärbare und gehäuft auftretende Erkrankungen schnell den Weg in die nächste Stadt finden.Sicher, das ist ein frommer Wunsch. Aber oft braucht es nur ein anderes Bewusstsein. So waren in der kongolesischen Provinz Ituri gemäss Berichten Parlamentsabgeordnete im Ebola-Gebiet. Doch sie verschwiegen die Krankheitsfälle. Das war grob fahrlässig und kostet nun zahlreiche Menschenleben.Fehler Nummer drei: uneinheitliche VorgehensweisenEin Sonderisoliertransport trifft in der Nacht auf den 11. Mai 2026 am Universitätsklinikum in Frankfurt am Main ein. Der Konvoi transportiert vier Passagiere des Kreuzfahrtschiffs «Hondius», auf dem das Hantavirus ausgebrochen war.ImagoEs fehlen international abgestimmte Protokolle, wenn Viren an Orten zirkulieren, an denen viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern für längere Zeit zusammen sind. Offenbar wusste auf dem Kreuzfahrtschiff niemand so genau, wie es nach dem ersten Todesfall denn nun weitergeht, nicht einmal, als weitere Passagiere ähnliche Symptome entwickelten.Genau dann hätte allen Beteiligten klar sein müssen, dass es sich um eine übertragbare Erkrankung handelt. Doch zwischen Schiffsbesatzung, Reederei, Hafenbehörden bis hin zu Landesregierungen wurde überlegt, erwogen, verhandelt.Ebenso wenig war geregelt, wie man mit Passagieren umgehen sollte, die nach dem ersten Todesfall bei einem Zwischenstopp das Schiff verlassen wollten. Crew und Reederei liessen sie gehen, ohne auch nur ihre weitere Reiseroute zu erfassen. Tagelang wusste niemand, wo auf der Welt sie sich befanden. Wie sich später herausstellte, waren auch Infizierte unter ihnen. Wäre das Hantavirus einfach durch Aerosole übertragbar, hätten diese Infizierten andere Personen auf der Weiterreise, zum Beispiel den Sitznachbarn im Flugzeug, anstecken können.Immerhin: Eine wichtige Lehre aus der Corona-Pandemie wurde offenbar zumindest teilweise beherzigt. Bei Infektionsketten mit noch nicht identifizierten Viren müssen alle Beteiligten vor Ort so agieren, als ob der unbekannte Erreger via Aerosole übertragen werden könnte.Bei der Evakuierung der Schiffspassagiere sandten die Organisatoren zweideutige Signale aus. Offiziell wurde eine Aerosolübertragung als sehr unwahrscheinlich eingestuft und heruntergespielt. Doch auf den Bildern trugen Passagiere und Helfer Schutzkleidung und Maske.Es fehlen Impfstoffe zur VirenabwehrDesinfizierte Gummihandschuhe trocknen am 9. Juni 2026 in der Sonne vor dem Rwampara-Spital in Kongo. Die Handschuhe wurden zuvor bei der Behandlung von Ebola-Patienten verwendet.Dieudonne Dirole / EPADie bisherige Unfähigkeit oder der Unwille von Regierungen und Organisationen, aus den Fehlern der Corona-Pandemie zu lernen, macht nicht gerade Hoffnung darauf, dass die aufgezeigten Lücken bald geschlossen werden. Daher brauchen wir dringend neue Impfstoffe. Denn sie sind die wichtigsten Abwehrwaffen gegen sich schnell verbreitende, tödliche Erreger.Doch gegen viele der schon bekannten Viren gibt es keine Vakzine. Derzeit konstruieren Wissenschafter in Zusammenarbeit mit Organisationen wie der weltweiten Allianz zur Erforschung von Impfstoffen namens Cepi Vakzin-Rohlinge gegen die zwanzig schlimmsten Erreger. Solche Rohlinge haben sich in Zellkultur und Tierstudien als wirksam und in kleinen klinischen Studien als verträglich für Menschen erwiesen.Im Notfall werden diese getesteten Rohlinge an den dann grassierenden Erreger angepasst. Das kann auch funktionieren, wenn ein unbekanntes Virus auftaucht. Bei einem Ausbruch können dann umgehend grosse klinische Studien sowie die Massenproduktion starten. Die Abwehrmittel wären somit innert weniger Monate einsatzbereit.Angesichts der bestehenden Probleme in vielen Bereichen sind die Vakzine der Hoffnungsschimmer: Wissenschaft und Unternehmen haben schliesslich während der Corona-Pandemie bewiesen, dass dank einer gemeinsamen Kraftanstrengung Impfstoffe tatsächlich innert Monaten parat sind.Medizinisches Personal in Schutzanzügen desinfiziert am 9. Juni 2026 Material vor dem Transport von Hilfsgütern in Mongbwalu in Kongo. Die Massnahme erfolgt wegen der Ebola-Epidemie in der Provinz Ituri.ImagoPassend zum Artikel