Feilen am Frieden im Luxusresort: USA und Iran wagen den DialogHoch über dem Vierwaldstättersee verhandeln Spitzenvertreter der USA und Irans direkt miteinander. Das sorgsam inszenierte Treffen soll das immense Konfliktpotenzial entschärfen. Angesichts unberechenbarer Akteure steht der Dialog auf Messers Schneide.21.06.2026, 18.08 Uhr5 LeseminutenDie USA und Iran versuchten in der Innerschweiz einen «Geist des Bürgenstocks» zu schaffen.Fabrice Coffrini / ReutersNach einer zweitägigen Hängepartie ist es am Sonntag endlich so weit. Die USA und Iran verhandeln auf dem Bürgenstock hoch über dem Vierwaldstättersee. Als der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance am Samstag von einer Militärbasis in Maryland in die Schweiz flog, waren auch die letzten Skeptiker überzeugt, dass das Memorandum of Understanding, das sein Chef Donald Trump unterzeichnet hat, vorerst nicht totes Papier bleiben werde. Im Luxusresort in der Innerschweiz sollen in den nächsten Tagen die 14 vereinbarten Punkte konkretisiert werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dass Vance in die Schweiz flog, zeigt, dass die wichtigste Voraussetzung für den Start der direkten Gespräche auf hochrangiger Ebene gegeben war: Vance sowie der amerikanische Sondergesandte Steve Witkoff und Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner waren sich sicher, dass ihre Verhandlungspartner ebenfalls anwesend sein würden. Aus Iran flogen tatsächlich der Parlamentspräsident Mohammed Ghalibaf und der Aussenminister Abbas Araghchi ein. Sie liessen sich am Sonntagmorgen in Autokonvois auf den Bürgenstock bringen. Es war der Schweiz in Zusammenarbeit mit den Vermittlern Katar und Pakistan gelungen, das notwendige Vertrauen zu schaffen.Polizisten aus der ganzen Schweiz und Soldaten mussten zwei Tage warten, bis es auf dem idyllisch gelegenen Bürgenstock losging.Fabrice Coffrini / KeystoneErst als die US-Delegation im Resort ankam, war sicher, dass die Unterredungen auch stattfinden.Urs Flüeler / KeystoneSchwierige VorgesprächeDamit war jedoch nur der erste Schritt getan. Es war nämlich keineswegs garantiert, dass sich die beiden Kriegsparteien in der komplett abgeschotteten Hotelanlage tatsächlich im gleichen Raum treffen würden. Die Verhandlungen über das Setting der Gespräche dauerten den ganzen Morgen. Die beiden Mediatoren Katar und Pakistan leisteten ganze Arbeit.Kurz nach 14 Uhr 30 war es dann so weit: Die vier Delegationen setzten sich zusammen. Um einen möglichst schnellen Austausch zu den heikelsten Themen – Strasse von Hormuz, iranische Atomwaffen und Libanon – zu finden, wurde die U-Form als Tischordnung gewählt. Vance zeigte sich vor Beginn der Gespräche beinahe euphorisch. Er gab der Hoffnung Ausdruck, dass das Treffen in dieser Form dazu führen könne, dass Iran sein Atomprogramm aufgebe.Der iranische Aussenminister Seyed Abbas Araghchi (Mitte) ist eine Schlüsselfigur der Verhandlungen.Urs Flüeler / APDer amerikanische Aussenminister J. D. Vance versprühte vor Beginn der Gespräche Optimismus.Fabrice Coffrini / ReutersDer Beginn der Verhandlungen kündigte sich in der Schweiz vor allem durch Störungen im Luftverkehr an. Da erst am Samstag endgültig feststand, dass die Konferenz wie geplant stattfinden konnte, mussten die Verantwortlichen die Flugverbotszone über dem Bürgenstock in Windeseile in das System eingeben. Bei dieser kurzfristigen Aktualisierung kam es zu einem Fehler.In der Folge fiel im Kontrollzentrum Dübendorf und im Tower des Flughafens Zürich zeitweise das Radarbild aus, was zu den Einschränkungen im Schweizer Luftraum führte. In der unmittelbaren Umgebung des Bürgenstocks störten die zahlreichen Helikopterflüge in der Nacht vor dem Start der Konferenz zu Nachtruhe. Trotzdem dürften viele Einheimische froh gewesen sein, dass es nun endlich losging und ein Ende der Einschränkungen im Kanton Nidwalden in Sicht kam.Die Schweizer Luftwaffe war im Dauereinsatz.Julia Vadim Ghirda / APDie Tourismusdirektoren in der Innerschweiz haben sich auf jeden Fall gefreut. Der offizielle Name der Konferenz lautet nämlich «Lake Lucerne Summit». Dieser Gratis-Werbespot für die Region rund um den Vierwaldstättersee wurde am Sonntag durch TV-Stationen rund um die Welt ausstrahlt.Nicht zu unterschätzen ist auch der Werbeeffekt der hochrangigen Gespräche für das Luxusresort auf dem Bürgenstock, das dem Staatsfonds Katara Hospitality gehört. Das Treffen war für Katar ein Heimspiel. Allerdings in enger Zusammenarbeit mit der Schweiz. Tim Guldimann, der früherer Botschafter in Iran und Deutschland, sprach in der NZZ von der Rolle des «Rössliwirts».Der Bürgenstock bildete ein weiteres Mal die Kulisse für eine weltweit beachtete Friedenskonferenz.Nathan Howard / GettyBald wird der Bürgenstock wieder ausschliesslich den Gästen des Luxusresorts gehören.Denis Balibouse / ReutersWie nicht anders zu erwarten war, war die Schweiz vielmehr als ein Wirt. Sie wollte als Organisatorin das Maximum herausholen. Auf oberer Ebene nutzte Bundesrat Ignazio Cassis die Gelegenheit, um diplomatische Kontakte auf höchster Ebene zu pflegen. Der Schweizer Aussenminister unterhielt sich am Sonntagmorgen mit allen Teilnehmern der Verhandlungen, bevor diese sich zu den schwierigen Gesprächen zurückzogen. Ob er mit Vance, Witkoff und Kushner auch über Zollfragen gesprochen hat, war nicht in Erfahrung zu bringen.Weiter unten in der Befehlskette schienen die zahlreichen im Einsatz stehenden Beamten verschiedener Kantonspolizeien froh zu sein, endlich etwas zu tun zu haben und nicht nur sinnlos herumstehen zu müssen. Die Kontrollen an den verschiedenen Checkpoints erfolgten effizient und so freundlich, wie es möglich ist. Die Angst vor Störaktionen und Zwischenfällen war deutlich geringer als vor zwei Jahren, als für die Ukraine-Friedenskonferenz rund 100 Staatschefs auf dem Bürgenstock gekommen waren.Der iranischen Aussenminister Abbas Araqchi beim Handschlag mit Bundesrat Ignazio Cassis.Fabrice Coffrini / ReutersViele unberechenbare FaktorenWie lange die Polizisten und die Soldaten der Schweizer Armee rund um den Bürgenstock noch im Einsatz stehen werden, war am Sonntag nicht absehbar. Einige Indizien deuteten jedoch darauf hin, dass es bei einem eintägigen Lake Lucerne Summit bleiben wird. So kündigte die iranische Delegation auf den sozialen Netzwerken an, dass sie noch am Sonntag zurückkehren werde. Andererseits werten einige Beobachter die Tatsache, dass Vance von seiner schwangeren Frau Usha begleitet wurde, als Indiz, dass das Treffen mehrere Tage dauern könnte.Eines ist sicher: Sollte das Memorandum of Understanding seinen ersten Test auf Schweizer Boden bestehen, stünden die Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien erst am Anfang. Es müssten weitere Gespräche folgen, die in der Schweiz oder in anderen Staaten stattfinden könnten. Zudem gibt es extrem viele unberechenbare Faktoren.Vor allem das Verhalten Israels ist problematisch. Das Land hat mehrfach signalisiert, dass es sich nicht aus dem Libanon zurückziehen will. Donald Trump hat auf der Plattform Truth Social zudem mit neuen Angriffen gegen den Iran gedroht. Sollte ein «Geist vom Bürgenstock» entstanden sein, so wird dieser noch viele Bewährungsproben bestehen müssen.Einsatz in der Hitze für Polizisten aus der ganzen Schweiz.Vadim Ghirda / APPassend zum Artikel