Herbert Grönemeyer fragte 1984: „Wann ist ein Mann ein Mann?“ Die Antwort seines Liedes war eine nüchterne Beschreibung: Männer „weinen heimlich“, ertragen Schmerz, stehen ihren Mann. Der Song war ironisch gemeint. Aber Ironie hat in Deutschland eine seltsame Halbwertszeit. Irgendwann nimmt man sie für bare Münze, und dann ist sie plötzlich keine mehr. Grönemeyers Ironie klingt heute wie eine Anklage – an das Männerbild, an die Gesellschaft, an die Erwartungen, die wir an Männer stellen. Und weil die Anklage immer lauter wurde, hören wir auf, die Frage nach dem guten Mann überhaupt zu stellen.
Christian Ulmen zumindest hat sie nicht gestellt, er wollte das mutmaßlich auch nicht. Collien Fernandes belastete ihn im März in einem Spiegel-Interview schwer: Identitätsdiebstahl, virtuelle Vergewaltigung, psychische Gewalt. Der Spiegel hatte Fernandes sechs Stunden lang befragt; das Stück löste innerhalb von Stunden nach Erscheinen aus, was Deutschland in solchen Fällen verlässlich produziert: einen Lagerkrieg, bei dem der konkrete Vorwurf zur Nebensache wird. Hunderttausende kommentierten, nachdem sie eine einzige Quelle gelesen hatten.
Ulmen indes schwieg wochenlang; sein Schweigen wurde von beiden Seiten als Bekenntnis gewertet. Nachdem die spanische Justiz sich für nicht zuständig befunden hatte, übernahm die Potsdamer Staatsanwaltschaft. Ulmen bestreitet die Vorwürfe und hat seinerseits Klage gegen den Spiegel eingereicht. Es gilt die Unschuldsvermutung. Fernandes trat Ende März, nach Morddrohungen, in Hamburg in einer kugelsicheren Weste auf. Was bleibt: Ein Fall über eine Privatperson wurde zu einem Fall über Männer als solche.







