Kieler Forscher: «Wir sollten Chinas Subventionen ausbeuten. Wenn uns China seine Produkte billig anbietet, sollten wir dieses Geschenk annehmen»Der Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Stefan Kooths, warnt davor, Schutzzölle gegen Billigimporte aus China zu erheben. Sie belasteten die Konsumenten und bremsten den dringend nötigen Strukturwandel in Deutschland.21.06.2026, 06.00 Uhr7 LeseminutenChina beliefert den europäischen Markt mit günstigen Autos und setzt deutsche Hersteller unter Druck.Yves Herman / ReutersOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Professor Kooths, China war lange Zeit ein wichtiger Kunde der deutschen Wirtschaft. Mittlerweile ist das Land zu einem Konkurrenten geworden, der den deutschen Exporteuren die Märkte streitig macht. Müssen wir uns vor China fürchten?Es überrascht nicht, dass sich China von einem ergiebigen Absatzmarkt zu einem ernstzunehmenden Wettbewerber für die deutschen Unternehmen entwickelt hat. China hat sich gegenüber dem Weltmarkt geöffnet und dadurch wirtschaftlich sowie technologisch aufgeholt. Anfangs waren es arbeitsintensive Massengüter, mit denen China die Welt belieferte. Mittlerweile bieten Unternehmen aus Fernost hochwertige Industriegüter an, mit denen sie auch Deutschland Konkurrenz machen.Der chinesische Staat subventioniert die Unternehmen. Laut Berechnungen der Industrieländerorganisation OECD beruhen 60 Prozent der weltweiten Marktanteilsgewinne Chinas auf staatlichen Subventionen. Das ist kein fairer Wettbewerb.Man muss die Dinge auseinanderhalten. Auf der einen Seite gibt es in China den vom Markt getriebenen Aufholprozess. Er findet unabhängig von staatlichen Hilfen statt. Auf der anderen Seite lenkt die Regierung in Peking die Produktion mit Subventionen in staatlich vorgedachten Bahnen. Das ist langfristig kein erfolgversprechender Weg. Dass die Regierung ihn gleichwohl eingeschlagen hat, hängt auch mit der Politik in Deutschland und anderen westlichen Ländern zusammen.Wie das?Die Regierungen im Westen haben für ihre Dekarbonisierungsziele massive Subventionen ins Schaufenster gestellt. Sie gewähren Kaufhilfen für E-Autos, Wärmepumpen, Photovoltaikanlagen und subventionieren die Windkraft. Für die Regierung in Peking ist das wie eine Einladung, die Produktion dieser Güter zu forcieren und in den Westen zu exportieren.China hat grosse Überkapazitäten aufgebaut. Jetzt exportiert das Land diese mit hohen Subventionen. Das ist Planwirtschaft auf Kosten des Westens.China leidet selbst am meisten unter der Unwucht seines Wirtschaftsmodells. Die Ressourcen, die China in seine Exportindustrie steckt, fehlen an anderer Stelle. Im Übermass produzierte Waren zu Billigpreisen auf den Weltmärkten zu verramschen, ist kein Modell, das viel Wachstum und Wohlstand verspricht.Aber es stärkt die geostrategischen Machtambitionen Chinas. Was, wenn die chinesischen Unternehmen die westliche Konkurrenz vom Markt verdrängt haben und dann die Preise kräftig anheben?Ich sehe diese Gefahr nicht. Sollte China eines Tages versuchen, überhöhte Preise durchzusetzen, werden rasch wieder neue Konkurrenten auftauchen, die die Chinesen herausfordern.Bei seltenen Erden verfügt China schon jetzt über viel Macht . . .Das liegt daran, dass sich die westlichen Länder aus Umweltgründen aus der Exploration und der Verarbeitung seltener Erden verabschiedet haben. Wir haben China das Feld überlassen . . .. . . und sind jetzt auf Gedeih und Verderb der Regierung in Peking ausgeliefert.Sollte China seine marktbeherrschende Stellung bei seltenen Erden missbrauchen, wäre seine Reputation als verlässlicher Handelspartner perdu. Das werden sich die Chinesen genau überlegen. Denn China ist seinerseits abhängig vom Westen, etwa bei Anlagen zur Herstellung von Hochleistungschips. Zudem ist China angesichts der schwachen Nachfrage im Inland auf Exporte in die westlichen Länder angewiesen. Chinas Industriepolitik ist für alle Beteiligten schädlich, keine Frage. Aber diese Lektion muss China wohl selbst lernen, unser Einfluss ist da sehr begrenzt. Deshalb sollten wir dort ansetzen, wo wir etwas ändern können.China dominiert den Weltmarkt beim Abbau und bei der Verarbeitung von seltenen Erden.www.imago-images.deWas schlagen Sie vor?Wir sollten Chinas Subventionen ausbeuten. Wenn uns China seine Produkte billig anbietet, sollten wir dieses Geschenk annehmen. Das erfordert freilich eine kluge Wirtschaftspolitik, die unseren Standort so agil aufstellt, dass er dem dafür notwendigen Strukturwandel gewachsen ist. Dabei gilt es zu bedenken: Jeder Yuan, den China in die Förderung bestimmter Industrien steckt, fehlt dem Land an anderer Stelle. Auch in China sind die Ressourcen endlich. Das eröffnet uns Chancen.Können Sie das konkretisieren?Nehmen Sie die Gründerszene in Deutschland. Es mangelt ihr an privaten Wagniskapitalgebern. Das liegt vor allem an dem restriktiven Kündigungsschutz. Er macht Neugründungen im Fall eines Scheiterns teuer. Eine Lockerung könnte Wagniskapitalgeber anlocken und Gründern die Skalierung ihrer Geschäfte erleichtern. Das würde sich positiv auf die wirtschaftliche Dynamik auswirken und Märkte entwickeln, an die die staatlichen Planer in Peking noch gar nicht gedacht haben.Wollen Sie die Sozialleistungen in Deutschland auf chinesisches Niveau absenken?Darum geht es nicht. Unsere Wirtschaft muss anpassungsfähiger werden. Deutschland hat eine starke Marktstellung in den Industrien des 20. Jahrhunderts. Wenn wir in der Weltwirtschaft von morgen vorn mitspielen wollen, müssen wir bereit sein, alte Industrien aufzugeben und Neues zu wagen.Sagen Sie einmal den Arbeitern bei VW oder Mercedes, ihre Arbeitsplätze stammten aus dem vergangenen Jahrhundert.Es geht darum, zu erkennen, wo künftig die Wachstumskerne liegen, und sich dem nicht aus Nostalgie oder Ängstlichkeit in den Weg zu stellen. Diesen Strukturwandel hat es in erfolgreichen Ländern immer gegeben – auch in Deutschland. Die Unterhaltungselektronik ist vor Jahrzehnten abgewandert, grosse Teile der Textilindustrie ebenfalls. Dafür haben wir in anderen Bereichen hinzugewonnen, etwa in der Medizintechnik. Wir dürfen uns dem Strukturwandel nicht verschliessen. Dafür müssen Märkte aber offen bleiben und die Rahmenbedingungen den Unternehmen die Anpassung ermöglichen.Heisst das, Sie lehnen Schutzzölle gegen China ab?Wenn wir in protektionistische Abwehrreflexe ausweichen, öffnen wir das Tor für Partikularinteressen, die vor unliebsamer Konkurrenz aus dem Ausland geschützt werden wollen. Noch schädlicher als Zölle wäre eine Industriepolitik, die deutsche Unternehmen subventioniert. Dann nehmen die globalen Überkapazitäten weiter zu. Wir müssen aufpassen, dass wir bei dem Versuch, unsere Wirtschaft vor der Konkurrenz aus China zu schützen, nicht immer chinesischer, also interventionistischer, werden. Mir scheint ohnehin, dass sich hierzulande manche mit Blick auf China über die eigentliche Stärke des westlich-marktwirtschaftlichen Modells gar nicht im Klaren sind und sich deshalb umso leichter von interventionistischen Schnellschüssen und Scheinerfolgen blenden lassen.Sie fordern, dass sich die deutsche Industrie dem Strukturwandel anpasst. Das dauert jedoch. Bis dahin zerstört die subventionierte Konkurrenz aus China Tausende Jobs in Deutschland.In einer sozialen Marktwirtschaft hat der Staat nicht die Aufgabe, konkrete Jobs zu schützen, sondern die Beschäftigten. Das sind verschiedene Dinge. In Deutschland konzentriert sich die Politik hingegen darauf, die gegebenen Wirtschaftsstrukturen zu erhalten. Das ist ein aussichtsloses Unterfangen, das viel Steuergeld verbrennt. Bei aller Sorge um die Unternehmen sollten wir zudem die Konsumenten nicht aus den Augen verlieren. Ihre Bedürfnisse stehen im Zentrum des Wirtschaftens. Die Konsumenten profitieren, wenn China seine Produkte billiger anbietet.Zölle könnten der deutschen Industrie Zeit verschaffen, sich anzupassen.Das ist ein theoretisches Argument. In der Praxis lassen Schutzzölle den Reformdruck erlahmen und perpetuieren sich dadurch selbst. Zudem besteht die Gefahr, dass bei der Einführung von Zöllen politische Erwägungen wie Umwelt- und Arbeitsschutz ins Spiel kommen. Letztlich kann man immer Gründe finden, warum es Konkurrenten anderswo leichter haben als hierzulande. Schutzzölle drohen so zu einer Ewigkeitsveranstaltung zu werden. Abschottung hat aber noch nirgendwo auf der Welt zu Wohlstand geführt.Zur PersonImagoStefan Koothsist Direktor des Forschungszentrums Konjunktur und Wachstum am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Er lehrt als Professor für Volkswirtschaftslehre an der BSP Business and Law School in Berlin und Hamburg. Darüber hinaus ist Kooths Vorsitzender der Friedrich August von Hayek Gesellschaft und Mitglied der Mont Pèlerin Society. Er sitzt zudem im Akademischen Beirat des Liberalen Instituts in Zürich.Deutsche Unternehmen haben bei ihren Investitionen in China ihr Wissen durch die Gründung von Gemeinschaftsunternehmen preisgegeben. War das ein Fehler?Der Wissensvorsprung des Westens gegenüber China wäre auch ohne Gemeinschaftsunternehmen verschwunden. Wissen lässt sich nicht regional einhegen, schon gar nicht in der modernen Welt. Aus weltwirtschaftlicher Perspektive wäre das auch nicht sinnvoll. Denn Wissen ist die einzige Ressource, die man beliebig teilen kann, ohne dass sie weniger wird. Je mehr Menschen am gegenwärtigen Wissen teilhaben, desto grösser ist der Vorteil für die Welt. Es wäre unklug, versuchten wir, China von neuem Wissen auszusperren. Auch Deutschland hatte einst seine industrielle Entwicklung dem Transfer von Wissen zu verdanken.Das müssen Sie erläutern.Im 19. Jahrhundert haben sich die Deutschen die Fabriken in Grossbritannien angeschaut, das damals das führende Industrieland der Welt war. Dann haben sie die Techniken der Briten kopiert und perfektioniert. Andere zu imitieren, ist nichts Schlechtes. Entscheidend ist, dass auch künftig neues Wissen entsteht. Dafür braucht es Pioniergewinne. Sie setzen Anreize, in neues Wissen zu investieren.Früher haben die Chinesen die Techniken des Westens kopiert, heute kaufen sie sie, indem sie westliche Firmen übernehmen.Das ist nicht nur besser als Industriespionage, sondern auch nicht schlimm. Im Gegenteil. Die Produktionstechnologien gehören den Unternehmen. Wenn die Eigentümer sich entscheiden, ihre Firma an Chinesen zu verkaufen, ist dies für sie offenbar rentabler, als wenn sie ihr technologisches Wissen weiter selbst bewirtschaften. Entscheidend ist vielmehr, ob es sich für sie lohnt, mit dem liquiden Kapital neue Projekte in Deutschland anzustossen. Verbieten wir ihnen, ihr Unternehmen an Chinesen zu verkaufen, kommt dies einer Enteignung gleich und würde dann sogar den Fortschritt hierzulande hemmen.2016 übernahm der chinesische Haushaltsgerätehersteller Midea den deutschen Hersteller von Industrierobotern Kuka. Die Übernahme entfachte Ängste vor einem Ausverkauf der deutschen Wirtschaft.Michael Bihlmayer / ImagoGilt das auch für die Rüstungs- und Sicherheitsindustrie?Die Rüstungsindustrie ist seit je ein Sonderfall. Schon Adam Smith, der Urvater der Nationalökonomie, wusste, dass man Rüstungsgüter nicht an potenzielle Aggressoren verkaufen darf.Die Bundesregierung mahnt die deutschen Unternehmen, sie sollten sich wegen der geopolitischen Risiken nicht abhängig von China machen. Dennoch investieren die Unternehmen weiter in grossem Stil in Fernost.Die Bundesregierung sollte klar kommunizieren, dass sie im Fall eines politischen Konflikts mit China die Unternehmen nicht mit dem Geld der Steuerzahler rauspauken wird. Alles Weitere kann man den Kapitalmärkten überlassen.Was meinen Sie damit?Die Kapitalgeber werden von Unternehmen, deren Geschäfte bei einem politischen Konflikt mit China im Feuer stehen, höhere Finanzierungskosten verlangen. Das dürfte die Unternehmen veranlassen, darüber nachzudenken, ob sich eine starke Fokussierung auf China für sie lohnt, wobei das Abwägen zwischen Effizienz und Resilienz, also zwischen Spezialisierung und Diversifizierung, von Fall zu Fall ganz unterschiedlich ausfallen kann. Es ist diese Diversität, die Marktwirtschaften robuster macht als gleichförmige Systeme, in denen alle nur denselben staatlichen Vorgaben folgen. Voraussetzung dafür ist das Haftungsprinzip, ohne das die marktwirtschaftliche Logik aus Gewinnchance und Verlustrisiko nicht funktionieren kann.Passend zum Artikel