Leugnen, «trötzelen» oder sich kreativ rächen: Über die schwierige Kunst des Verlierens am AbstimmungssonntagAuch in der Politik gilt: Gewinnen ist einfach, verlieren aber will gelernt sein, wie ein Blick in die jüngere Geschichte der Abstimmungen zeigt.21.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenEs wird abgestimmt, und eine Seite muss wohl oder übel verlieren: Szene in Bern.Alessandro Della Valle / KeystoneWie du mir, so ich dir. Schon kurz nach dem städtisch geprägten Nein zur 10-Millionen-Initiative schlug die SVP zurück. In einer Racheaktion verweigerte die halbe Partei diese Woche der Schweizer Hotellerie ihren Rabatt bei der Mehrwertsteuer. Ihr Sprecher im Nationalrat sagte, davon profitierten primär Gebiete, die man nicht besonders fördern solle. «Wir sprechen insbesondere von den Städten.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ja, eine etwas fiese Reaktion von nicht sehr guten Verlierern. Aber wer sagt, es menschele nicht in der Politik? Im Gegenteil: Man kann nach verlorenen Abstimmungen mit etwas Phantasie dieselben fünf Phasen der Trauer beobachten, die einst die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross den Menschen zuschrieb.LeugnungEin Nein ist keines. So sah es 2021 Adrian Gasser, der Initiant der Justizinitiative, welche die Bundesrichter per Los ernennen lassen wollte. Er verlangte noch am Tag der Niederlage eine Wiederholung der Abstimmung. Denn das Volk sei von den Medien falsch informiert worden und habe keine Zeit gehabt, um zu einer fundierten Meinung zu kommen, sprich: zu einem Ja. Noch einfacher machte es sich die Bewegung Mass-voll. Sie erklärte 2021 nach dem Ja zum Covid-Gesetz schlicht und ergreifend, das Ergebnis sei «für uns nicht bindend» – die Bussen wegen Verletzung der Zertifikatspflicht waren es dann trotzdem.ÄrgerAuch das «Trötzelen» ist hoch im Kurs. So forderte der SVP-Nationalrat Andreas Glarner diese Woche, dass Kantone, welche die 10-Millionen-Initiative abgelehnt hätten, nun mehr Asylsuchende aufnehmen sollten als die Ja-Kantone. Inspirieren liess er sich vielleicht vom früheren SP-Chef Christian Levrat. Der wollte 2014 im Frust über das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative (MEI) den Landkantonen kleinere Zuwanderungskontingente gewähren und dort den Bau von ÖV-Projekten bremsen. Doch es geht noch rebellischer: Der FC-Sion-Zampano Christian Constantin forderte nach dem Ja zur Zweitwohnungsinitiative nichts weniger als einen Wexit, den Austritt des Wallis aus der Schweiz. Und Paul Accola fand im Zusammenhang mit dem Ja zum Wolfsschutz, man solle doch Schlangen und Krokodile im Zürichsee aussetzen, dann würden die Zürcher schon sehen . . .VerhandelnRette, was zu retten ist. So lautete, wiederum nach dem Zweitwohnungsentscheid, das Motto der unterlegenen CVP. Sie forderte darum postwendend eine staatliche Kompensation für Verdienstausfälle in Tourismusregionen. Mehr Erfolg hatte das Wallis. Ihm gelang es, nach der verlorenen Abstimmung über das Raumplanungsgesetz mit dem Bund eine Sonderlösung für Rückzonungen auszuhandeln. Chancenlos blieb derweil die SVP, als sie nach dem Nein zum Autobahnausbau vor zwei Jahren zumindest die Benzinsteuern für die Autofahrer senken wollte.DepressionEinmal verloren, zu viel verloren. Dass die FDP-Chefin Petra Gössi im Juni 2021 den Job hinschmiss, hatte wohl auch mit dem CO2-Gesetz zu tun, das just am Vortag Schiffbruch erlitten und für das Gössi ihre Partei in Klimafragen neu positioniert hatte. Selbst Bundesräte traten nach verlorener Abstimmung schon im Affekt zurück, so 1954 Finanzminister Max Weber. Und zumindest ein depressiver Schub war wohl bei Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz zu diagnostizieren, als er 1991 das Nein zum EWR-Beitritt als «schwarzen Sonntag» und «herrliches Eigentor» bezeichnete.AkzeptanzBeim Menschen wohl die längste der Trauerphasen, in der Politik eine kurze. Denn hier heisst Akzeptanz: Wir akzeptieren das Resultat nur, um es bei nächster Gelegenheit zu ändern. Die einen versuchen dies durch das Ändern der Spielregeln – so wie die Juso nach der Schlacht um die Konzernverantwortung das Ständemehr «auf den Müllhaufen der Geschichte» schmeissen wollten. Die anderen speisen – nach kurzer, längerer oder ohne Anstandsfrist – ihre Wünsche einfach wieder neu ein. Dies tat etwa das Komitee «Raus aus der Sackgasse», das noch im gleichen Jahr die MEI via neue Initiative wieder kippen wollte. Oder die Befürworter der Hornkuh-Initiative, die ihre Subventionen nach dem Nein zum Verfassungsartikel als Nächstes per Gesetz forderten.Die Folge: Über kaum ein wichtiges Thema – vom Uno-Beitritt über die Bilateralen, das Rentenalter, das Asylsystem, die Atomenergie bis zu den Unternehmenssteuern – stimmt das Volk nur einmal ab. Dabei machen die Launen der direkten Demokratie gerne aus den alten Verlierern die neuen Gewinner. Nur schon darum müsste das Verlieren doch eigentlich nicht ganz so schwer fallen.Passend zum Artikel