Sinkende Fruchtbarkeit: Jetzt rücken Klimaanlagen in den FokusDie Hinweise verdichten sich, dass die Umweltchemikalie TFA die Fortpflanzung beeinträchtigt. Doch immer mehr davon gerät ins Grundwasser und in die Lebensmittel. Besonders ungut: Der Stoff lässt sich kaum herausfiltern.20.06.2026, 17.06 Uhr4 LeseminutenSelbst in gekauftem Mineralwasser hat es Rückstände: Trifluoracetat ist eine Ewigkeitschemikalie und baut sich nicht mehr ab.gurhan / GettyWenn Sie zu Hause den Wasserhahn aufdrehen, um Ihr Glas zu füllen – dann hat es darin ziemlich sicher Spuren einer schwer abbaubaren Chemikalie. Auch im Gemüse und in Früchten ist sie vorhanden. Brot und Getreideprodukte sind ebenfalls belastet. Selbst in der Arktis haben Forscher TFA gemessen, auch auf der Spitze des Matterhorns. Die Chemikalie mit dem vollständigen Namen Trifluoracetat ist überall. Ausweichen geht nicht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gerade deswegen hat der Entscheid der Europäischen Chemikalienagentur (Echa) in Fachkreisen hohe Wellen geworfen. Die Behörde hat den Stoff vor zwei Wochen als «fortpflanzungsschädigend» eingestuft. Das heisst, dass die Substanz die Fruchtbarkeit mindern und auch das ungeborene Kind schädigen kann. Nachweisen konnte man dies zwar erst in Tierversuchen und bei hoher Dosierung. Doch die Befunde sind ein deutliches Warnsignal.«Es ist bekannt, dass die Spermienqualität in ganz Westeuropa abnimmt. Vor allem in landwirtschaftlich genutzten Gebieten», sagt die Zürcher Ständerätin und studierte Umweltwissenschafterin Tiana Angelina Moser. Die abnehmende Fertilität sei ein ernstzunehmendes Problem, so die Grünliberale. Seit längerem bestehe der Verdacht, dass gewisse Umweltchemikalien dabei einen Einfluss haben könnten.Der Stoff ist im Schweizer Wasser weit verbreitetHans Peter Arp ist einer der weltweit führenden Experten für den Stoff. «Die Hinweise werden immer deutlicher, dass TFA nicht so harmlos ist, wie man lange angenommen hat», so Arp im Gespräch mit der «NZZ am Sonntag». Der Professor des norwegischen geotechnischen Instituts geht davon aus, dass die derzeit gemessenen Konzentrationen bei Menschen und in der Umwelt noch keine grossen Schäden auslösen. Er befürchtet aber, dass diese Schwelle schon bald überschritten wird. «Die Konzentration von TFA steigt sehr schnell, und es baut sich kaum ab.»Eine der Hauptquellen sind Klimaanlagen. Viele verwenden als Kühlmittel fluorierte Gase. Wenn diese durch feinste Risse in die Umwelt gelangen, zerfallen sie in der Atmosphäre und bilden TFA, das dann mit dem Regen zurück auf die Erde und in den Wasserkreislauf gelangt. «Das macht TFA und den Eintrag in die Umwelt zu einem globalen Problem», sagt Arp. Dass viele Klimaanlagen heute fluorierte Gase verwenden, ist ironischerweise ein Erfolg der Umweltpolitik. Früher liefen viele Kühlungen mit FCKW-haltigen Stoffen. Diese schädigen aber die Ozonschicht und sind seit den 1980er Jahren stark reguliert – seither steigt die TFA-Konzentration stark an.Die zweite wichtige Quelle für die Chemikalie sind Pflanzenschutzmittel. Deshalb ist die Belastung im Grundwasser in Gegenden mit Ackerbau besonders gross. Das zeigte eine Untersuchung des Bundes in den Jahren 2022/23. Auf der Karte (siehe Abbildung) ist gut zu sehen, dass die Konzentration entlang dem Jurasüdfuss und den besten Ackerflächen des Landes höher ist als im Rest der Schweiz. Weil das Trinkwasser vielerorts aus dem Grundwasser gespeist wird, findet sich TFA auch im «Hahnenburger». Eine Messkampagne der Kantonschemiker hat vor drei Jahren gezeigt, dass TFA in 560 von 564 Proben nachweisbar war. Durchschnittlich mit 0,8 Mikrogramm pro Liter.Zurzeit gibt es in der Schweiz keinen Grenzwert für die Chemikalie, weder im Wasser noch in Lebensmitteln. Das dürfte sich aber ändern. Mit der Neueinstufung durch die Echa beginnt ein hochkomplexer bürokratischer Prozess, der dereinst zu einem europaweit geltenden Grenzwert führen könnte – doch ein strenger Grenzwert würde die Trinkwasserversorger vor grosse Probleme stellen.Die Belastung mit dem Stoff wird massiv zunehmenKurt Seiler ist in der Schweiz einer der besten Kenner der Problematik. Ihn beschäftigt, wie langlebig der Stoff ist. «Die heutige Belastung ist irreversibel», sagt der ehemalige Leiter des Interkantonalen Labors Schaffhausen. Eine besondere Herausforderung ist, dass sich TFA mit den gängigen Filterverfahren kaum entfernen lässt. «Es ist technisch praktisch unmöglich und volkswirtschaftlich nicht bezahlbar, das Wasser flächendeckend zu reinigen», sagt Seiler.Er zitiert eine Studie aus dem Jahr 2025. Gemäss dieser wird die Belastung des Schweizer Wassers weiter stark zunehmen. Je nach Modell und Annahme um das Zehn- bis Zwanzigfache der heute gemessenen Werte. «Da wird es dann definitiv ungemütlich», warnt Seiler. Der einzige Weg sei, nicht noch mehr in die Umwelt abzugeben.Dazu rufen auch die Trinkwasserversorger auf. «Es braucht ein Verbot dieser Stoffe bei allen nichtessenziellen Anwendungen», sagt Michael Meier. Der Direktor des Branchenverbandes fordert, dass bestimmte Pestizide im Einzugsgebiet von Wasserversorgern «so rasch als möglich» eingeschränkt werden. Doch einfach wird das nicht. Die Landwirte klagen bereits heute, sie hätten zu wenig Pflanzenschutzmittel, um ihre Kulturen zu schützen und wehren sich gegen neue Verbote.Auch die Ablösung der umstrittenen Gase in Klimaanlagen dürfte dauern. Die Schweizer Kühltechnikbranche zeigt sich grundsätzlich offen, den Einsatz zu reduzieren. Doch ein Verbot gehe zu weit. Die heute verfügbaren Alternativen seien teilweise teuer und wegen ihrer grossen Brennbarkeit nicht überall geeignet, schreibt der Verband. Was die Sache nicht einfacher macht: Bei den Kältemitteln braucht es dringend ein international koordiniertes Vorgehen. Denn die umstrittenen Gase sind heute der Standard für Auto-Klimaanlagen, und die Hersteller haben ihre Produktion auf diese Stoffe ausgerichtet.Die Zürcher Ständerätin Tiana Moser sagt, sie sei nicht naiv. «Ein sofortiger Ausstieg wird uns kaum gelingen.» Aber es brauche zumindest eine Perspektive, einen Ausstiegspfad. Sie will deshalb im Parlament eine Sunset-Klausel und damit die langfristige Abkehr von den umstrittenen Substanzen fordern. «Nur mit Wegschauen lösen wir das Problem ganz sicher nicht.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Sinkende Fruchtbarkeit: Was Klimaanlagen mit dem weltweiten Problem zu tun haben
Die Hinweise verdichten sich, dass die Umweltchemikalie TFA die Fortpflanzung beeinträchtigt. Doch immer mehr davon gerät ins Grundwasser und in die Lebensmittel. Besonders ungut: Der Stoff lässt sich kaum herausfiltern.
Echa stuft TFA (von Klimaanlagen/Pestiziden) als reproduktionstoxisch ein. Konzentration steigt 10–20-fach ohne Filterlösung. Signalisiert EU-Regulierungswechsel zu 'Forever Chemicals'; Compliance-Risiko für floride Kältemittel in globalen Supply Chains. Nur Prävention wirkt.







