Der Streit zwischen Polen und der Ukraine um die Deutung der Geschichte und einen Orden hat am Wochenende einen neuen unrühmlichen Höhepunkt erreicht. Am Samstag schickte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Orden des Weißen Adlers an den polnischen Präsidenten Karol Nawrocki zurück. Damit reagierte er auf die Entscheidung Nawrockis, ihm die höchste Ehrung der Republik Polen abzuerkennen. „Wir glaubten, dass der 2023 verliehene Orden des Weißen Adlers dem ukrainischen Volk und unserer Armee zugedacht war. Das wurde damals so gesagt“, erklärte Selenskyj auf Telegram und fügte Bilder mit dem verpackten Orden und der Versandbestätigung nach Polen bei.Zugleich zitierte er Nawrocki, der davon gesprochen hatte, dass der Orden keine gewöhnliche Ehrung, sondern ein Symbol des höchsten Vertrauens der Republik Polen sei sowie eine besondere Bindung an den polnischen Staat und die Dankbarkeit des polnischen Volkes bedeute. „Ein solches Symbol erfordert nicht nur Verdienste, sondern auch Respekt vor den Werten, die Grundlage unserer Gemeinschaft sind“, so Selenskyj. Wenn Polen der Ansicht sei, dass Katharina II., Benito Mussolini und Gerhard Schröder, die alle Träger des Weißen-Adler-Ordens seien, diesen auch weiterhin verdienten, werde die Ukraine nicht streiten.Massaker an der ZivilbevölkerungTatsächlich haben den Orden, der 1705 durch den sächsischen Kurfürsten und polnischen König August der Starke als höchste Auszeichnung Polens gestiftet wurde, auch viele Personen mit aus heutiger Sicht fragwürdigen Verdiensten erhalten, denen er nie aberkannt wurde. Den Entzug des Ordens im Fall Selenskyjs hatte Polens Präsident Ende Mai angeregt, nachdem der ukrainische Präsident einer Spezialeinheit der ukrainischen Armee den Titel „Helden der UPA“ verliehen hatte. Die UPA war eine ukrainische Untergrundarmee, die im Zweiten Weltkrieg für eine unabhängige Ukraine kämpfte, aber auch Massaker an der polnischen Zivilbevölkerung in damals zum Osten Polens gehörenden Gebieten wie Wolhynien begangen hat.Polen stuft diese Verbrechen, bei denen geschätzt 100.000 Menschen ermordet wurden, als Völkermord ein und sieht die UPA als eine feindliche Organisation an. In der Ukraine wiederum gilt jene Armee als Symbol für den Freiheitskampf, in dem das Land nun abermals steckt. Über die unterschiedliche Bewertung dieser schwierigen Vergangenheit streiten Kiew und Warschau seit der Unabhängigkeit ihrer Länder. Zuletzt schien sich das Verhältnis etwas zu entspannen, nachdem die Ukraine Polen erlaubt hatte, Überreste der damals Ermordeten zu exhumieren und würdig zu bestatten.Tusk ruft beide Präsidenten zur OrdnungSelenskyj wusste also um die Ablehnung der UPA in Polen, entschied sich aber aus innenpolitischen Gründen, der Einheit den Titel zu verleihen. Nach Nawrockis Ankündigung, ihm daraufhin den Weiße-Adler-Orden zu entziehen, war vor zwei Wochen eine Delegation aus Kiew nach Warschau gereist, um die Wogen zu glätten. Ukrainische Vorschläge, wonach der Titel „Helden der UPA“ ergänzt werden könnte, um deutlich zu machen, dass nicht deren mordender, sondern nur der freiheitskämpfende Teil gemeint sei, überzeugten in Warschau jedoch nicht.Auch Polens Ministerpräsident Donald Tusk reagierte empört, forderte jedoch mehrfach dazu auf, die Angelegenheit vernünftig zu klären. Am Samstag rief er beide Präsidenten abermals dazu auf, die Emotionen zu dämpfen und nicht die Spannungen noch zu verstärken. „Der Konflikt zwischen Polen und der Ukraine erfreut Putin und schockiert unsere Verbündeten“, so Tusk. „Die Frontlinie verläuft woanders.“Nawrocki will innenpolitisch punktenDoch „Ordnungsrufe“ von Tusk mögen Nawrocki in seiner Entscheidung noch bestärkt haben. Beide Männer sind sich in tiefer Abneigung verbunden. Mehrfach bezeichnete Nawrocki Tusk als „den schlechtesten Ministerpräsidenten seit 1989“. Nawrockis erklärtes Ziel ist es, bei den Parlamentswahlen im kommenden Jahr die von Tusk geführte, liberal-konservative Regierung abzulösen und durch eine national-konservative zu ersetzen.In diesem Lichte ist auch die Aberkennung des Ordens zu sehen, mit der Nawrocki vor allem innenpolitisch punkten will. „Wir können nicht zulassen, dass Ideologien propagiert werden, die für Völkermord verantwortlich sind“, begründete er seine Entscheidung, deren Ankündigung in Polen bereits ein breites, positives Echo gefunden hatte. Die Aberkennung des Ordens sei „unsere entschiedene Antwort, aber auch ein Appell um Respekt für die polnischen Opfer“.Moskau jubelt in perfider ManierZugleich betonte Nawrocki, dass diese Entscheidung „nicht gegen das ukrainische Volk gerichtet“ sei und auch nicht die strategische Ausrichtung der polnischen Sicherheitspolitik beeinflusse. „Wir haben die Ukraine unterstützt und unterstützen sie weiterhin, weil die russische Aggression eine Bedrohung für Polen und ganz Europa darstellt.“ Allerdings hatte Nawrocki im Präsidentschaftswahlkampf vor einem Jahr die latente Ablehnung ukrainischer Flüchtlinge in Teilen der polnischen Bevölkerung verstärkt und unter anderem die Kürzungen von Sozialleistungen für diese Menschen unterstützt.Lob für Nawrockis Entscheidung kam vorhersehbar aus Moskau. „Endlich“ sei „dem nazi-anbetenden Degenerierten aus Kiew“ der Orden aberkannt worden, schrieb der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew auf X. Er sei sicher, dass auf Selenskyjs „grünem Sweatshirt nun mehr Platz für Hitlers Ritterkreuz mit goldenem Eichenlaub“ sei. Die Perfidie Medwedews, der bis 2012 vier Jahre lang russischer Ministerpräsident war, wird deutlich, wenn man weiß, dass Selenskyj aus einer jüdischen Familie stammt und zahlreiche seiner Vorfahren, darunter seine Urgroßeltern, im Holocaust ermordet wurden.In seiner Erklärung zur Rückgabe des Ordens dankte Selenskyj am Samstag dem polnischen Volk für seine Hilfe und Kooperation im Kampf um die Unabhängigkeit von Russland und unternahm dann noch einen Schritt in Richtung Warschau. Die Ukraine vergesse Solidarität nie und sei allen Völkern und Staaten dankbar, die an ihrer Seite für die Verteidigung der Freiheit stünden. Kiew werde offen bleiben „für alle sinnvollen Formate der Zusammenarbeit mit Polen, um zu versuchen, widersprüchliche Informationen der schwierigen und schmerzhaften Kapitel unserer gemeinsamen Vergangenheit zu vermeiden allen unschuldigen Opfern des 20. Jahrhunderts Respekt zu gewährleisten“.Vorerst jedoch gehen weitere Rücksendungen nach Polen. Auch der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha, der Leiter der Präsidialkanzlei in Kiew, Kyrylo Budanow, und der ukrainische Botschafter in Polen, Wassyl Bodnar, kündigten am Wochenende an, ihre von Polen verliehenen Verdienstkreuze zurückzugeben.