Das Wasser-Duo hat zu tun. Mit Tank auf dem Rücken, gelber Gießkanne und pinkem Plastik-Philodendron auf dem Kopf und vor allem mit Sprühverneblern in der Hand ziehen die beiden Helfer im Auftrag des Festivals über das Tollwood-Gelände. Sie sorgen für Abkühlung einzelner Besucher und für juchzende Kinder im Tröpfchennebel.Es ist eine der vielen Maßnahmen, mit der das Tollwood der Klimaveränderung zu begegnen versucht. „Wir müssen mit mehr Hitze rechnen“, meint Stefanie Kneer, die den Pressetross zur Eröffnung über das Gelände leitet. „Deshalb haben wir auch mehr Grün auf dem Gelände verteilt, außerdem eine Kühl-Oase, Schatteninseln und viele Brunnen eingerichtet. Da wurden schon Leute gesichtet, die ihren Kopf gleich eingetaucht haben.“ Man ahnt, wie nötig das noch werden könnte, denn die Sonne sticht.Auch dem Puppenspieler, den man durch das Gerüst des dreieinhalb Meter großen Kunstwerks Little Amal sehen kann, stehen die Schweißperlen auf der Stirn. Er bewegt die übergroße Figur im Korpus verborgen zusammen mit zwei Helferinnen über das Gelände.Der Weg führt über bislang noch grüne Olympiapark-Wiesen, durch die Gänge der Schausteller, Händler und zu Beginn zu einer Großplastik eines Herzens, das von der Puppe begrüßt, bewundert und umarmt wird.Little Amal ist ein Kunstprojekt der britischen Gruppe The Walk, die Verkörperung eines zehnjährigen Flüchtlingsmädchens. Im Sommer 2021 machte sie sich erstmals von der syrisch-türkischen Grenze aus auf den Weg Richtung Zentraleuropa.Seitdem hat Little Amal 181 Städte in 18 Ländern erlaufen. Sie hat Politiker, Prominente und sogar den Papst getroffen, vor allem aber überall Kinder, die ihr Botschaften zustecken, Herzen aus Pappmaché beispielsweise, so auch hier.Die Botschaft ist klar: Das flüchtende Kind zeigt der Welt, was es heißt, heimatlos zu sein. Es blickt ernst, die Anklage ist in der Sprachlosigkeit verborgen. Die Gesten wie Umarmung, Zuwendung, Verbeugung hingegen sind Zeichen der Neugier und des Mitgefühls. Hallo Mensch! Es wäre so einfach, wenn du ein wenig friedlicher wärst!Ein bisschen Pathos gehört zur Natur von Performances, die erzählen wollen. Deshalb hat Little Amal auch seinen Platz beim Tollwood, das sich in diesem Jahr die „Rückeroberung der Empathie“ als Motto gesetzt hat. Bis zum 19. Juli will das Festival Menschen verbinden und unterhalten, mit kostenlosen Akrobaten, Tanzkursen und vielen Konzerten bei freiem Eintritt.Insgesamt gibt es 466 Veranstaltungen, 53 Gastronomiestände und mehr als 170 Aussteller. Neben den vielen kleinen Events zieht das allabendliche Programm in der Musik-Arena besondere Aufmerksamkeit auf sich.Und als Auftakt gibt sich dort eine Promi-Band die Ehre, die ihre Kraft aus der Vergangenheit zieht. Denn Beat ist eine Cover-Combo, die das Repertoire der Prog-Rock-Pioniere King Crimson aus den Achtzigern aufführt. Allerdings bringen die Musiker auch ihre eigenen Karrieren und Charaktere mit, die sie mit dem Anspruch der Fans verknüpfen müssen, die die Originale von einst im Ohr haben.Die Band Beat bei ihrem Auftritt am ersten Abend des Tollwood-Festivals. Johannes SimonEs ist ein Spagat und man merkt es der ersten Konzerthälfte an, dass sich die All Stars akklimatisieren müssen, auch wenn sie bereits vor dem ersten gespielten Ton von reichlich Jubel empfangen werden. Es dauert, bis die von ungeraden Takten, ineinander laufenden Melodien, verkanteten Arrangements und schrägen Sounddetails durchzogene Musik in den Fluss kommt.Aber die zweite Konzerthälfte holt auf. Der Gitarrist Steve Vai legt seinen dunklen Hut und den finsteren Blick ab, packt seine bunt bemalte Ibanez und tobt sich aus, mit weit ausholenden, bombastisch verzerrten und wild getappten Soli.Adrian Belew gönnt sich lustvolle Rückkopplungen, schrille Chorus-Sounds als Zweitgitarrist und singt ein wenig wie damals in den Achtzigern, als er Teil von King Crimson war. Ebenfalls zur Originalbesetzung gehört Bassist Tony Levin, der stilecht mit dem sonst selten gespielten „Chapman Stick“ wummernd schnalzende Fundamente liefert. Der Schlagzeuger Danny Carey, der auch Mitglied der Band Tool ist, schließlich verbindet melodische Percussion mit rockender Wucht.So wirkt Beat, Teil 2, gelöster und mehr nach eigenem musikalischen Willen, auch wenn Songs wie „Three Of A Perfect Pair“ klar die Brücke in die Vergangenheit bauen. Viel Applaus in der Musik Arena, während sich beim Toolwood-Mond am Andechser-Zelt noch einmal Little Amal zeigt.Die Puppe legt sich nach kleiner Kissenschlacht mit Kindern symbolisch schlafen und träumt auf eine Leinwand projizierte Fieberbilder von Krieg und Vertreibung. Ein ernster Hinweis auf das echte Leben jenseits des Festivals, jenseits der heißen, heilen Welt von Kunst, Kulinarik und Musik.