Herr Hoeneß, wie ist Ihre Erinnerung an den letzten Elfmeter, den Sie in Ihrem Leben geschossen haben?Eigentlich wollte ich den überhaupt nicht schießen. Als sie Freiwillige für das Elfmeterschießen suchten, sagte ich zu Franz Beckenbauer: ‚Ich will nicht.‘ Ich war müde, ausgelaugt, kaputt.Weil Sie beide Spiele bei der EM-Endrunde, erst das 4:2 gegen Jugoslawien im Halbfinale, dann das 2:2 gegen die Tschechoslowakei im Finale, jeweils 120 Minuten spielen mussten?Ja, zweimal Verlängerung, das hat die letzte Kraft gekostet. Aber die Hauptursache war meine schwere Knieverletzung aus dem Europapokalfinale gegen Leeds United ein Jahr zuvor. Ich wurde zweimal operiert, verpasste die erste Hälfte der Saison, spielte dann die ganze Rückrunde durch, bis zur EM. Aber ich war nicht mehr der Alte und wurde es auch nicht mehr. Ich hatte immer noch sehr gute Spiele, aber ohne Konstanz.„Ich hatte keinen Plan“Woran fehlte es?Ich hatte als Stürmer immer von meiner Physis und Schnelligkeit profitiert. Aber nach der Verletzung konnte ich fast nie mehr richtig trainieren. Montags nach dem Bundesliga-Wochenende war mein Knie dick, ich musste es schonen. Am Donnerstag wurde es punktiert, am Freitag gab es Cortison, am Samstag wurde wieder gespielt. Danach ging der ganze Mist von vorne los. Nach einem halben Jahr in diesem Rhythmus war ich völlig fertig.Beckenbauer wusste ja davon. Wie war seine Reaktion, als Sie nicht schießen wollten?Er fragte mich: „Sollen dann etwa die Jungen schießen?“ Dabei war ich ja auch erst 24. Nur Dieter Müller, der uns mit drei Toren gegen Jugoslawien ins Finale gebracht hatte, war noch jünger, erst 22.Für Müller war das Finale erst sein zweites Länderspiel, während Sie Welt- und Europameister und dreimal Europapokalsieger waren. Und schon Elfmeter für die Nationalmannschaft geschossen hatten.Das stimmt, bei der WM 1974 war ich der Schütze Nummer eins. Beim 4:2 gegen Schweden traf ich, beim 1:0 gegen Polen hielt Torwart Tomaszewski meinen Elfer. Trotzdem war ich auch für das Finale gegen die Niederlande als Nummer eins vorgesehen. Dann aber hat Paul Breitner Gott sei Dank den Ball genommen und zum 1:1 verwandelt.Warum schoss Beckenbauer, als Kapitän, im EM-Finale nicht selbst?Der Franz war in dieser Hinsicht kein großer Held. Er wollte erst so spät wie möglich im Elfmeterschießen antreten. Hinterher sagte er nur: „Gott sei Dank wäre ich erst nach dir dran gewesen.“Er soll auch dagegen gewesen sein, überhaupt das Elfmeterschießen zu bestreiten. Ursprünglich sollte ein Wiederholungsspiel zwei Tage später, also am folgenden Dienstag, stattfinden.Das wusste ich nicht. Ein Wiederholungsspiel? Ich kann mir das gar nicht vorstellen.Es wurde später bekannt, dass der walisische Schiedsrichter Clive Thomas, der das erste Halbfinale geleitet hatte, von der UEFA aufgefordert worden war, seine Heimreise erst für Mittwoch zu planen, nach dem möglichen Wiederholungsspiel. Dass aber der DFB, angeblich wegen der Urlaubsplanungen der Spieler, am Final-Sonntag ein Elfmeterschießen bei Gleichstand nach Verlängerung beantragte. Die UEFA und die Tschechoslowaken stimmten zu.Wie gesagt, ich kann mir das gar nicht vorstellen. Ich war sicher, dass es nach 120 Minuten ein Elfmeterschießen geben würde. Wir hatten ja mit Bayern München im Europapokal der Landesmeister schon 1973 eines erlebt. Das war in der ersten Runde bei Atvidabergs FF. Zu Hause hatten wir 3:1 gewonnen, lagen dann aber in Schweden 0:3 zurück und retteten uns durch ein Tor von mir in die Verlängerung und ins Elfmeterschießen. Bernd Gersdorff verschoss den zweiten Elfer, aber wir haben es noch gedreht. Und dann dreimal in Folge den Europapokal gewonnen.In Belgrad 1976, im ersten Elfmeterschießen der deutschen Nationalmannschaft, ließen Sie sich schließlich überreden. Was war Ihr Plan, als Sie zum Punkt gingen?Ich hatte keinen. Elfmeter sind ja auch ein Spiel zwischen dem Schützen und dem Torwart. Wohin bewegt er sich, guckt man ihn aus, täuscht man eine Ecke an und nimmt dann die andere, solche Sachen. Aber dieses Nervenspiel traute ich mir nach zwei Verlängerungen binnen drei Tagen nicht mehr zu. Der einzige Gedanke, den ich hatte, war, voll draufzuhalten. So hart wie möglich. Was dabei herauskam, ist ja bekannt.Kohl und Strauß muntern aufAls der Ball hoch übers Tor ging, schlugen Sie die Hände vors Gesicht und schleppten sich dann langsam zurück zum Mittelkreis. Wie erlebten Sie den berühmten Elfmeter von Antonín Panenka, der gleich nach Ihrem Fehlversuch Sepp Maier mit einem Lupfer überlistete und die CSSR zum Europameister machte?Ich weiß es nicht mehr. Ich war in diesem Moment vollständig mit mir selbst beschäftigt.Bereiteten Ihnen diese beiden Elfmeter Albträume?Nein. Mein Albtraum war die Befürchtung, dass ich mein Leben lang nicht mehr ohne einen kühlenden Verband um mein rechtes Knie zu Bett gehen könnte. Aber das ist zum Glück nicht eingetreten.Wie nehmen Sie im Rückblick das Drama von Belgrad wahr? Sie hatten mit den Bayern und dem Nationalteam schon mit 22 Jahren jede wichtige Trophäe gewonnen. Konnten Sie dadurch den verpassten zweiten EM-Titel leichter abhaken?Nein, das war dadurch eher noch schwerer für mich. Ich war so etwas nicht gewohnt: eine Finalniederlage. Und dann auf diese Weise. Außerdem wurde ich von vielen Seiten kritisiert. Allerdings gab es auch aufmunternde Botschaften, zum Beispiel in persönlichen Briefen von Helmut Kohl und Franz Josef Strauß.Blieben Sie im Sommer 1976 lieber zu Hause, um nicht im Urlaub ständig auf den Elfmeter angesprochen zu werden?Nein, meine Frau und ich kamen auf eine andere Idee, etwas, was wir sonst nie gemacht haben. Wir flogen in die Karibik, auf die Insel St. Lucia. Damit mich keiner auf der Straße erkannte.Sie spielten nach Belgrad nur noch zweimal für das Nationalteam, zuletzt im November 1976 in Hannover, ein 2:0-Sieg gegen die Tschechoslowakei, den Europameister.Dabei plante Bundestrainer Helmut Schön sogar noch für die Weltmeisterschaft 1978 mit mir. Dazu kam es aber nicht. Als mir Präsident Wilhelm Neudecker das Angebot machte, Manager des FC Bayern zu werden, zögerte ich nicht, meine Karriere als Spieler mit 27 Jahren zu beenden. Die Ärzte hatten mir dringlich dazu geraten.Wo erleben Sie die aktuelle WM?Zu Hause. Ich glaube, dass diese Weltmeisterschaft ein Fiasko für den Fußball wird. Zweitausend Dollar für ein Finalticket mittlerer Güte, wo soll das enden? Ich bin immer für Kommerz im Fußball gewesen, aber nicht in dieser extremen Form. Ich möchte das durch den Kauf von Eintrittskarten nicht auch noch unterstützen. Dabei hat mir ein Bekannter angeboten, während der WM kostenlos in seinem Haus in Florida zu wohnen. Aber ich hatte überhaupt keine Lust, zu dieser WM zu reisen. Und selbst wenn ich Lust gehabt hätte, sie wäre mir vergangen, als man mir die bevorzugte Lage des Hauses nannte.Wo liegt es denn?Fünf Minuten entfernt von Mar-a-Lago, dem Anwesen von Donald Trump.
Fußball-EM 1976: Hoeneß' Elfmeterdrama
Nach dem berühmten Fehlschuss von Belgrad beim EM-Finale vor 50 Jahren zieht es den späteren Architekten des neuen FC Bayern in die Ferne. Auch zur WM 2026 setzt Uli Hoeneß auf Distanz.











