Jetzt musste sich Brasiliens berühmtester Patient auch noch vom Präsidenten veralbern lassen. „Neymar ist der erste Spieler, der ins Homeoffice nominiert wurde“, spottete Luiz Inácio Lula da Silva in Belo Horizonte, ehe die brasilianische Auswahl am Freitagabend in Philadelphia 3:0 gegen Haiti gewann. Beim 1:1 gegen Marokko hatte der angeschlagene Stürmer noch auf der Bank gesessen – diesmal blieb er gleich im Trainingscamp in New Jersey, „um die letzte Phase seines Genesungsprozesses zu optimieren“, wie der brasilianische Verband mitteilte.Dicke Freunde werden die beiden wohl nicht mehr. Der Staatschef hatte seine Berufung in den WM-Kader zwar unterstützt, ist aber kein großer Fan von Neymar, seitdem dieser den Rechtspopulisten Jair Bolsonaro verehrt. Lulas Begeisterung für die gegenwärtige Seleção scheint insgesamt begrenzt zu sein. In Zukunft werde man „eine brasilianische Nationalmannschaft mithilfe künstlicher Intelligenz zusammenstellen müssen“, witzelte er – „wir werden elf ‚Pelés‘ erschaffen.“Brasiliens Neymar:Bolsonaro und sein BallkünstlerBolsonaro-Fans, Populisten und Demokratieverächter tragen heute in Brasilien das gelbe Trikot mit der Nummer 10 – und die Hälfte des Landes verwünscht Neymar. Wie konnte es so weit kommen?Ohne Neymar und ohne elf Pelés reichte es dann trotzdem lässig gegen Haiti, die Nummer 83 der Fifa-Weltrangliste. „Wir werden ein anderes Spiel zeigen, mit viel mehr Qualität“, hatte Carlo Ancelotti nach dem Unentschieden im ersten Gruppenspiel versprochen. So kam es zumindest ansatzweise, und es half, dass der Nationalcoach seine Elf ein wenig umbaute. Statt Verteidiger Roger Ibañez lief Danilo auf, statt Igo Thiago durfte Matheus Cunha von Manchester United stürmen, der ehemalige Leipziger und Berliner.Auch nicht schlecht: Matheus Cunha feiert sein zweites Tor. Mauro Pimentel/AFPVor allem diese zweite Personalie erwies sich als gute Idee, Cunha schoss die beiden ersten Tore. Noch besser als nach dem Anpfiff auf den Tribünen war die Stimmung jedoch trotzdem vorher auf den Straßen und vor dem Stadion, in Philadelphia hatten sich ja wieder jede Menge Menschen in gelben Trikots versammelt. Diesmal wurde die Stadt nicht von Sportfreunden aus Ecuador erobert wie am vergangenen Sonntag, sondern vor allem von Brasilianerinnen und Brasilianern. Allerdings spielte ihr Ensemble in Blau, wie kürzlich die Ecuadorianer.Eine Schar von Haitianerinnen und Haitianern war auch da. „Jeder von uns freut sich“, sprach ein haitianischer Einwanderer auf dem Weg in die Arena, im ärmsten Land Amerikas gibt es sonst wenig zu feiern. Putsche, Erdbeben, Wirbelstürme, ein ermordeter Präsident und eine von Gangs beherrschte Hauptstadt – da ist diese erste WM-Teilnahme seit 52 Jahren das beste Erlebnis seit Langem. Daheim in Port-au-Prince können die Haitianer angesichts der Gewalt schon lange nicht mehr spielen.Vor 22 Jahren kamen die Brasilianer dort in einer anderen Krise Haitis zum „Jogo da paz“ vorbei, dem Friedensmatch. Wer damals seine Waffe abgab, der bekam eine Eintrittskarte. Die Brasilianer gewannen 6:0 und bei der Copa América 2016 dann 7:1. Bei einer Weltmeisterschaft hatten sich die beiden Nationen noch nie getroffen, Haiti war nun der 50. WM-Gegner Brasiliens.Als Termin eignete sich dieser 19. Juni ausgezeichnet, denn dies war in den USA ein Feiertag, er trägt den Namen „Juneteenth“. Seit 2021 wird an diesem Termin des Tages gedacht, an dem die letzten Sklaven der Vereinigten Staaten über ihre Freiheit in Kenntnis gesetzt wurden. Wie es der Zufall wollte, kamen da nun also diese beiden Mannschaften zusammen: Haiti war die erste Nation, in der die Sklavenhalter besiegt wurden. Und nirgendwo außerhalb von Afrika leben mehr Menschen mit afrikanischen Wurzeln als in Brasilien. „Für mich und meine Spieler gibt es nichts Größeres, als gegen Brasilien anzutreten“, sagte Haitis französischer Nationaltrainer Sébastien Migné.Haiti bei der Fußball-WM:Der Stolz eines geplagten LandesIn Haiti regieren bewaffnete Banden, die Menschen leben in Armut. Aber die Fußballer haben es trotz aller Desaster zur WM geschafft. In den USA spielen sie auch für ihre von Trump beschimpften Landsleute.Doch der fünfmalige Weltmeister, der Pentacampeão, tat sich mit den Männern aus der Karibik erwartungsgemäß leichter als mit Marokkanern. Das Mittelfeld mit Casemiro, Lucas Paquetá und Bruno Guimarães funktionierte, und zumindest in Halbzeit eins hatte Haiti keine Chance. Raphinhas Treffer nach zwölf Minuten fiel der Abseitsregel zum Opfer, später schied er verletzt aus. Aber nach 23 Minuten konnte Haitis Torwart Johnny Placide vom SC Bastia, Marktwert 700 000 Euro, nach einem Schuss von Vinicius Junior, Marktwert 140 Millionen Euro, den Ball nicht festhalten. Cunha setzte nach, 1:0.In der 36. Minute ließ er das 2:0 folgen, diesmal nach feinem Pass von Vinicius Junior. Dieser Vini, der launische Künstler von Real Madrid mit der Nummer 7, war von der haitianischen Defensivabteilung kaum zu halten. Sekunden vor der Pause lief er links allein auf Placice zu und schob zum 3:0 ein. Dabei blieb es bis zum Schluss, nachdem Ancelotti fünfmal ausgewechselt hatte. Haiti wird bald abreisen müssen, als erstes Team, das definitiv ausgeschieden ist. Aber der wackere Torwart Placide bekam als Trostpreis am Ende sein Souvenir, das Trikot von Vinicius Junior.Gegen Schottland könnte Raphinha fehlen – dafür soll Neymar wieder dabei seinIn die ewige Bestenliste des Jogo bonito, des schönen Spiels der Brasilianer wird der Auftritt kaum eingehen, dafür war besonders Teil zwei zu chaotisch. Beinahe hätte Haiti noch getroffen. Aber Vinicius Junior war natürlich „The man of the match“ und wurde ähnlich gefeiert wie die Tribünengäste Ronaldinho und Ronaldo, mit denen wahrscheinlich sogar Lula zufrieden gewesen wäre.Wie fand Ancelotti seinen ersten Sieg im zweiten WM-Spiel mit Brasilien? Der Trainer im Zweireiher sang sogar einen Teil der brasilianischen Hymne mit, wie es aussah. „Wir haben uns verbessert, und wir werden uns weiter verbessern“, sagte der Italiener. Seine Nummer 9 dürfte er in Matheus Cunha fürs Erste gefunden haben. Und gegen Schottland könnte Raphinha fehlen – dafür sei Neymar voraussichtlich wieder dabei, informierte Ancelotti. Es sieht so aus, als kehre Neymar erstaunlich schnell aus dem Homeoffice zurück.
Brasilien bei der Fußball-WM: Der Präsident macht Witze, die Seleção ihren Job
Während Neymar „im Homeoffice“ auf Genesung wartet, schießt Cunha die Seleção zum 3:0 gegen Haiti.













