In Côte d’Ivoire verändert der Fussball Leben und beendet Kriege. Reise in die Talentschmiede AfrikasAm Samstag trifft Deutschland auf die ivoirische Nationalmannschaft – eine Profikarriere in Europa ist der kollektive Traum des Landes.Christian Putsch, Abidjan (Text und Bilder)20.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenFussball ist in Côte d’Ivoire eine Religion: die Mannschaft des Vizemeisters FC San-Pédro beim Training im Norden von Abidjan.Alexandre Coppolani kommt abends in kurzer Trainingshose in die Bar. Ein gemeinsamer Freund hat den Kontakt zum Athletik-Trainer von Asec Mimosas hergestellt, dem Serienmeister von Côte d’Ivoire. Der Korse, 34, hat allerlei Termine in der lokalen Fussballszene in Abidjan arrangiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er bestellt ein Bier, dann grinst er. «Schön, dass du jetzt da bist», sagt er, «aber ich bin gerade entlassen worden.»Coppolani hat zwei Tage zuvor nach einem Spiel von Asec Mimosas ein Interview gegeben, in dem er gesagt hat, was ohnehin jeder wusste: Die Schiedsrichter hätten absurde Elfmeter gegen einige Teams gepfiffen. «Der Verein weiss, dass ich recht habe, aber die wollen es sich nicht mit dem Verband verscherzen», sagt er. «Deshalb soll ich gehen.» Vielleicht würden sich die Gemüter auch wieder beruhigen. Das wisse man in Côte d’Ivoire nie so genau.Es ist ein kurioser Beginn einer Reise zum zweiten deutschen Gegner bei der Weltmeisterschaft. Am Samstag trifft die deutsche Nationalmannschaft in Toronto auf den Afrikameister von 2024.Der Verein steht für erfolgreiche NachwuchsarbeitCôte d’Ivoire dürfte der schwerste Gegner der Gruppenphase sein. Das Team gewann das erste Spiel verdient gegen Ecuador (1:0) und hatte schon im letzten WM-Test in Frankreich mit einem 2:1-Sieg überrascht. «Warum nicht nach dem Finale streben?», sagte der Trainer Emerse Faé im Vorfeld der WM.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenEiner der Väter des ivoirischen Erfolgs empfängt in Abidjan, in einem unscheinbaren Bürogebäude, umgeben von üppigen Pokalvitrinen und Fotografien aus Jahrzehnten ivoirischer Fussballgeschichte. Es ist Francis Ouégnin, Vizepräsident von Asec Mimosas, ein bestens vernetzter Mann mit runder Brille und Kugelschreiber in der Hemdtasche.Auf einigen Bildern steht er neben den Asec-Legenden Yaya Touré und Salomon Kalou, die in Europa einst zu Weltklassespielern wurden. Kaum ein Verein in Afrika steht für derart erfolgreiche Nachwuchsarbeit.Ouégnin begrüsst Coppolani mit herzlichem Handschlag. Von Verärgerung wegen dessen Interview: keine Spur. Auch der guten Arbeit des Athletiktrainers ist es zu verdanken, dass einige der Spieler für lukrative Ablösesummen nach Europa wechseln werden.Ob er nun entlassen ist oder nicht, ist noch immer unklar. Leute wie er sind auf dem Kontinent gefragt: Er gilt nach sechs Meistertiteln als einer, der Talente für den Sprung nach Europa fit machen kann. Côte d’Ivoire ist sein siebtes afrikanisches Land, in dem er unter Vertrag steht.Ouégnin will jetzt aber lieber über die Kraft des Sports reden. «Fussball steht hier über allem», sagt er, «die Politik interessiert die Menschen nicht. Es ist der Fussball, auf allen Ebenen.»Und dann erzählt er, wie Didier Drogba, der wohl bekannteste Fussballer in der Geschichte des Landes, einmal einen Bürgerkrieg beendet habe.Nach der Geste der Fussballer endete der Bürgerkrieg2005 war das Land vom Bürgerkrieg zerrissen. Nach der Qualifikation für die WM 2006 in Deutschland kniete Drogba mit Mitspielern vor laufenden Kameras nieder und appellierte an die Konfliktparteien, die Waffen schweigen zu lassen. «Vielleicht hatten die Spieler das untereinander besprochen, aber wir wussten nichts davon», sagt Ouégnin. «Das hat die Menschen tief berührt.»Danach hätten sich die Kriegsparteien angenähert. Der Bürgerkrieg endete bald. Nicht nur wegen der Geste, so sei angemerkt, aber sicherlich auch ein wenig wegen des Spiels.Der französische Athletiktrainer Alexandre Coppolani (2. v. l.) gilt nach sechs Meistertiteln als einer, der Talente für den Sprung nach Europa fit machen kann.Auch Ouégnin ist stolz auf die Nationalmannschaft, die sie hier alle nur «die Elefanten» nennen. Und doch glaubt er, dass sich am Samstag Deutschland durchsetzen wird. «Deutschland wird die Gruppe gewinnen. Darüber gibt es nichts zu diskutieren», sagt er.So dominant wie zu Zeiten von Lothar Matthäus sei das deutsche Team allerdings nicht mehr, sagt er: «Das ist nicht mehr die grosse deutsche Mannschaft, die wir früher kannten. Aber Deutschland kann jeden schlagen.»Mit Stolz wird Ouégnin auf die vier Spieler im WM-Kader schauen, die Asec Mimosas’ Nachwuchsakademien durchlaufen haben. Sie sind Zeugnis seines Geschäftsmodells: 90 Prozent des Budgets bezieht der Verein aus Transfers junger Spieler – kleinere Ligen wie Belgien und Schweden sind klassische Abnehmer von Talenten, in letzter Zeit bedienten sich aber auch vermehrt grosse Premier-League-Vereine direkt.Hunderte Ivoirer spielen in europäischen Profiligen. Für die besten wird bisweilen über eine Million Euro Ablöse an die Ausbildungsvereine von Côte d’Ivoire bezahlt.Aber Ouégnin verfolgt die WM-Spiele auch mit Wehmut. «In Nigerias Mannschaft gibt es sechs lokale Spieler, in Ghana zwei oder drei, in Mali vier», sagt der Funktionär. «Bei uns keinen einzigen.»Früher hätten Vereine wie Asec davon profitiert, wenn ihre Spieler Nationalspieler geworden seien und dadurch an Marktwert gewonnen hätten. Bei Kalou und Touré sei das so gewesen. «Heute gehen die Spieler nach Europa und werden erst dort Nationalspieler.» Die Wertsteigerung kommt damit vor allem den europäischen Vereinen zugute. Ouégnin sagt: «Der Nationaltrainer sucht gar nicht erst nach guten Spielern hier.»Die besten Spieler kommen aus den ärmsten ViertelnDabei gibt es die zuhauf. Auf dem Trainingsgelände des Armeeklubs SOA zum Beispiel, wo der Trainer Félix Kouadjo seine Mannschaft im strömenden Tropenregen Passübungen machen lässt. Die jüngsten Spieler schleppen Gewichte und Hantelbänke auf den Rasen. Die meisten Spieler des Erstligisten sind Anfang zwanzig, einige noch jünger.«Fussball ist hier wie eine Religion», sagt Kouadjo. «Alle Kinder träumen von der grossen Karriere.» Dort werde auf staubigen Strassen gespielt, mit improvisierten Toren. «So entwickeln sie ihre Technik», sagt der Trainer: «Die besten Spieler stammen meist aus den ärmsten Gegenden.»Schon Anfang der 1990er Jahre entstanden die ersten professionellen Fussballakademien des Landes. Viele orientieren sich bis heute an der Philosophie des Franzosen Jean-Marc Guillou, die Kinder zunächst barfuss trainieren zu lassen. Des Ballgefühls wegen. Über ein Netz an Jugendturnieren landen die besten Jugendlichen mit 12 oder 13 Jahren in den Akademien. Diese arbeiten eng mit europäischen Vereinen zusammen. Entsprechend gross sind die Hoffnungen.Wer den Sprung nach Europa schafft, kann in wenigen Jahren mehr verdienen als seine Angehörigen in einem ganzen Leben. Ex-Stars wie Drogba haben ausufernde Anwesen im Abidjan-Edelviertel Beverly Hills. «Früher wollten die Eltern, dass ihre Kinder vor allem zur Schule gehen», sagt der Trainer Kouadjo. «Heute wollen viele, dass sie vor allem Fussball spielen. Das ist gefährlich. Von tausend Spielern schafft es vielleicht einer.»Die wichtigsten Wochen seines LebensDer Druck, den Sprung früh zu schaffen, ist gewaltig. Moussa Koné, 17, versucht sich ihn nicht anmerken zu lassen. Er scherzt mit seinen Teamkameraden des Vizemeisters FC San-Pédro bei einer der letzten Trainingseinheiten der Saison. Diese ist längst entschieden, es geht vor allem darum, dass sich der Captain der ivoirischen U-20-Nationalmannschaft nicht mehr verletzt.Der Mittelfeldspieler Moussa Koné ist 17 Jahre alt. Er träumt von einer Karriere in Deutschland – wie Tausende in seinem Land.Die nächsten Wochen werden die wichtigsten seines Lebens. Im August wird Koné 18 Jahre alt und könnte dann laut Fifa-Regularien nach Europa wechseln. Bereits zwei Mal durfte er sich dort im Probetraining empfehlen. Eine Entscheidung gibt es noch nicht. «Natürlich bin ich ein wenig nervös», sagt er, «das ist ein sehr wichtiger Moment für mich und meine Familie.»Deren Hoffnungen begleiten ihn auf Schritt und Tritt. Ein älterer Bruder schaffte den Durchbruch nicht. Nun ruhen viele Erwartungen auf Koné, der zweimal täglich trainiert und in der Akademie des Vereins lebt. Deutschland, sagt er, wäre ein Traumziel – dort spielt bei Hoffenheim mit Bazoumana Touré einer der derzeit besten Spieler seines Landes. «Aber das wird schwierig», räumt er ein.Drei Jahre bleiben ihm für den Sprung, danach schliesst sich das Zeitfenster für einen Transfer langsam. Und damit für die grossen Träume. Denn die lokale Liga ist kaum mehr als ein Schaufenster talentierter Stars der Zukunft. Als der Meister Asec Mimosas sein letztes Ligaspiel bestreitet, stehen drei minderjährige Spieler in der Startelf, die so für künftige Transfers empfohlen werden sollen. Gekommen sind gerade einmal 500 Zuschauer.«Bei vielen Spielen sind leider noch weniger da», sagt der Athletiktrainer Coppolani auf der Tribüne des vor drei Jahren aufwendig renovierten Stadions, «die Liga ist einfach schlecht gemanagt.» Die meisten Spieler verdienen nur wenige hundert Euro monatlich.Es ist sein letztes Spiel in Diensten des Vereins, die Spieler haben sich mit Umarmungen verabschiedet, die Fans mit Sprechchören. Seine Entlassung aber bleibt bestehen. Er müsse das verstehen, haben ihm die Vereinsbosse erklärt, die Beziehungen zum Verband seien zu wichtig.Doch da hat Coppolani ohnehin schon längst einen neuen Job. Im Berufsverkehr von Abidjan hat er in seinem Auto ein paar Kontakte angerufen. Schon war er Athletiktrainer von Angolas Nationalmannschaft.Passend zum Artikel
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