Ein Oltner will das Kino in der Zürcher Europaallee retten – und hat einen Verdacht, warum das bis jetzt nicht klapptKonrad Schibli ist ein Kinoprofi, seine Häuser in Olten und Basel laufen gut. Aber er hat Mühe, das ehemalige Kino Frame zum Erfolg zu führen. Er vermutet unlautere Absprachen und hat sich deswegen an die Wettbewerbskommission gewandt.20.06.2026, 05.01 Uhr5 LeseminutenDie Säle des Kinokoni sehen derzeit noch genauso aus wie unter der alten Führung. Bald sollen zwei von ihnen so umgebaut werden, dass die Gäste am Platz bedient werden können.Ennio Leanza / KeystoneKonrad Schibli ist ein optimistischer Mensch. Trotz wiederkehrenden Untergangsszenarien glaubt er an die Zukunft des Kinos. Vielleicht kann einer wie Schibli nicht anders: Schon als Kind war er im Kino seiner Eltern tätig, riss die Billette ab und wies Plätze an. Heute führt er das Haus in Olten in dritter Generation, seit etwas mehr als einem Jahr gibt es ein Kinokoni, wie seine Kinos heissen, in Basel. Harzig sei das gewesen am Anfang, aber inzwischen laufe es gut. Und in Olten habe er vergangenes Jahr bei Besuchern und Umsatz ein Wachstum von 25 Prozent verzeichnet. «Die Pandemiedelle liegt definitiv hinter uns», sagt er.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fast drei Dutzend Leinwände in der direkten UmgebungIm vergangenen Sommer kam er nach Zürich und übernahm das ehemalige Kino Frame in der Europaallee. Die NZZ hatte im vergangenen Jahr ihre Beteiligung am Zurich Film Festival (ZFF) aufgegeben und damit auch den Betrieb des Kinos mit 6 Sälen und rund 800 Plätzen.Schibli sah darin die Chance, sein Konzept des Boutique-Kinos nach Zürich zu bringen. Dazu gehören nicht nur grosszügige Fauteuils mit Tischchen, sondern auch die Bedienung: Speisen, Drinks und Wein werden an den Platz serviert. Doch nach einem knappen Jahr sitzt er an einem Vormittag in dem leeren, etwas düsteren Foyer des Zürcher Kinokoni und sagt: «Ich bin wohl etwas naiv drangegangen.»Damit meint Schibli nicht, dass er zehn Monate nach der Übernahme immer noch auf die Bewilligung wartet, um zwei der sechs Säle sowie das Foyer im Untergeschoss und die Bar umzubauen. Rund 700 000 Franken will er dafür in die Hand nehmen. Auch die Konkurrenzsituation hat ihn nicht überrascht – sie sei ihm bewusst gewesen. Im Umkreis von zwei Kilometern gibt es 33 weitere Leinwände; zum Riffraff sind es keine 500 Meter. Er sagt: «Naiv bin ich in Bezug darauf gewesen, wie die Mechanismen des Filmverleihs in Zürich funktionieren.»Der 57-Jährige zieht eine Tabelle aus einem Sichtmäppchen. Sie enthält Namen von Filmen, die er gerne in seinen Sälen gezeigt hätte, aber nicht bekommen hat: 15 Titel in sechs Monaten, 5 davon hat er nach mehrmaligem Nachfragen erhalten. Die anderen 10 nicht, obwohl er mehrmals insistiert habe, sagt Schibli. Und das Problem hat sich in letzter Zeit akzentuiert.Kinobetreiber stellen ihr Programm in Kooperation mit Filmverleihern zusammen. Sie haben beide das Interesse, einen Film einem möglichst grossen Publikum zu zeigen. Die Anfragen können in beide Richtungen laufen.Schibli sagt, dass er in seiner langen Karriere kaum Absagen bekommen habe, wenn er einen bestimmten Film angefragt habe. In Zürich sei das anders: Hier bekomme er auf Anfragen für Greater-Arthouse-Produktionen negativen Bescheid. An seinen anderen Standorten erhalte er seine Wunschfilme, selbst in Basel, wo der Abstand zum nächsten Kino mit Arthouse-Schwerpunkt auch nur knapp 300 Meter betrage. Bei Blockbustern – etwa «Der Teufel trägt Prada 2» oder «Avatar» – gebe es ohnehin keine Probleme.Sein Verdacht: Die «Platzhirsche» im Zürcher Kinogeschäft, etwa die Neugass Kino AG mit ihren Kinos Riffraff und Houdini, übten Druck auf die Verleiher aus oder aber genössen dort eine Vorzugsbehandlung. «Dabei hätten sie das ja gar nicht nötig, sie sind so erfolgreich.»Schibli schätzt, dass ihm jährlich bis zu 500 000 Franken entgehen, weil er nicht die Filme seiner Wahl zeigen kann. Er formuliert diese Vermutung ohne Groll. Aber er hat inzwischen eine Anfrage bei der Wettbewerbskommission (Weko) in Bern gestellt: Er möchte wissen, ob beim Filmverleih auf dem Platz Zürich alles nach den Regeln des fairen Wettbewerbs laufe.Er wundert sich vor allem, weil mehrere der Filmverleiher, die seine Anfragen abgelehnt haben, Fördergelder vom Bund beziehen – und letztes Jahr ziemlich viel. «Der Zweck solcher Fördergelder ist unter anderem, dass möglichst viele Menschen den Film sehen können», sagt er. «Ich frage mich, wie das zusammenpasst.» Noch wartet er auf eine Antwort der Weko.Frank Braun lächelt, als er von Schiblis Verdacht hört. «Ich glaube, Herr Schibli sucht eine Erklärung dafür, warum es bei ihm nicht läuft», sagt der Co-Programmleiter der Neugass Kino AG. «Wenn wir uns um einen Film bewerben, begründen wir, warum wir ihn zeigen wollen – und wir fragen auch, wo er in Zürich sonst noch läuft.» Eine gewisse Exklusivität suche man schon, sagt Braun. Neben der Wirtschaftlichkeit gehe es auch darum, einem Kino Konturen zu geben. Und er zieht den Vergleich mit dem Detailhandel: «Nur weil zwei Supermärkte dasselbe Produkt im Regal haben, heisst das nicht, dass es sich bei beiden gut verkauft.»Sein Leben ist Kino, und er glaubt an dessen Zukunft: Konrad Schibli führt derzeit drei Häuser in Olten, Basel und Zürich.Bruno Kissling / CH MediaEin Angebot für Urban ProfessionalsMischa Schiwow von Frenetic Films bestätigt, dass sich Verleiher durchaus strategische Überlegungen darüber machten, wo sie ihre Filme zeigen wollten. Der Name seines Filmverleihs, der vor allem internationale Arthouse-Produktionen in die Schweiz bringt, taucht gleich vier Mal in Schiblis Liste auf. Es ist nicht so, dass Frenetic Films keine Filme im Kinokoni zeigt. Aber Schiwow sagt: «Filme im Riffraff und im Kinokoni zu zeigen, ergibt aufgrund der örtlichen Nähe keinen Sinn.»Die Orte kannibalisierten sich. Und wenn er sich zwischen zwei Kinos entscheiden müsse, so spiele das Profil auch eine Rolle. Schiwow findet, dass das Kinokoni zu unscharf positioniert sei, «irgendwo zwischen Popcorn-Kino und Arthouse». Dazu sei die Auslastung wirklich «dramatisch» unter dem Durchschnitt, das helfe auch nicht. Eine Zahl nennt Schiwow nicht. Laut Schibli lag die Auslastung des Kinokoni bisher bei etwa 8 Prozent, wobei 20 bis 30 Prozent über alle Vorstellungen als gut gelten.Frank Braun vom Riffraff sagt, dass er bereits beim Kosmos – dem ersten Betrieb im damals neuen SBB-Bau – skeptisch gewesen sei, ob das Kulturzentrum mit Kino Erfolg haben könne. Die Betreiber hätten damals gesagt, sie wollten niemandem etwas wegnehmen, man ziele auf ein neues Publikum. Aber der Ort habe sich als schwierig erwiesen, ziemlich versteckt in der Europaallee, dazu mit riesigen Kapazitäten. «Wenn ein waschechter Kinounternehmer wie Schibli Mühe bekundet, so liegt das vielleicht auch am Ort – und an der Tatsache, dass es in Zürich keinen Mangel an Kinos gibt», sagt Braun.Bis zum Filmfestival im neuen GewandSchibli ist in seiner optimistischen Art überzeugt davon, dass er mit seinem Konzept ein neues Publikum anziehen kann – eines, das den Neugass-Kinos nicht abhandenkommen wird. Er hat dafür eine Analyse des direkten Umfelds des Kinos gemacht. Urban Professionals steht da zum Beispiel, Genussmenschen und Food-Lovers oder Night-out-Publikum, für das Kino «Ausgang» sei und das bereit sei, für einen besonderen Abend etwas mehr zu bezahlen. Zudem hat er beobachtet, wie das Konzept im Ausland zum Teil zweistellige Wachstumsraten verzeichne. «Für den Erfolg des Konzepts müsste ich aber auch die Filme zeigen können, die mein Publikum sehen will», sagt er.Derzeit halten Events – sowohl von Firmen, die sich in den Räumen einmieten, als auch solche, die Schibli zu bestimmten Filmen organisiert – das Kinokoni in der Nähe der Wasseroberfläche. 2025 habe er mit einem Verlust abgeschlossen, sagt Schibli. Aber er sei zuversichtlich, dass im laufenden Jahr ein Gewinn herausschaue. Im Herbst, zum Zürcher Filmfestival, seien die neuen Säle bereit. Er sagt: «Der Markt ist wachsend. Dieses Kino hier hat seine Berechtigung.»Passend zum Artikel
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