Ist das Kino tot? 2026 ist das «Schicksalsjahr» für die Schweizer KinolandschaftAls die Schweizer Filmtheater letztes Jahr weniger als 10 Millionen Eintritte zählten, war die Bestürzung gross. Der Besuch sollte wieder ein Erlebnis werden. Ein Blick in zwei Kinowelten.Niels Bossert15.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenErst die Covid-Pandemie, dann der Streik in Hollywood – die Kinobranche musste in den letzten Jahren einige schwere Schläge hinnehmen.Alexandra Wey / Keystone«Dieses Jahr muss definitiv mehr drinliegen», sagt Alain Marti, Präsident des Schweizerischen Kino-Verbands (SKV). Am Telefon spricht er von einem «Schicksalsjahr» für seine Branche.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Marti muss es wissen. Seine Familie ist in Thun seit mehr als siebzig Jahren im Kinogeschäft. Totengräber gab es seither viele – vom Fernsehen über VHS-Kassetten, DVD und das Heimkino bis hin zu Streamingdiensten und der Corona-Pandemie. Doch das Kino hat überlebt.Die letzten Jahre haben jedoch Spuren hinterlassen. 2023 legten Streiks in Hollywood zahlreiche Produktionen auf Eis. Die Folgen spürte auch die Schweiz: 2025 sank die Zahl der verkauften Kinoeintritte unter die Marke von 10 Millionen.Da die Kassenschlager heuer zurück sind, ist erstmals seit der Pandemie wieder eine gewisse Normalität eingekehrt. Die Erwartungen steigen. Filme wie «The Devil Wears Prada 2» oder «The Super Mario Galaxy Movie» führten dazu, dass in den ersten vier Monaten rund 400 000 Eintritte mehr verkauft wurden als im Vorjahr. Eine Zunahme von knapp 16 Prozent. Das zeigen Zahlen des Branchenverbands Procinema.Wie geht die Schweizer Kinoszene also in das Schicksalsjahr 2026? Ein Besuch in zwei Kinowelten.Der Film beginnt im FoyerIm Zürcher Kino Abaton beginnt der Film schon im Foyer. Benedikt Locher, Leiter von Blue Cinema, nennt das «End-to-End-Experience». Im Gespräch wiederholt er den Begriff mehrfach. Wer die Besucher dazu bringt, früher zu kommen und vor dem Film ein Glas Rotwein oder etwas Ähnliches in der Café-Bar zu trinken, rundet das Kinoerlebnis ab.Locher sitzt dort in einem blauen Velourssessel. Goldene Akzente an jeder Ecke und der «Abaton»-Schriftzug im Art-déco-Stil erinnern an «The Great Gatsby». Der Barbereich wurde mit der Renovation des Abaton vor rund einem Jahr erneuert. Das Kino gehört wie zwölf weitere Häuser zur Swisscom-Tochter Blue Entertainment AG.Benedikt Locher übernahm per Februar 2025 die Leitung der Blue Cinemas.PDBeim Umbau rüstete das Abaton auch technologisch auf: In den Imax- und 4-DX-Sälen sollen die Zuschauer vor lauter Immersion fast in die gekrümmten Riesenleinwände hineinfallen. Dazu kommt der wuchtige Sound. Das Kino will sich so klar wie möglich vom Netflix-Abend zu Hause abheben, damit die Massen vom Sofa aufstehen. Dazu passt die «First Lounge» mit beheizten Liegesesseln und direktem Zugang zum Hinterzimmer mit inbegriffenem «All you can eat»-Buffet aus Popcorn und Nachos.Im Mai 2025 feierte das Abaton mit diesen Neuerungen Wiedereröffnung, als «Epizentrum für Entertainment». Es will Gesamterlebnisse schaffen. Bisher scheint das Konzept aufzugehen.«Im Gegensatz zum Gesamtmarkt, der im Vergleich zu 2024 geschrumpft ist, sind die Ticketverkäufe von Blue Cinema im letzten Jahr gewachsen», sagt Locher. Genaue Zahlen nennt er nicht. Den Erfolg führt er auf die neue Technologie und das Gesamtpaket zurück.Bald Eventtempel in der Schweiz?Kino sei das Kerngeschäft, sagt Locher. Kino liege in ihrer DNA. Doch die Zeiten seien vorbei, in denen Betreiber nur die Tür hätten öffnen müssen und sich die Säle von selbst gefüllt hätten. «Multitainment» heisst die Strategie von Blue Cinema. Wer keinen Film sehen will, findet vielleicht Gefallen an Bowling, Billard, Videospielen oder an der Sport-Bar, in der man das Fussballspiel auf grosser Leinwand verfolgt.Blue Cinema bündelt möglichst viele Konkurrenten im Kampf um die Freizeit des Publikums unter einem Dach. Vielleicht kommen die Besucher dann in der nächsten Woche für einen Film zurück. Auch diverse Eventreihen wie die «Ladies’ Night» sollen den Kinobesuch wieder zum festen Ritual machen.Der «Premium»-Bereich im Abaton richtet sich an jene, die sich den Kinobesuch richtig etwas kosten lassen wollen.PDDie Zukunft sieht Blue Cinema vor allem im Live-Entertainment. Im Abaton übertragene Konzerte von Taylor Swift, Billie Eilish oder K-Pop-Stars ziehen ganze Communitys an. Genau in dieser Gemeinschaft sieht die Kinokette weiterhin ihre Stärke.Hört man Locher zu, klingt die Vision in ihrer vollendeten Form wie eine Hightech-Eventhalle à la «Sphere» in Las Vegas: aussen bewegte Bilder, innen ein riesiger Screen, 160 000 Lautsprecher, vibrierende Sitze sowie Wind- und Geruchseffekte. Eine Mischung aus Konzert, Kino und Virtual Reality ohne Brille.Ist das Kino als Eventtempel also auch die Zukunft der Schweiz? Es geht, grob gesagt, schon in diese Richtung. Mit dem Begriff «Eventtempel» kann Locher sich jedoch nicht anfreunden. Es soll weiter «mänschele».Im Abaton wird das Popcorn allerdings aus dem Automaten serviert. Bezahlt wird an der Self-Scan-Kasse. Und statt eines «Viel Spass» beim Einlass geht es nach dem Ticket-Scan durch ein Drehkreuz wie in der U-Bahn. Die Gründe sind wirtschaftlicher Natur. Locher betont, dass neben den neuen Möglichkeiten zur Selbstbedienung der persönliche Kontakt aber weiterhin zentral bleibe. «Daran arbeiten wir kontinuierlich», sagt er.«Oase in der Wüste» – aber keine schwarzen Zahlen15 Minuten zu Fuss entfernt beginnt eine andere Kinowelt. Doch auch im altehrwürdigen Arthouse-Kino Riffraff ist die Wirtschaftlichkeit ein Thema.Als das Filmtheater 1998 an der Ecke Neugasse/Langstrasse wiedereröffnet worden sei, sei es «wie eine Oase in der Wüste» gewesen, sagt Frank Braun. Der Programmleiter der Neugass Kino AG, die in Zürich das Riffraff und das Houdini betreibt, kennt die Geschichte des Kinos auswendig und trägt sie vor dem Gespräch routiniert vor.Wie sieht es heute aus? Die Stammkundschaft halte dem Haus die Treue, das kuratierte Programm ziehe auch neue Besucher an. «Seit der Pandemie steigen unsere Ticketverkäufe jedes Jahr», sagt Braun. Natürlich gebe es aber auch Vorstellungen, in denen man fast allein sei.An den Tod des Kinos glaubt Frank Braun nicht: «Wenn es sterben würde, würde es wieder neu erfunden werden», sagt er.Karin Hofer / NZZDie Hollywood-Blockbuster hat man im Riffraff nicht vermisst, da das Independent-Arthouse-Milieu ohnehin andere Schwerpunkte setzt. Doch die Verluste aus den Pandemiejahren sind noch nicht aufgeholt. «Wenn wir unsere Qualität halten wollen, können wir nicht alles zu Tode effizientisieren», sagt Braun.Seit 2023 erhält die Neugass Kino AG Überbrückungsgelder von der öffentlichen Hand. Nun sollen Kulturangebote solcher Kinos auch dauerhaft gesichert werden. «Wir sind stolz, dass wir es bis dahin eigenwirtschaftlich stemmen konnten», sagt Braun. Doch der ökonomische Druck in der Branche und das kostenintensive Angebot, das man kulturell gewährleisten will, lassen sich schwer vereinen. «Es ist nicht so, dass wir schlecht wirtschaften», sagt Braun. «Im Gegenteil, die Kinos Riffraff und Houdini sind die am stärksten ausgelasteten Kinos der Stadt.» Schwarz sind die Zahlen trotzdem nicht.Nur Grauhaarige in den Arthouse-Kinos?Von einer «Eventisierung» des Kinobesuchs spricht im Riffraff niemand. Das Wort hat für Braun den Beigeschmack «eines von Sponsoren initiierten Verkaufsanlasses». Doch auch am Arthouse-Kino geht diese Entwicklung nicht vorbei.Ein Viertel der Eintritte stammt laut Braun inzwischen aus Vorstellungen, die nicht zum Alltagsangebot gehören. Mehrmals im Jahr ist das Riffraff zentraler Spielort für Filmfestivals. Auch als Strategie, um das Publikum zu erweitern. Solche Anlässe sind jedoch aufwendiger und kostspieliger zu organisieren und weniger profitabel. Bei den Festivals gingen 50 Prozent der Einnahmen an die Lizenzgeber der Filme, sagt Braun. Sonst sind es durchschnittlich 40 Prozent.Zu den Sondervorstellungen gehören auch Gespräche mit Filmschaffenden und Eventreihen. Eine davon ist «The Ones We Love» – wo das Publikum per Voting über den Film abstimmt, den es sehen will.«Man redet immer gerne vom ergrauten Arthouse-Publikum», sagt Braun. Es seien aber eher die Jüngeren ab 20, die ihren Lieblingsfilm endlich auch im Kino sehen wollten, nicht nur im Stream. «Variety» berichtete kürzlich von einer Studie in den USA, nach der die Gen Z im Kino sogar am stärksten vertreten ist.Im Houdini fassen die Säle nur rund fünfzig Plätze – bewusst: Laut Frank Braun lief «Hamnet» gerade deshalb schweizweit am erfolgreichsten.Christoph Ruckstuhl / NZZWährend Multiplex-Kinos auf Grösse und Pomp setzen, bleibt das Arthouse bewusst klein. 2018 reduzierte das Riffraff selbst seine Kapazität um hundert Sitzplätze. In einem kleineren Saal fällt eine schwache Auslastung weniger stark ins Gewicht. So kann man Filme länger im Programm halten. Im Houdini läuft der Kinderfilm «Die Schnecke und der Buckelwal» seit drei Jahren täglich.Am Ende betonen Braun im Riffraff und Locher im Abaton, dass sich Mainstream und Arthouse gegenseitig bereicherten. Ob Taylor-Swift-Konzert in Surround-Sound oder usbekischer Film im 40-Plätze-Saal: So verschieden die Kinowelten auch wirken, im «Schicksalsjahr» 2026 setzen sie auf dieselbe Stärke, die das Kino seit 130 Jahren ausmacht – Menschen zusammenzubringen.Alain Marti bringt es am Telefon auf den Punkt: «Man kann tiefgefrorene Lasagne von der Tankstelle allein zu Hause essen oder hausgemacht im italienischen Restaurant unter Freunden.» So sei es auch mit dem Film.Passend zum Artikel