Eduardo Biscayart, 56, ist ein grandioser Erzähler, viele Jahre als Fußballkommentator für große Sportsender, zuletzt in den USA, haben ihn gestählt. Er weiß, wie man Spannung erzeugt, wann man Pausen oder Pointen setzt, und vor allem weiß er, wenn sich vor seinen Augen etwas abspielt, was Nachrichtenwert hat. Und so wusste er, dass er eine Geschichte zu erzählen hatte, als er am Donnerstag, von Kollegen umringt, an einem Tisch des Jack Stack Barbecue in Kansas City saß.„Don Bisca“, wie er hier und da heißt, ist bei der Fußball-WM als Fotograf aktiv, und am Dienstag war er beim Spiel Argentiniens gegen Algerien im Stadion der Kansas City Chiefs im Einsatz – hinter dem dreimal von Lionel Messi perforierten Tor der Algerier also. Nach dem ersten der drei Tore von Messi hatte er sein Objektiv auf ihn gerichtet, er sah dessen Gesichtszüge durch die Zoomfunktion vergrößert. Er verfolgte ihn mit der Kamera, und was er sah, ergab erst seinen ganzen Sinn, als der 3:0-Sieg Argentiniens ein paar Tage zurücklag. Und so erzählte Bisca, wie ihn die Freunde wirklich nennen, mit dramatisch aufgerissenen Augen, die sich hinter der Brille in die Gegenüber bohrten, wie Messi auf eine TV-Kamera zulief, einen Kuss hineinwarf und klar und deutlich sagte: „Te amo, papá.“ Ich liebe Dich, Papa.Auch am Freitag wunderte sich Bisca noch, dass diese Szene so wenige Wellen schlug. Andererseits ist die Bild-Regie der Spiele in den Händen von US-Amerikanern; deshalb muss man nicht für gesetzt ansehen, dass sie etwas von Messi und/oder seiner Bedeutung für den Fußball wissen.Was sie erst recht nicht wissen konnten: dass Messi am Dienstag beim Gedanken an den geliebten Vater gelitten hatte. Das wiederum fingen die Kameras ein, die nach Primäremotionen lechzen: Nach dem Tor rollten Tränen Messis Wangen hinunter. Nach dem Spiel gestand er auch ein, von seinen Gefühlen wegen eines Themas übermannt worden zu sein, das nichts mit dem Sport zu tun habe, ohne allerdings zu sagen, worum es ging.Dieser Umstand allein war bemerkenswert genug. Nicht, dass man Messi nie hätte weinen sehen. Als er 2021 beim FC Barcelona gehen und sich Paris Saint-Germain anschließen musste, weinte er coram publico so ausgiebig, dass es für ein Dutzend Klageweiber gereicht hätte. Doch dass er private Sorgen verbal nach außen kehrt, das war neu. Und es wurde von dem einen oder anderen Journalisten in der argentinischen Heimat als carte blanche aufgefasst, all das in die Welt zu setzen, was man so an Gerüchten auf der Zunge liegen hatte.Schon seit Wochen geisterte die Version durchs Land, dass Jorge Messi, der Vater, schwer krank sei. Das zumindest ist mittlerweile offiziell bestätigt, durch Messi selbst, gezwungenermaßen. Denn als die Moderatoren der Klatschsendungen anfingen, sich live bei der Verbreitung von Kolportagen zu überbieten, und sich am Ende eine gewisse Florencia Peña bei Luzu TV dazu verstieg, Jorge Messi live für tot zu erklären, schritt die Familie ein. Mit einem Kommuniqué, das vor Empörung nur so troff. Und das vermeintliche Ableben dementierte.Familie Messi bestätigte allerdings, „dass Jorge sich derzeit in einer gesundheitlich schwierigen Situation befindet“. Eine genaue Diagnose wurde nicht mitgeteilt. Aber: Messi Sr. stehe „unter ärztlicher Beobachtung, erholt und entwickelt sich im Rahmen seines Gesundheitszustands positiv“. Als gesichert gilt, dass er sich in einer Klinik befindet. Ein weiterer Klatschjournalist namens Ángel de Brito berichtete unter Berufung auf eine Whatsapp-Unterhaltung mit Messis Mutter Celia, der ganze Wirbel sei Jorge Messi unangenehm gewesen. „Was ich da angerichtet habe …“, habe er gesagt. In Sorge um den Sohn und dessen Leistungsfähigkeit bei der WM?Argentiniens Präsident Milei nutzt die Gelegenheit zur Generalschelte für die MedienSie wäre unbegründet. Zu den Dingen, die Messi nach dem Spiel gegen Algerien auch äußerte, zählte eine Botschaft der Dankbarkeit an die Mannschaft und die Delegation: „Sie waren immer für mich da.“ Vielleicht sagte er das noch unter dem Eindruck der Umarmung von Trainer Lionel Scaloni: „Te quiero mucho“, ich liebe dich sehr, hatte dieser gesagt, echtes Lippenleser-Ehrenwort. Die Zuneigung war auch am Donnerstag spürbar, als Messi in Kansas zum Training ging.Wie fern da plötzlich die Tage wirken, da Messi es so satt hatte, dass er – auf den Tag genau vor zehn Jahren – sogar aus der Nationalelf zurücktrat. Jetzt aber ist er in seinem Biotop. „Vielleicht hat er Natürlichkeit gefunden, eine Gruppe Freunde, die maximal um sein Wohl besorgt sind und ihn mal ansehen, als wäre er Gott, und dann wieder, als wäre er ein Junge aus dem Viertel“, hatte Trainer Scaloni nach dem Algerien-Sieg sinniert. Daran, dass er weiterspielen wolle und werde, zweifelt niemand.Eher dürfte er der argentinischen Rocklegende Indio Solari, der vor wenigen Wochen starb, Genüge tun wollen. „Wie wär’s denn, wenn du noch eine WM gewinnst. Dafür bist du doch da, Alter, dafür bist du doch da“, hatte Indio Solari vor seinem Tod in einer öffentlich verbreiteten Sprachnachricht an Messi gesagt. Und wer weiß, worum ihn der Vater gebeten hat, der das 13-jährige Talent einst nach Barcelona begleitete, Bezugsperson und Manager wurde, mit ihm die Anklagebank in Barcelona teilte, als es um Steuervergehen ging.Was es nicht mehr geben wird: Störfeuer durch Florencia Peña bei Luzu TV. Sie bat tränenreich um Entschuldigung und erklärte, dass ihr über den Ohrstöpsel, der im Branchenjargon „la cucaracha“ genannt wird, die Kakerlake, vom Produktionsteam gesagt worden sei, sie solle erklären, Messis Vater sei gestorben. In den argentinischen Medien wurde sie gesteinigt, von ihrem Chef wurde sie öffentlich zum Rücktritt gedrängt, „alle Verantwortlichen des Produktionsteams“ wurden gefeuert.Auch Argentiniens Präsident Javier Milei schaltete sich ein. Er holte die verbale Kettensäge heraus und nutzte die Verbreitung der Fake News durch „ein bedeutungsloses Klatschmaul“ für einen grundsätzlichen Angriff auf „die Medien“ und „die Zeitungen“, die „nicht müde werden, alle Welt mit Dreck zu bewerfen, zu verleumden oder zu beleidigen“. Messi selbst dürfte bloß an den Vater denken. Und daran, am Montag in Dallas Österreich zu besiegen.
WM: Lionel Messi und die Geschichte seines angeblich toten Vaters
Lionel Messis Tränen nach seinen Toren im Auftaktspiel galten seinem kranken Vater. Aber als ein Sender nun dessen Tod vermeldet, dementiert die Familie. Die Empörung ist groß.













