Schon allein die Fassade des Hotels ist ein Statement. PD Wer im Hotel Ottilia absteigt, findet nicht Hygge, sondern Haltung; nicht skandinavische Gemütlichkeit, sondern industrielle Grandezza. Vorab aber findet man einen Ort jenseits des Kopenhagen-Klischees.Kopenhagen, das ist für die meisten von uns das Idyll des berühmten Hafenviertels Nyhavn, das ewige, fast schon anstrengende Diktat des Hygge-Kults und Fahrräder, die so nonchalant durch die Strassen gleiten, als hätten sie nie Gegenwind.Doch manchmal muss man die Postkarte umdrehen, um das wahre Bild zu sehen. Wer die dänische Metropole wirklich verstehen will, ihre raue, industrielle Seele und ihren unbedingten Willen zur ästhetischen Neubelebung, der verlässt das Postkartenzentrum und fährt in den Distrikt Carlsberg City. Genau dort, wo einst der Gerstensaft für das dänische Königreich (und die halbe Welt) gebraut wurde, steht heute das Hotel Ottilia. Ein Ort, der beweist, dass Denkmalschutz nicht museal verstauben muss, sondern verdammt sexy sein kann.Das Erbe der runden ScheibenDas «Ottilia» besetzt nicht einfach nur ein Gebäude, es bespielt ein Monument. Das Hotel erstreckt sich über zwei historische Brauereigebäude, darunter das berühmte Malzlager, das von der dänischen Architekturlegende Poulsen Klingenberg entworfen wurde. Das Markenzeichen des Hotels: die 64 goldenen Scheiben an der historischen Hausfassade. PD Schon die Fassade ist ein Statement: 64 goldene, kreisrunde Scheiben prangen an der gigantischen Backsteinwand. Früher tarnten sie die dahinter liegenden Silos, heute sind sie das Markenzeichen des Hotels und ein Fest für jeden Symmetrieliebhaber. Die Architekten von Arkitema Architects haben das Kunststück vollbracht, die industrielle Wucht des 19. Jahrhunderts nicht wegzuglätten, sondern sie ins 21. Jahrhundert zu übersetzen.Wo früher Malz gelagert wurde, schneiden sich heute präzise Glasfronten durch die rote Klinkerfassade. Hier und da liegt ein Gast auf dem Fenstersims, den die Architekten in niederländischer Tradition als Sitzmöglichkeit gestaltet haben. Das ist mehr als Upcycling: Es ist eine architektonische Aufwertung, die Tradition mit Coolness verbindet.Raue Schale, samtiger KernWer die Lobby betritt, begreift sofort: Hier feiert die Ästhetik den Kontrast. Nackter Beton, freigelegte Stahlträger und die fast sakral anmutenden alten Brauereihallen treffen auf ein Interieur, das der Versuchung widersteht, den Gast mit skandinavischer Gemütlichkeit einzulullen oder ihm den erwartbaren «Industrial Chic» zu servieren. Stattdessen setzt man auf eine fast schon cineastische Dramaturgie. Nackter Beton und freigelegte Stahlträger prägen die Lobby des «Ottilia». PD Die insgesamt 155 Zimmer sind eine Lektion in Raumausnutzung. Sie sind schmal und lang und reihen Garderobe, Badezimmer und Wohn-Schlaf-Bereich aneinander. Durch die verschiedenen Materialien und die Inszenierung der Höhe wird das Auge jedoch durch den Raum geführt, so dass man sich nie eingeengt fühlt.Besonders spektakulär sind die Zimmer in den ehemaligen Silos: Die runden Fensterformen ziehen sich bis ins Innere. In tiefen, mit Samt gepolsterten Nischen sitzt man direkt in der kreisrunden Fensterlaibung, blickt hinunter auf den lebendigen Quartierplatz und fühlt sich wie ein weltläufiger Kosmonaut in seiner Luxuskapsel. Die Farben? Tiefes Petrol, warmes Grau und mattes Messing. Leder und sanfte Textilien brechen die Härte des Betons. PD Roh, schlicht und stilvoll: die verschiedenen Hotelzimmer. Ort zum AufwachenWenn am späten Nachmittag die «wine hour» schlägt – die tägliche Verkostung eines Weins mit den Gästen –, füllt sich die Lobby mit einer Mischung aus internationalen Kreativen, dänischen Design-Enthusiasten und Wochenendausflüglern. Auch ausserhalb der Hotelmauern spürt man den Puls eines Viertels im Umbruch: In Carlsberg City vibriert das Leben zwischen alter Industriearchitektur und moderner Urbanität. Ein Burgerladen, so chic wie ein Sternerestaurant, lebt neben einer Kita, einem Bioladen und einer alten Beiz.Morgens lockt das biologische Frühstück auf der Dachterrasse des Restaurants Tramonto. Wenn dort oben der Wind vom Öresund herüberweht, man über die Dächer von Kopenhagen blickt und das historische Elephant Gate unter sich sieht, dann weiss man: Dieses Hotel ist kein Ort zum Schlafen. Es ist ein Ort zum Aufwachen. Über den Dächern von Kopenhagen: Auf der Dachterrasse wird im Sommer das Frühstück eingenommen. PD Der Besuch wurde vom Hotel unterstützt. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
Denkmalschutz kann auch sexy sein, wie das neue Hotel Ottilia in Kopenhagen beweist
Wer im Hotel Ottilia absteigt, findet nicht Hygge, sondern Haltung; nicht skandinavische Gemütlichkeit, sondern industrielle Grandezza.









