Affäre um Michel Friedman: Bayreuth wird erneut von seiner Nazi-Vergangenheit eingeholtDer Publizist wurde für einen Gedenkanlass an die Wagner-Festspiele eingeladen, ausgeladen, dann wieder eingeladen. Das Hin und Her zeigt: Die Festspiele müssen sich viel offensiver ihrer schwierigen Geschichte stellen.19.06.2026, 14.50 Uhr5 LeseminutenDas von Richard Wagner selbst entworfene Festspielhaus sorgt seit 1876 für künstlerische Sternstunden, aber auch für Aufregung in Bayreuth. Denn die Geschichte dieses Ortes hat viele problematische Seiten.ImagoDer Fall besass alle Zutaten für einen ausgewachsenen kulturpolitischen Skandal. Die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth wollten sich anlässlich ihrer Gründung vor 150 Jahren einmal mehr kritisch mit ihrer Geschichte während des «Dritten Reichs» und auch mit dem Antisemitismus ihres Gründers auseinandersetzen. Ein sinnvolles und leider auch immer noch nötiges Vorhaben, weil die Aufarbeitung der braunen Vergangenheit auf Bayreuths Grünem Hügel zu lange vernachlässigt worden ist. Strenggenommen hat sie hier, anders als in der längst uferlosen wissenschaftlichen Forschung zu Wagner, erst nach der Jahrtausendwende im angemessenen Rahmen begonnen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Jubiläumssommer 2026 sollte deshalb der Publizist Michel Friedman am Tag der Eröffnungspremiere bei einem Gedenkkonzert mit dem Titel «Verstummte Stimmen» als Redner auftreten und an die zahlreichen jüdischen Künstler und ehemaligen Mitwirkenden der Festspiele erinnern, die nach 1933 von den Nazis verfolgt, vertrieben oder ermordet worden sind. Ein erinnerungspolitischer Termin ersten Ranges also.Zweifel an der ErnsthaftigkeitDoch seltsamerweise – und hiermit begann eine Serie von kommunikativen Pannen seitens der Festspiele – wurde der Anlass weder öffentlich beworben, noch gelangten Karten dafür in den Verkauf. Dass die Veranstaltung überhaupt geplant war, wurde erst zu Wochenbeginn durch eine Recherche der «Süddeutschen Zeitung» bekannt. Gleichzeitig machte der Beitrag publik, dass der geplante Termin bereits wieder abgesagt worden war. Intern und später auch offiziell wurden dafür «Sicherheitsbedenken» angeführt.Das merkwürdige Hin und Her verärgerte Michel Friedman derart, dass er in Äusserungen gegenüber der «Süddeutschen» sowohl die Berechtigung der «Sicherheitsbedenken» infrage stellte wie bald auch die Seriosität, mit der die Festspiele ihre Erinnerungskultur betrieben. «Die Ernsthaftigkeit, sich mit dem Antisemiten Wagner auseinanderzusetzen, ist durch diese Absage ad absurdum geführt», sagte Friedman in der «SZ». Spätestens in diesem Moment hätte allen Beteiligten klar sein müssen, dass hier ein Aufreger- und Debattenthema gesetzt war, das man nicht einfach mit dem Verweis auf organisatorische Probleme oder Sicherheitsfragen wieder einfangen konnte.Friedman griff in seinen hoch emotionalen Statements denn auch genau diesen Punkt an und bezeichnete die Bedenken als «vorgeschoben». «Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen abzusagen, ist in einer Demokratie der Tod durch Selbstmord», so spitzte er den Sachverhalt sehr pointiert zu. Die Vehemenz seiner Äusserungen offenbart zugleich, dass Friedman offensichtlich nicht in die genauen Hintergründe eingeweiht war, die zur Absage der Gedenkveranstaltung führten. Kommunikationspanne Nummer zwei der Festspiele.Michel Friedman ist Publizist, Talkmaster, Jurist und Philosoph. Er war unter anderem stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland und Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses.Soeren Stache / DPADabei wirkten diese Sicherheitsbedenken bei näherer Betrachtung durchaus plausibel. Die Veranstaltung mit Friedman war nämlich am Vormittag desselben 26. Juli angesetzt, an dem am Nachmittag führende Vertreter des deutschen Staates, unter ihnen wohl auch wieder der Bundeskanzler, sowie weite Teile der Bayerischen Staatsregierung nach Bayreuth kommen werden, um der erstmaligen Aufführung von Wagners Frühwerk «Rienzi» beizuwohnen. Aus diesem Grund sind das Festspielhaus und das gesamte umgebende Areal des Grünen Hügels an solchen Tagen Hochsicherheitszone, Strassensperren, Taschen- und Personenkontrollen inklusive. Und das schon Stunden vor Beginn der Opernaufführung.Für Aussenstehende ohne Einsicht in das naturgemäss geheime Schutzkonzept der Festspiele erschloss sich indes nicht, warum sich eine Veranstaltung mit Friedman damit nicht hätte vereinen oder sogar ideal hätte verbinden lassen. Schliesslich hätte auch dieses Gedenkkonzert aufgrund von früheren Bedrohungen des Publizisten und ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland eines besonderen Schutzes bedurft. Weil die Festspiele hier nicht transparent kommunizierten (oder es wegen der nötigen Geheimhaltung nicht konnten), verstärkte sich am Ende doch der Eindruck, die Sicherheitsfragen seien tatsächlich vorgeschoben.Unbequeme WahrheitFriedman nutzte diesen fragwürdigen Zustand, in den sich die Festspiele sehenden Auges manövriert hatten, um nun erst recht den Finger in die offene Wunde zu legen. In eine Wunde, die viel grösser ist als dieser Streit um einen Termin: der Umstand nämlich, dass einer der bedeutendsten Komponisten überhaupt, ohne den die Musikgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts nicht zu denken ist, zugleich ein bekennender Judenhasser war, der mit seiner Hetzschrift «Das Judenthum in der Musik» von 1850 antisemitischen Verunglimpfungen zahlreiche Stichworte und Theorien lieferte.Ob man sich dieser unbequemen Wahrheit in Bayreuth etwa nicht stellen wolle? Spätestens als Michel Friedman diesen Verdacht mehr als deutlich anklingen liess, war die maximale Eskalationsstufe erreicht. Denn nichts führt in Deutschland so vorhersehbar zu Verwerfungen wie kritische Fragen rund um die Erinnerungskultur einer geschichtlich belasteten Institution, wie es die Bayreuther Festspiele durch ihre ideologische wie persönliche Nähe zu Hitler und zum Nationalsozialismus nun einmal sind. Und die Aufarbeitung ebendieser Vergangenheit durch die Festspiele selbst – am Ort des Geschehens wie in deren Programm – hat tatsächlich, trotz Fortschritten in den vergangenen Jahren, noch immer einen überschaubaren Umfang.Flucht nach vornKatharina Wagner, der Urenkelin des Komponisten, blieb von diesem Moment an nur die Flucht nach vorn. Am Donnerstagabend verkündete die Festspielleiterin, dass der Termin mit Friedman doch, wie ursprünglich geplant, am 26. Juli stattfinden soll. Von Sicherheitsbedenken war plötzlich keine Rede mehr – was darauf hindeutet, dass man nun doch ein gemeinsames Schutzkonzept für beide Veranstaltungen an dem Tag ersonnen hat. Auch darauf hätte man früher kommen können.Michel Friedman wiederum erklärte, er habe einen persönlichen Anruf von Katharina Wagner erhalten, in dessen Verlauf sie sich entschuldigt und die Ausladung aufgrund von Sicherheitsbedenken als «Fehleinschätzung» bezeichnet habe. Er habe Wagners Worte des Bedauerns als «ernsthaft und glaubwürdig» empfunden und nehme ihre Bitte um Entschuldigung gerne an, so erklärte er gegenüber der «Süddeutschen». Zudem bestätigte Friedman, dass ihm Katharina Wagner auch schriftlich mitgeteilt habe, wie wichtig es ihr sei, «der schrecklichen Dinge zu gedenken, mit denen die Festspielgeschichte fatal verknüpft ist».Wagner hat sich in ähnlicher Weise schon früher geäussert. Aber unter diesen Umständen und in dieser Deutlichkeit ist ihre Aussage ein wichtiges Bekenntnis zur schwierigen Geschichte der Festspiele und zugleich eine Selbstverpflichtung, diese im Rahmen des Festivals weiterhin und sogar verstärkt zum Thema zu machen.Bevor sich all die Aufregung in allgemeine Harmonie auflösen konnte, tat sich genau an diesem Punkt allerdings gleich schon wieder ein Problem auf, das in seiner bürokratischen Vertracktheit typisch ist für Bayreuth. Der geplante Titel der Friedman-Veranstaltung «Verstummte Stimmen» gleicht nämlich dem einer vielbeachteten Gedenkausstellung, die seit 2012 im städtischen Park unterhalb des Festspielhauses gezeigt wird. Sie erinnert mit biografischen Tafeln an jüdische Künstlerinnen und Künstler, die teilweise schon in der Zeit vor 1933 auf dem Grünen Hügel ausgegrenzt und von hier vergrault wurden.Die von dem Historiker Hannes Heer und dem kürzlich verstorbenen Stimmenexperten Jürgen Kesting konzipierte Schau, die während der Opernpausen regelmässig zahlreiche Besucher anzieht, ist allerdings keine Eigenleistung der Festspiele. Sie entstand schon 2006 aus privater Initiative und wurde zunächst in vielen deutschen Städten gezeigt, bevor die Tafeln mit Bayreuth-Bezug dauerhaft hier aufgestellt wurden. Die Festspiele müssen nun prüfen, ob durch die Übernahme des Titels allenfalls Urheberrechte verletzt sein könnten. Angesichts der Grösse und Bedeutung des Themas wirkt das banal. Aber auch mit solchen Hürden muss sich Erinnerungskultur hier herumschlagen.Passend zum Artikel