Es war eine brutale Nacht zum Freitag mit heftigen Angriffen im Süden Libanons, obwohl dort eigentlich ein Waffenstillstand gilt. Mehr als 80 Angriffe flog die israelische Luftwaffe im Süden und in der Bekaa-Ebene, in der Stadt Nabatäa wurden Wohnhäuser angegriffen, nach libanesischen Angaben starben 25 Menschen. Die Hisbollah griff vorrückende israelische Panzer mit Drohnen an, vier Soldaten wurden getötet, darunter ein Offizier. Mitglieder der israelischen Regierung forderten Rache und Vergeltung: „Für jede Träne einer israelischen Mutter müssen tausend libanesische Mütter weinen“, schrieb Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir auf X.Die schweren Kämpfe gefährden die gerade erst unterzeichnete Absichtserklärung zwischen den USA und Iran, die eine sofortige Waffenruhe in Libanon zur Bedingung für weitere Verhandlungen über ein Ende des Iran-Kriegs macht. Die iranische Delegation sagte die erste für Freitag geplante Verhandlungsrunde in Genf ab und will erst anreisen, wenn es Garantien dafür gebe, dass die Feindseligkeiten in Libanon im Einklang mit der bestehenden Vereinbarung beendet werden, hieß es aus Regierungskreisen in Teheran. Die Hisbollah bekräftigte ihre Bereitschaft zur Waffenruhe, sollten die israelischen Angriffe aufhören, Israel lässt bislang kein Einlenken erkennen. „Wir zerstören alle Häuser. Die Bewohner werden sie nie wieder vor ihren Augen stehen sehen“, sagte Verteidigungsminister Israel Katz über das Vorgehen im Süden Libanons.Ihr seid ein Land mit neun Millionen Einwohnern. Ihr könnt euch nicht einfach herausmorden aus jedem einzelnen Problem der nationalen Sicherheit, das ihr habt.Vizepräsident J. D. Vance an die Adresse von IsraelDurch die Weigerung Israels, die Kämpfe einzustellen, droht auch eine weitere Verschlechterung im Verhältnis zu den USA, selbst ein Bruch mit Präsident Donald Trump ist nicht mehr ausgeschlossen. Der hatte in den vergangenen Tagen Netanjahu zur Zurückhaltung aufgefordert. „Man muss nicht jedes Mal ein Wohnhaus abreißen, wenn man jemanden sucht“, sagte er mit Blick auf die brutalen Angriffe in Libanon, wo nach Angaben der Regierung fast 70 000 Häuser und Wohnungen beschädigt oder zerstört und etwa eine Million Menschen auf der Flucht sind.Dass US-Präsident Donald Trump mit ihm bricht, gilt nicht mehr als ausgeschlossen: Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Ronen Zvulun/Reuters/AP/dpaVizepräsident J. D. Vance war am Donnerstag noch weiter gegangen mit seiner Kritik und hatte Netanjahu und seine Regierung gewarnt: „Ihr seid ein Land mit neun Millionen Einwohnern. Ihr könnt euch nicht einfach herausmorden aus jedem einzelnen Problem der nationalen Sicherheit, das ihr habt.“Er drohte Israel auch indirekt damit, die bisherige Unterstützung seitens der USA zu überdenken, nachdem regierungsnahe Medien und Journalisten ihn persönlich beleidigt und Regierungsmitglieder den Iran-Deal kritisiert hatten. „Wenn ich dem Kabinett der israelischen Regierung angehören würde, würde ich vielleicht nicht den einzigen mächtigen Verbündeten angreifen, den ich noch habe.“ Und er fügte hinzu: Zwei Drittel der Waffen, die Israel geschützt hätten, „wurden von amerikanischen Händen hergestellt und mit amerikanischen Steuergeldern bezahlt“.MeinungUSA:Iran musste dieses Amerika gar nicht besiegen, damit es verliertAm Freitagmorgen entgegnete Israels Sicherheitsminister Ben-Gvir: „Bei allem Respekt gegenüber den Amerikanern muss Israel der ganzen Welt klarmachen, dass das Blut unserer Söhne und die Sicherheit unserer Bürger nicht zur Verhandlung stehen. Der gesamte Libanon soll in Flammen aufgehen.“ Der rechtsextreme Minister und viele andere in Israel wollen den Iran-Deal der USA so schnell wie möglich sabotieren und weitere Angriffe gegen Teheran beginnen. Eine Eskalation in Libanon ist dafür der einfachste Weg.Netanjahu wollte die Region dominieren. Nun ist er isolierter denn jeFür die Regierung in Teheran stellt sich nun die Frage, ob sie das Abkommen mit Trump für die Hisbollah in Libanon opfert. Und US-Präsident Trump wird sich entscheiden müssen, ob er Netanjahu dazu zwingen will, die Kämpfe in Libanon einzustellen. Und ob er das überhaupt kann.Netanjahu hatte den Israelis seit dem 7. Oktober 2023 immer wieder Sicherheit versprochen und den „totalen Sieg“ über alle Feinde, ja sogar die Neuordnung des Nahen Ostens durch den Sturz des Regimes in Iran. Nichts davon ist eingetreten, eher das Gegenteil. Iran sieht sich gestärkt und will mitentscheiden, wie lange der Konflikt in Libanon dauert. Das wollen eigentlich auch die USA verhindern, aber gleichzeitig auch das Abkommen nicht gefährden.Am kommenden Dienstag bietet sich zumindest eine kleine Chance für einen Kompromiss, dann treffen sich die Regierungen von Israel und Libanon zu direkten Verhandlungen in Washington: Libanons Präsident Joseph Aoun, der die Hisbollah entwaffnen will, schlägt einen schrittweisen Rückzug der Israelis aus dem Süden vor. Dort solle dann die libanesische Armee die Kontrolle übernehmen, unterstützt von einer internationalen Friedenstruppe. Was Israel bislang strikt ablehnt, es will weiter Krieg führen: gegen Libanon, gegen Gaza, gegen Syrien und auch gegen Iran. Netanjahu wollte der Hegemon der Region sein, nun droht ihm und Israel eher die völlige Isolation.