Als Spieler ist Zlatan Ibrahimović nicht mehr gefragt. Auch eine Trainerkarriere hat der exzentrische Schwede bislang nicht ins Auge gefasst. Stattdessen berät er die Klubführung des AC Mailand, und bei der WM hat er den Job übernommen, als Experte beim US-TV-Sender Fox knackige Anekdoten zu erzählen. Also berichtete Ibrahimović am vergangenen Wochenende von einer „dunklen Seite“ des für die brasilianische Nationalmannschaft zuständigen Trainers Carlo Ancelotti, der während der gemeinsamen Zeit bei Paris Saint-Germain nach einer Niederlage in der Kabine wütend gegen eine Kiste getreten habe, die Ibrahimović am Kopf traf.Dem Fußballer hat das damals gefallen. Womöglich breche dieser abgründige Teil von Ancelottis Charakter nun auch bei der WM hervor, mutmaßte Ibrahimović und verschwieg, was Ancelotti bereits vor Jahren erzählt hat: Dass die Box Ibrahimović am Kopf traf, sei ein Versehen gewesen, die Bitte um Entschuldigung folgte prompt.Das Gespür für die Spieler wird nicht reichenAber die Geschichte von der „dunklen Seite“ bildet einen Rahmen für die Stimmung rund um das Teamcamp der Brasilianer vor dem zweiten Turnierspiel gegen Haiti (Samstag, 2:30 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker bei ARD und Magenta). Die Lage ist angespannt, denn das 1:1 gegen Marokko zum Auftakt hat ein paar besorgniserregende Eindrücke hinterlassen. Besonders zu Beginn spielten die Afrikaner besser, was nach dem Sieg im Achtelfinale der WM 2022 über Spanien und Platz vier nicht überraschte. Aber es wird in uralten Mustern gedacht: Brasilien, der Gigant – Marokko, der Zwerg. Mit dieser überholten Sicht muss Ancelotti umgehen.Das sollte ihm liegen. Der 57 Jahre alte Italiener tritt als überaus freundlicher Mensch auf. Die Berliner „tageszeitung“ beschrieb ihn als „natürlichen Feind des Superlativs“, weil er ein Meister darin sei, die Daueraufregung des Fußballbetriebs auf eine Ebene herunterzuholen, auf der noch halbwegs vernünftige Betrachtungen und Einordnungen möglich sind. Ancelotti versucht das auch als Chefcoach der Brasilianer, wobei er der Hysterie mit der Gelassenheit eines Mannes begegnet, der fünfmal die Champions League sowie Meistertitel in England, Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland gewonnen hat.„Das war nur der Anfang. Wir arbeiten weiter, blicken nach vorn.“ Jedenfalls nicht zurück auf das enttäuschende Spiel gegen Marokko. Doch wie aufgeregte brasilianische Fans zu einer WM beruhigen, wenn wenig Argumente zur Zerstreuung der Zweifel zur Hand sind?Kann Ancelotti seine Stärke bei Brasilien zur Geltung bringen?Bisher war Ancelotti in 13 Partien für Brasiliens Auswahl verantwortlich. Sieben Siege gelten als ziemlich magere Ausbeute. Längst steht die Frage im Raum, ob dieser Trainer seine größte Stärke zur Geltung bringen kann. Als er im Vorfeld der WM in einem Gespräch mit der englischen Tageszeitung „Guardian“ gefragt wurde, warum erfahrene Weltklassefußballer wie Toni Kroos, Gareth Bale, Kaká oder Vinícius Júnior ihn als besten Trainer ihrer Laufbahn bezeichnen, erwiderte Ancelotti: „Vielleicht liegt es an meiner Einstellung, an der Art, wie ich mich den Spielern gegenüber verhalte, und an dem Respekt, den ich ihnen als Menschen entgegenbringe. Ich lege großen Wert darauf, diese persönlichen Beziehungen aufzubauen.“Diese Fähigkeit wird nicht reichen, das brasilianische Team zum Erfolg zu führen. Dazu gehörten Spielideen, strategische Impulse, vielleicht auch die Bereitschaft für eine Erkenntnis: Der Kader zählt nicht zu den stärksten der WM. Gegen Haiti sollte er Probleme überspielen können. Aber mit zunehmender Qualität der Gegner werden im Turnier Momente kommen, in denen der berühmte Coach sein Ensemble in die völlig ungewohnte Rolle des Außenseiters hineinführen muss.Nach den Jahren als Coach bei Real Madrid, einer phantastischen Mannschaft, die von außen als Spieler-, weniger als Trainermannschaft wahrgenommen wurde, bestehen Zweifel, ob Ancelotti das gelingt. Die Teams von Jürgen Klopp, Luis Enrique oder Pep Guardiola spielten nach einem klar erkennbaren, von ihren Trainern erdachten Konzept. Zu den prägenden Merkmalen von Real Madrid in den Ancelotti-Jahren, in denen er 2014, 2022 und 2024 die Champions League gewann, zählten eine enorme mentale Stärke und die Kraft besonderer Individualisten auf dem Platz.Startelf nicht optimalAber offen ausgesprochene Zweifel lösen bei Ancelotti kaum mehr als ein Schulterzucken aus. „Für mich spielt es keine Rolle, ob die Leute sagen, ich sei ein guter Taktiker oder nicht“, erklärt er: „Ich kann nur sagen, dass ich alle Aspekte des Spiels sehr gut kenne. Ich kann versichern, dass ich nicht nur aufgrund meiner Beziehungen zu den Spielern gewinne.“Zum Auftakt der WM ließ er Spielraum für den Beweis seiner Behauptung. In der Halbzeit gegen Marokko wechselte Ancelotti den schwachen Rechtsverteidiger Roger Ibanez aus, genau wie den körperlich überforderten Casemiro. Seine Startelf hinterließ den Eindruck, nicht ideal ausgewählt worden zu sein. Außerdem ließ sich deutlich spüren, wie sehr diese Mannschaft unter der Erkenntnis litt, nicht besser spielen zu können als Marokko. Darauf schien das Team nicht vorbereitet.Seelendoktor: Carlo Ancelotti (links) wird zugetraut, Vinícius Júnior auch im Nationalteam auf höchstes Niveau zu bringen.ReutersEs gibt aber noch einen anderen Blick auf Ancelottis Arbeit. Dem Italiener wurde zugetraut, den bei Real Madrid regelmäßig auf Weltklasseniveau spielenden Vinícius Júnior in der Nationalmannschaft zu einem ähnlich starken Spiel zu verhelfen. Das könnte gelingen. Der Angreifer schoss das Tor und war der beste Brasilianer. Zudem ist diese WM so lang gezogen, dass es zwischen den Vorrundenpartien viele Trainingstage gibt, in denen die Mannschaften ausgiebig Strategien entwickeln und an Feinheiten feilen können.Champions-League-Coaches sehnen sich meist nach so viel Zeit auf dem Trainingsplatz, in der Fortschritte erarbeitet werden können. Für Ancelotti bietet sich daher eine sehr gute Chance, all die Skeptiker zu widerlegen, die sagen, die Kunst dieses Trainers bestehe vor allen Dingen darin, die Seelen der Spieler zu verstehen. Für den Erfolg, den Brasilianer erwarten, müsste Ancelotti sein Team mit einer fußballerischen Identität ausstatten, die zur wahren Stärke dieses Kaders passt und nicht nur auf der großen Geschichte dieser Fußball-Nation bei Weltmeisterschaften beruht.
Fußball-WM 2026: Carlo Ancelotti mit Brasilien vor Herausforderung
Nicht der beste Kader, aber die höchsten Erwartungen: Brasiliens berühmter Chefcoach Carlo Ancelotti muss nach der ersten Enttäuschung mehr leisten als ein Seelendoktor.











