Der Extremsportler Arda Saatçi kämpft sich durch die extreme Hitze des Death Valley – eines der heißesten Orte der Welt. 40 Grad Celsius sind um diese Jahreszeit die Regel. Die Luft ist trocken und staubig. Schatten sucht man vergebens. Sich hier über einen längeren Zeitraum aufzuhalten, ist bereits eine enorme Belastung für den Körper. Doch Saatçi ist das nicht genug. Er läuft – Hunderte Kilometer durch das berüchtigte Tal im Norden Amerikas. Sein Team versucht, den durchtrainierten Körper möglichst kühl zu halten.Auch wenn Saatçis riskante Tour, die von Red Bull gesponsert und medienwirksam in Szene gesetzt wurde, nur wenig mit der Lebensrealität der meisten Menschen gemein hat, wirft sie für Hobbyathleten wie Leistungssportler zunehmend wichtige Fragen auf. Denn der Klimawandel treibt auch in Deutschland die Temperaturen in die Höhe. Extreme Hitze tritt immer häufiger auf. Ist Sport unter diesen Bedingungen noch möglich? Und wenn ja, wie?Kollaps bei den French OpenLaut einer amerikanischen Studie hat sich als Folge des Klimawandels auch in Deutschland die Zahl der Hitzetage fast verdoppelt. Zwischen 2024 und 2025 gab es rund 50, an denen die Höchsttemperatur 90 Prozent der durchschnittlich lokal gemessenen Temperaturen zwischen 1991 und 2020 überstieg. „Hitze entwickelt sich zunehmend zu einem leistungs- und gesundheitsbestimmenden Faktor im Spitzensport“, sagt Hans-Georg Predel, Sportmediziner und Hochschullehrer an der Deutschen Sporthochschule Köln, und verweist dabei auf die vergangenen French Open.Zu heiß: Bei den French Open kollabiert Tennisprofi Jakub Mensik unter sengender Sonne.Picture AllianceDie Bilder des tschechischen Tennisprofis Jakub Mensik gingen um die Welt. Nach seinem Sieg über den Argentinier Mariano Navone sank er völlig entkräftet zu Boden und musste von seinem Team mit Eis gekühlt werden. „Lange Zeit standen vor allem muskuläre und kardiovaskuläre Belastungen im Fokus. Heute müssen wir zusätzlich die Auswirkungen des Klimas auf die Leistungsfähigkeit berücksichtigen“, sagt Predel.Zwar verfügt der menschliche Organismus über hochwirksame Mechanismen zur Thermoregulation, insbesondere durch die Verdunstung von Schweiß. Diese stießen laut Predel jedoch bei sehr hohen Temperaturen und besonders bei hoher Luftfeuchtigkeit an ihre Grenzen. „Die Folge sind steigende Körperkerntemperaturen, eine zunehmende Herz-Kreislauf-Belastung und eine messbare Einschränkung von Ausdauer, Konzentration und Reaktionsfähigkeit.“Frauen spüren Hitze mehr als MännerHitze beeinflusse aber nicht nur die Leistungsfähigkeit (der Profis und Amateure / d. Red.), sondern erhöhe das Risiko für medizinische Komplikationen: „Das Spektrum reicht von Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten über Muskelkrämpfe und Hitzeerschöpfung bis hin zum seltenen, aber potentiell lebensbedrohlichen Hitzschlag.“ Dabei tendieren Frauen dazu, die Auswirkungen von Hitze mehr zu spüren als Männer, aufgrund des geringeren Schwitzens und eines höheren Körperfettanteils. Wie können sich Sportler schützen?Mit einer klugen Wahl: Training am Morgen oder am Abend, wenn es noch frisch ist oder die Hitze nachlässt. Dem Amateurfußball empfiehlt die Kommission Sportmedizin des Deutschen Fußballbundes eine Spielverlegung in die Abendstunden oder auf einen anderen Termin, sobald mehr als 35 Grad Celsius erreicht werden. Das gilt schon bei 32 Grad Celsius, insofern die Luftfeuchtigkeit bei 80 Prozent liegt. Von 40 Grad Celsius an sollte zwingend weder Spiel noch Training stattfinden.217 Kilometer durch einen der heißesten Orte der Welt: Jens Vieler dämpft die Erwartungen an den Nutzen von Hitzeakklimatisation.Picture AllianceDer Deutsche Tennis Bund (DTB) gibt auf Anfrage der F.A.Z. an, dass bei Wettbewerben auf DTB-Ebene, „insbesondere Turnieren sowie den Bundes- und Regionalligen“, die Oberschiedsrichter Partien aufgrund von Witterungsbedingungen unterbrechen können; „dies umfasst neben Regen grundsätzlich auch außergewöhnlich hohe Temperaturen“. Was aber, wenn sich Training oder Wettkampf unter sengender Sonne nicht verschieben lassen?Den Körper an die Extreme gewöhnenPredel rät zu einer gezielten Hitzeakklimatisation schon während der Trainingsphase. So schwören einige Ausdauerläufer darauf, sich mithilfe von Saunagängen oder dem Training in Saunaanzügen, die die Körperwärme mithilfe einer Beschichtung reflektieren, auf besonders hitzige Situationen vorzubereiten.Auf seinem Instagramkanal zeigte der britische Triathlet Kieran Lindars, wie er vor dem Ironman Hawaii seinen Heimtrainer in ein eigens dafür aufgebautes Gewächshaus stellte, das mithilfe der Körperwärme des Sportlers und einer Standheizung ein feuchtheißes Klima erzeugte – ähnlich dem auf der Pazifikinsel. Der deutsche Ultramarathonläufer Jens Vieler dämpft jedoch die Erwartung, die mancher an diese unkonventionelle Form des Trainings knüpft.Der Neunundfünfzigjährige hat einige der berüchtigtsten Extremläufe der Welt absolviert – unter anderem den Badwater, einen 217 Kilometer langen Ultramarathon, der jedes Jahr im Juli durch das Death Valley führt. „Diese Hitzeakklimatisation mag Sportlern vielleicht einen Eindruck vermitteln, wie das unter extremer Hitze ist. Der Körper erfährt dann, wie es ist, mit krasser Hitze umzugehen, doch der Effekt für eine dauerhafte Anpassung dafür ist meiner Meinung nach eher gering“, sagt Vieler: „Aus einer Sauna oder einem Zelt kann man ja jederzeit aussteigen, man verbringt auch nicht den ganzen Tag drin. Am Ort des Wettkampfs ist es aber permanent heiß – tagsüber auch schon mal mehr als 50 Grad Celsius. Man weiß erst, wie es ist, wenn man es am eigenen Körper erlebt hat.“Nur Wasser zu trinken, kann tödlich seinEin wichtiger Schlüssel, unter extremen Bedingungen körperliche Höchstleistung bringen zu können, ist für Spitzensportler derselbe wie auch für ambitionierte Hobbyathleten: Sie müssen viel und häufig trinken und sich kühlen. „Ein häufiger Irrtum besteht darin, erst bei Durst zu trinken“, sagt Predel warnend: „Durst ist bereits ein relativ spätes Warnsignal.“ Ein Flüssigkeitsverlust von etwa zwei Prozent des Körpergewichts könne die körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit messbar beeinträchtigen.Zu den Folgen von Dehydrierung gehören unter anderem Kopfschmerzen, Krämpfe und Magenprobleme bis hin zu lebensbedrohlichem Nierenversagen und Kreislaufschock.Wasser allein reicht nicht: Es müssen nicht immer teure Ergänzungsmittel sein, bei manchen Rennen wird den Athleten auch mal Brühe angeboten.APIn diesem Zusammenhang hat auch der Weltfußballverband FIFA für die derzeit in den USA, Mexiko und Kanada stattfindende WM mit einer Regeländerung reagiert und feste Trinkpausen eingeführt. Begründet wird das mit den vor Ort herrschenden Temperaturen und der Luftfeuchtigkeit. Wer allerdings bei besonders hohem Flüssigkeitsverlust ausschließlich auf Wasser setzt, gefährdet potentiell ebenso seine Gesundheit. So starb 2015 beim Ironman Frankfurt ein australischer Triathlet an den Folgen einer Vergiftung durch Wasser (Hyponatriämie).Der Dreißgjährige hatte während des Rennens, das bei 40 Grad Celsius stattfand, Berichten zufolge viel Wasser getrunken, jedoch nicht auf einen Ausgleich der durch den Schweiß verlorenen Mineralstoffe wie Kalzium und Magnesium geachtet. Dadurch verdünnte sich das Blut des Athleten stark – mit fatalen Konsequenzen: „Die Ursache für den Tod war zu 99 Prozent ein Hirnödem“, erklärte damals Leo Latasch, Ärztlicher Rettungsdienstleiter beim Frankfurter Gesundheitsamt.Auch Kleidung kann kühlenUm das zu verhindern, empfiehlt sich der Einsatz isotonischer Getränke oder aber spezieller Salztabletten, Getränkepulver oder Brausetabletten mit Elektrolyten. Eine Packung mit 100 Salztabletten gibt es für etwa 30 Euro im Handel. Eine Tube mit zehn Elektrolyttabletten, die man jeweils in etwa 500 Milliliter Wasser auflöst, kostet etwa zwei bis fünf Euro. In einigen Produkten sind zusätzlich noch Kohlenhydrate enthalten, die der unter Hitze geforderte Körper ebenso für eine optimale Thermoregulierung benötigt.Die energiereichen Spezialgetränke schonen den Magen mehr als unter Anstrengung verzehrte feste Nahrung. Das sei ein wichtiger Faktor, gibt Vieler zu bedenken, denn gerade der Darm reagiere häufig besonders empfindlich auf Hitze. Einige Rennveranstalter bieten zur Rehydrierung neben klassischen Getränken wie Saftschorlen auch salzige Gemüsebrühen an. Vor einem Wettkampf empfiehlt sich ein Test, welche Methode der Hydrierung dem Magen und Muskeln am besten zusagt.Wer Sport bei hohen Temperaturen treibt, sollte auch auf die richtige Kleidung achten. „Die beste Kleidung für Hitze ist leicht, atmungsaktiv und hell“, sagt Predel: „Sie sollte die Verdunstung von Schweiß ermöglichen und gleichzeitig die direkte Sonneneinstrahlung reduzieren.“ Vieler setzte beim Rennen in Badwater auf ein langärmliges Oberteil, das er regelmäßig mit Wasser übergoss, da bei dieser Form von extremer trockener Hitze ohne Schatten oder Wind sein Schweiß kaum noch für ausreichende Kühlung sorgte.„Eine günstige Alternative für Nacken und Kopf sind auch diese Spucktücher, die es für Babys zu kaufen gibt. Die sind ja dafür gedacht, möglichst viel Wasser zu speichern“, sagt Vieler. Mit befeuchteten Schlauchtüchern (zehn bis 20 Euro) lässt sich ein ähnlicher Kühleffekt erzeugen, für Hals oder Kopf. Eine Kopfbedeckung dient zudem als ein essenzieller Schutz vor einem Sonnenstich.Erderwärmung spielt eine immer größere RolleDeutlich teuer sind Kühlwesten, die es im Handel für teilweise mehrere Hundert Euro gibt. Auf solche setzten auch die deutschen Ruderer während der extrem warmen Wettkampftage bei den Olympischen Sommerspielen in Paris. In einigen Westen stecken Kühlakkus, die durch Lagerung im Kühlschrank Kälte aufnehmen und später an den Träger abgeben. Bei einer anderen Methode wird die Weste vor der Anwendung in Wasser getränkt und speichert es. Beim Tragen löst der Verdunstungseffekt die Kühlung aus.Auf dasselbe Prinzip setzen Triathleten und Langstreckenläufer mit Spezialkappen und Stirnbändern an heißen Renntagen. In diese sind Steinchen eingebaut, die Wasser speichern und ebenso über die Verdunstung den Kopf der Sportler kühlen. Das hat seinen Preis: 240 Euro. Predel sieht einen Wandel im Bewusstsein von Sportlerinnen und Sportlern quer durch alle Sportarten: „Die Diskussionen bei den French Open und der Fußball-WM zeigen, dass die Anpassung des Sports an zunehmende klimatische Herausforderungen künftig nicht mehr nur eine Frage des Wohlbefindens, sondern des elementaren Gesundheitsschutzes sein wird.“ Zenloop Survey
Sport bei Hitze: Achtung vor Vergiftung durch Wasser
Extreme Hitze setzt Profi- und Hobbysportlern zu. Wann Training und Wettkampf ungefährlich sind und wie man auch bei hohen Temperaturen Sport treiben kann.














