PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungBöhmermann und das „COSMO“-AusWas die Wut des Establishment-Hofnarren über den Zustand des ÖRR verrätStand: 08:18 UhrLesedauer: 4 Minuten"Das Allerletzte, das Allerdümmste“, schimpft BöhmermannQuelle: ZDF/Jens KochDer ÖRR hat die richtige Entscheidung getroffen, einen Nischensender sterben zu lassen. Dagegen formiert sich jetzt massiver Widerstand. Besonders Jan Böhmermann zeigt, wie fern der Realität Teile des Rundfunks mittlerweile stehen.Ja, schon klar, dass es keinen allzu großen Nachrichtenwert mehr besitzt, wenn sich Jan Böhmermann über Dinge echauffiert, die nicht in seine eher überschaubare Jan-Böhmermann-Vorstellungswelt passen. Aber dieser Vorgang ist dann doch schon bemerkenswert. „Die Öffentlich-Rechtlichen scheißen sich ein“, wütet der Hofnarr des Establishments, die Pläne, die da gemacht werden, seien „das Allerletzte, das Allerdümmste“. Was war passiert? Der WDR hatte angekündigt, seinen interkulturellen Radiosender „COSMO“ im Rahmen einer Rundfunkreform einzustellen und Teile seines Programms in dem noch zu schaffenden Sender „1LiveStreet“ aufgehen zu lassen. Seitdem ist ein erbitterter Streit darüber ausgebrochen, dass man den Sender unter allen Umständen retten sollte. Namhafte Kulturbetriebsangehörige sprechen sich dafür aus, eine Petition hat bereits über 100.000 Unterschriften gesammelt.Lesen Sie auch„COSMO“ entstand Ende der 1990er-Jahre aus einer damals klugen Idee. Der Sender sollte Menschen erreichen, die sich in den klassischen Radioprogrammen nicht wiederfanden. Internationale Musik, mehrsprachige Inhalte und Themen aus migrantischen Communitys bekamen hier ihren Platz. „COSMO“ war deshalb mehr als nur ein Radiosender, er war ein Symbol für das neue, vielfältige Deutschland.Nur: Wir leben nicht mehr in den 1990er-Jahren. Die Vielfalt, die „COSMO“ damals herstellen sollte, ist heute längst Alltag. Wer internationale Musik hören will, findet sie bei Spotify, wer türkische, arabische oder afrikanische Medien konsumieren möchte, hat Tausende Angebote auf seinem Smartphone. Die Vorstellung, kulturelle Vielfalt müsse über einen eigenen Radiosender organisiert werden, stammt aus einer völlig anderen Medienwelt. Trotzdem will man den Sender retten.Die Trennlinien im ÖRR-Kosmos„In einer Zeit, in der die Demokratie gefährdet ist, weil rechtsextreme Positionen, Menschenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus auf breite Zustimmung stoßen, könnte „COSMO“ verstummen. Das deutschlandweit einzigartige Radioprogramm für eine hörbar vielfältige Gesellschaft steht möglicherweise vor dem Aus“, heißt es von den Unterzeichnern der Petition alarmiert. Der Konflikt verrät viel über die Trennlinien, die auch innerhalb des ÖRR verlaufen, über einen Grundkonflikt, der seit Jahren unter der Oberfläche schwelt.Lesen Sie auchDie eine Seite sieht den ÖRR als gesellschaftliches Labor. Als einen Ort, an dem auch kleine Communitys, Minderheiten und kulturelle Nischen eine Stimme bekommen. Reichweite ist aus dieser Perspektive nicht das entscheidende Kriterium. Entscheidend ist, dass Themen stattfinden, die im kommerziellen Medienmarkt kaum Platz finden würden.Lesen Sie auchUnd ja, das entspricht tatsächlich auch dem Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der sich ja eben dadurch auszeichnet, dass er sich nicht an Quoten klammert, sondern ein Programm abdeckt, das keine kommerzielle Breitenwirkung entfaltet. Würde man streng nach Quote gehen, wäre Arte längst RTL2, aber dass es gut ist, dass ein Sender wie Arte eben nicht RTL2 ist, dürfte selbst der größte ÖRR-Skeptiker wohl einsehen.Die andere Seite hält aber eine Entwicklung für das Problem, die zu radikal in die Nische geht. Sie argumentiert, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen Auftrag nicht erfüllt, wenn er immer stärker in einzelne Milieus zerfällt, denn seine Aufgabe sei nicht die Versorgung möglichst vieler Zielgruppen mit möglichst spezialisierten Angeboten, sondern die Schaffung einer gemeinsamen Öffentlichkeit. Nicht das Trennende, sondern das Verbindende müsse im Mittelpunkt stehen.Fernab der Realität Der Streit um „COSMO“ ist deshalb auch ein Streit über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks selbst. Soll er immer kleinteiliger werden und immer spezifischere Zielgruppen ansprechen? Oder sollte er sich wieder stärker auf Programme konzentrieren, die möglichst viele Menschen gemeinsam erreichen? Die Antwort sollte eigentlich klar sein, besonders in einer Zeit, in der ARD und ZDF seit Jahren spürbar an gesellschaftlicher Akzeptanz verlieren. Millionen Menschen empfinden die Sender längst nicht mehr als Institutionen, die für alle da sind. Ob diese Kritik immer gerechtfertigt und fair ist, spielt dabei fast schon keine Rolle. Entscheidend ist, dass sie existiert.Gerade deshalb wäre es fatal, auf diese Entwicklung mit immer neuen Nischenangeboten zu reagieren. In einer Zeit, in der sich die Gesellschaft politisch, kulturell und medial immer stärker auseinanderentwickelt, wird der Auftrag, sie wieder zusammenzuführen, umso wichtiger. Die Forderungen von Böhmermann, einen Sender, der gerade einmal noch 0,3 Prozent der Menschen in Deutschland erreicht und längst nicht mehr die migrantischen Lebensrealitäten abbildet, sondern vor allem die Perspektive einer urbanen Kulturblase, mit aufwendigen finanziellen Mitteln aufrechtzuerhalten, zeigen, wie vollkommen fernab der Realität Teile dieses Rundfunks stehen.Was sich im Übrigen auch daran zeigt, dass diese Menschen kritisieren, dass der neue Sender „1Live Street“ einen „rassistischen“ Namen habe, da kulturelle Vielfalt unter dem Label „Street“, also „Straße“, auf urbane Klischees verkürzt werde. Gedankengänge aus einer Parallelrealität, deren Kulturbegriff nur jenseits unseres rationalen Vorstellungshorizontes liegen kann. Nein, die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks besteht nicht darin, die Fragmentierung der Gesellschaft abzubilden, sondern ihr etwas entgegenzusetzen. Vielleicht muss „COSMO“ sterben, damit der ÖRR in seiner Akzeptanz endlich wieder leben kann. Aber wahrscheinlich werden dafür zunächst noch einige Opfer mehr zu bringen sein.Dennis Sand schreibt über Popkultur und Zeitgeist. Seine Bücher mit Bushido, Jan Ullrich und dem YouTuber Montanablack hielten sich monatelang auf Spitzenpositionen in den Bestsellerlisten.
Böhmermann und „COSMO“-Aus: Was die Wut des Establishment-Hofnarren über den Zustand des ÖRR verrät - WELT
Der ÖRR hat die richtige Entscheidung getroffen, einen Nischensender sterben zu lassen. Dagegen formiert sich jetzt massiver Widerstand. Besonders Jan Böhmermann zeigt, wie fern der Realität Teile des Rundfunks mittlerweile stehen.









