Die spanische Rüstungsindustrie reagiert kämpferisch auf das Scheitern des europäischen Kampfflugzeugprojekts FCAS. Während des langwierigen Streits zwischen Frankreich und Deutschland war fast in Vergessenheit geraten, dass Spanien der dritte Partner war, der ebenfalls bereits mehrere Hundert Millionen Euro investiert hatte.Nach dem Fehlschlag haben sich die bisherigen spanischen FCAS-Partner selbstbewusst ins Spiel gebracht und prüfen neue Optionen: Sechs Rüstungsunternehmen bieten sich Deutschland für eine Zusammenarbeit an, in die ihre Vorarbeiten einfließen sollen. Schneller als die Regierungen reorganisieren sich die Produzenten und loten bereits erste Allianzen aus.Man stelle „Spanien und potentiellen Partnern ihre Kompetenzen und Ressourcen für die Entwicklung eines Kampfsystems der neuen Generation zur Verfügung“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der sechs spanischen Unternehmen, zu denen Indra und Airbus gehören. Sie wurde am selben Tag veröffentlicht wie ein ähnliches Strategiepapier von acht deutschen Rüstungskonzernen, die auf die spanische Initiative reagierten.Spanier und Deutsche mahnen, keine Zeit mehr zu verlieren„Eng verzahnt mit den deutschen Partnern formiert sich auch die spanische Industrie“, konstatierte lobend das neue „Team Gen 6“, an dem die Rüstungssparte von Airbus und MTU beteiligt ist, während der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin: Deutschland müsse Verantwortung übernehmen und Handlungsfähigkeit zeigen, mahnten die acht Firmen, die sich bereit erklären, ein neues Kampfflugzeug mitzuentwickeln. Fast wortgleich mahnen Deutsche und Spanier in ihren Erklärungen, dass jetzt keine Zeit mehr verloren werden dürfe.Das sieht die spanische Regierung ähnlich. Spanien werde alles in seiner Macht Stehende tun, um einen Weg für den Bau des europäischen Kampfflugzeugs der sechsten Generation zu finden, sagte Verteidigungsministerin Margarita Robles und betonte, dass es „viele Alternativen“ gebe. Spanien will nicht wieder am Rand stehen und abwarten, wie es bei FCAS der Fall war.Der Druck ist gewachsen: Die Linksregierung, die gegenüber dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump auf Konfrontationskurs ist, will sich nicht nur aus der militärischen Abhängigkeit der USA lösen: Anders als etwa Deutschland verzichtet Spanien vollständig auf den amerikanischen Tarnkappenbomber F-35. Aber das Militär benötigt dringend Ersatz für seine schnell alternden Kampfflugzeuge vom Typ F-18 und Harrier der Marine. Letztere Senkrechtstarter sollen laut Presseberichten jetzt bis 2032 weiterfliegen, damit der Flugzeugträger Juan Carlos I. einsatzfähig bleiben kann.„Deutschland ist ein natürlicher Kandidat“Die Streitkräfte brauchten schon kurzfristig Flugzeuge der sechsten Generation, sagt Félix Arteaga, Verteidigungsexperte beim spanischen Thinktank Real Instituto Elcano, der F.A.Z.: „Wir haben viele Jahre verloren und müssen trotz aller Vorarbeiten erneut fast bei null anfangen – und das in Eile, das ist nicht gut.“„Die spanische Regierung muss zuerst einen Partner suchen, sei es Deutschland, das ein natürlicher Kandidat ist. Der Hersteller Saab aus Schweden kommt ebenfalls infrage“, sagt Arteaga. Saab entwickelt das Kampfflugzeug Gripen E weiter, das bereits die Ukraine und Brasilien bestellt haben. Saab bot bereits Deutschland an, an dieser „nordischen Lösung“ mitzuwirken. Ein möglicher Einstieg Spaniens in das „Global Combat Air Programme“ (GCAP) von Großbritannien, Italien und Japan hält der Verteidigungsexperte Arteaga für komplizierter und weniger wahrscheinlich. Zudem weckte die britische Regierung zuletzt Zweifel an der Finanzierung des Vorhabens.Aus Madrid schaut man sich auch deshalb außerhalb der EU um – und kauft bereits in der Türkei. „Spanien arbeitet sehr gut mit der Türkei zusammen. Die neuen Trainingsflugzeuge der spanischen Luftwaffe werden türkisch sein“, sagt Félix Arteaga. Entscheidend für den Ausbau dieser Kooperation mit TAI (Turkish Aerospace Industries) sei, dass bei der Umrüstung der Anteil des Partners Airbus wachse. 60 Prozent sind laut Presseberichten bei dem Vertrag im Wert von mehr als 2,6 Milliarden Euro angestrebt. Er sieht vor, die amerikanischen F-5-Ausbildungsflugzeuge von 2028 durch 30 türkische Hürjets zu ersetzen und diese dann in Spanien anzupassen.Interesse am türkischen Tarnkappenjäger KaanDie Türkei ist auch wegen eines weiteren Flugzeugs interessant – nicht nur für Spanien. Dort fliegt bereits seit 2024 die Eigenentwicklung Kaan. Das türkische Verteidigungsministerium und TAI bestätigten erste Gespräche mit spanischen Regierungsvertretern über den Tarnkappen-Jäger der fünften Generation. Einer seiner Nachteile ist jedoch, dass er bisher mit amerikanischen Triebwerken ausgestattet ist, der türkische Antrieb wird erst entwickelt. Eine Zulassung der türkischen Entwicklung in Europa wäre überdies langwierig.Militärisch hat Spanien andere Bedürfnisse als die meisten seiner NATO-Partner, die vor allem nach Russland blicken. Aus Madrid verfolgt man sehr genau, was in Marokko geschieht – besonders wegen der beiden spanischen Nordafrika-Exklaven Ceuta und Melilla sowie der Nähe zu den Kanaren. Marokko rüstet mit amerikanischer (und israelischer) Hilfe auf. Die Streitkräfte erhalten bereits Apache-Kampfhubschrauber aus den USA. Gleichzeitig laufen Verhandlungen über die Lieferung der F-35-Kampfflugzeuge, gegen die sich Spanien im vergangenen Jahr entschieden hatte.
Nach FCAS-Aus: Spanien will Kampfflugzeug mit Deutschland bauen
Spanische Rüstungsunternehmen wollen das europäische Kampfflugzeug mit Deutschland weiterbauen. Aber Madrid prüft auch Optionen in Schweden und der Türkei.







