Faulenzen im Home-Office: «Wenn es Warnzeichen gibt, muss man als Führungsperson hinschauen»Im Home-Office wird gejoggt, eingekauft, gewaschen. Geschichten über dreisten Arbeitszeitbetrug kursieren auf Social Media zuhauf. Oft liegt das Problem bei der Führung.19.06.2026, 05.30 Uhr5 Leseminuten«Anwesenheit ist ein bequemer Stellvertreter für Leistung, aber kein valider», sagt der Wirtschaftspsychologe Sébastien Simonet.Christian Beutler / KeystoneAuf Social Media zählt, was spektakulär ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Was ist das Dreisteste, mit dem du je durchgekommen bist?», fragt der Tiktoker Jonas und blendet hinter sich eine Umfrage-Antwort ein. «Hab meinen Job vor 2 Jahren heimlich mit ein paar Python-Skripten (Programmiersprache, Anm. der Red.) automatisiert. Montag 9 Uhr drück ich auf den Start, 9.05 ist meine komplette Woche fertig. Den Rest der Zeit zock ich. In Meetings tue ich so, als wäre ich total ausgelastet. Letztes Jahr gab es sogar eine Gehaltserhöhung», liest er vor.Eine junge Frau stellt sich als «professionelle Arbeitszeit-Betrügerin» vor und bewertet auf einer Skala von 1 bis 10 Tricks wie den Mouse-Jiggler, der konstante Aktivität vortäuscht, heimlich Youtube-Schauen bei Video-Calls und das altbekannte Blaumachen.Wer den Nachbarn morgens um 11 Uhr zum Einkaufen huschen sieht oder die Nachbarin zum Joggen, kann sich durch solche Beispiele bestätigt fühlen. Home-Office, so lassen die Beispiele vermuten, ist das ideale Einfallstor für ehrenlosen Arbeitszeitbetrug. Die naheliegende Schlussfolgerung lautet: zurück ins Büro. Nicht umsonst verlangen Unternehmen wie UBS, Swiss Re, Deutsche Bank, SAP, Amazon oder JP Morgan wieder mehr Präsenz.Anwesenheit kann wichtiger erscheinen als LeistungDoch wer betrügen will, braucht kein Home-Office. Eine jüngere Umfrage des Job-Portals Indeed ergab, dass 25 Prozent der Befragten schon länger im Büro blieben, weil die Führungskraft noch anwesend war. 17 Prozent haben ihre Jacke oder Tasche im Büro gelassen, um Anwesenheit zu suggerieren.Mitarbeiter machen sich dabei den «Proximity-Bias» zunutze: Menschen gelten als produktiver, wenn man sie bei der Arbeit sieht. Realistisch ist das nicht unbedingt. «Anwesenheit ist ein bequemer Stellvertreter für Leistung, aber kein valider», sagt der Wirtschaftspsychologe Sébastien Simonet.Zwei Drittel der tausend Befragten haben laut der Umfrage in den vergangenen zwölf Monaten bewusst Massnahmen ergriffen, um produktiver oder engagierter zu wirken, als sie tatsächlich waren. Dazu zählen Wortmeldungen in Meetings ohne inhaltlichen Mehrwert, um Präsenz zu zeigen (22 Prozent), bewusst zu ungewöhnlichen Zeiten versandte E-Mails (23 Prozent) oder – im Home-Office – ein künstlich auf anwesend gehaltener Online-Status (28 Prozent). Lediglich 33 Prozent der Befragten gaben an, dass sie ausschliesslich ihre Arbeitsergebnisse für sich sprechen lassen.Die Umfrage zeigt damit vor allem eine Tendenz zur Selbstdarstellung – nicht zu systematischem Betrug. Die meisten der genannten Verhaltensweisen bewegen sich im Bereich harmloser Showeffekte und sind eher Ausdruck des Wunsches, engagiert zu wirken. Der Wirtschaftspsychologe Simonet warnt deshalb davor, aus solchen Befunden auf weitverbreitete schwere Verfehlungen im Home-Office zu schliessen oder einzelne spektakuläre Fälle überzubewerten.Die Angst vor KontrollverlustFür Bruno Staffelbach, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Luzern und Spezialist für Human-Resource-Management, liegt der Kern woanders. «Es gibt Führungspersonen, die davon ausgehen, dass Menschen im Betrieb im Grundsatz arbeitsscheu und Opportunisten sind, die zur Arbeit gezwungen und deshalb visuell überwacht werden müssen.» Der Führungsanspruch dieser Menschen beruhe auf Autorität und Überwachung. Wenn diese visuelle Überwachung fehle, sei der Führungseinfluss dahin. «Geht man davon aus, dass die Mitarbeiter faul sind, wenn man sie nicht beobachtet, und sie dann entsprechend führt, dann kommt es auch so heraus», sagt Staffelbach.Die alternative Y-Theorie nach Douglas McGregor geht umgekehrt davon aus, dass Menschen motiviert sind und stolz darauf, wenn sie etwas Gutes geleistet haben. «Dann kommt man gar nicht auf die Idee, dass sich jemand drücken will», sagt Staffelbach.Zudem ist es kein Verbrechen, nicht durchgängig erreichbar zu sein. Schliesslich gebe es vor Ort im Betrieb sogar ein «organisiertes Chillen», meint Staffelbach. «Das sind die betrieblichen Pausenzeiten.»Wenn sich allerdings jemand über längere Zeiträume durchmogelt wie der phantastische Python-Programmierer, dessen Woche jeweils am Montag um 9 Uhr 05 endet, ist das weder eine Bagatelle noch ein Grund zur Bewunderung.Was tun bei einem Verdacht?Was aber soll eine Führungskraft tun, wenn sie den Eindruck hat, dass jemand im Home-Office oder auch im Büro eine ruhige Kugel schiebt?Der Wirtschaftspsychologe Simonet rät dazu, in einem ersten Schritt das ungute Bauchgefühl zu objektivieren, indem man die Leistung genauer anschaue. Vielleicht liege man richtig, vielleicht handle es sich um eine Fehleinschätzung. Bestätigt sich der Eindruck, könne man offen kommunizieren: «Ich habe den Eindruck, dass die Leistung nicht stimmt, deshalb werde ich genauer hinschauen.» Das genauere Hinschauen sei vielleicht nicht die netteste, aber wohl eine notwendige Führungsstrategie, wenn jemand weniger motiviert oder kompetent sei.Gerade für die Team-Dynamik sei das wichtig. Mitarbeitende sollten das Gefühl haben, dass die Lasten fair verteilt sind. Ein Freerider, der es sich auf Kosten der anderen gemütlich macht, kann die Stimmung untergraben. Allerdings muss der subjektive Eindruck nicht immer stimmen. «Fast alle haben das Gefühl, selbst am meisten zu machen. Die Leistungen der anderen sieht man weniger.»Wer klare Ziele setzt und Ergebnisse misst, muss zudem keine Anwesenheit kontrollieren. Zwar lässt sich die Leistung mit zunehmend höherer Hierarchiestufe schlechter messen. Die Anzahl abgepackter Schachteln pro Stunde kann man zählen. Ob jemand im mittleren Management sein Team gut aufstellt oder das Marketingteam die Kampagne wirklich effizient aufgebaut hat, ist eher eine Frage der Einschätzung.Dennoch könnten Führungskräfte über Zielvereinbarungen und Mitarbeitergespräche ein recht präzises Bild gewinnen, meint Bruno Staffelbach. Gerade Führungskräfte und Wissensarbeiter sind häufig nicht strikt nach der Uhr tätig. Sie denken unter der Dusche über Probleme nach oder öffnen abends nochmals den Laptop.Die tatsächliche Arbeitszeit weicht deshalb oft von der offiziell erfassten ab – nicht nur nach unten, sondern auch nach oben. Überstunden werden gestrichen, nicht erfasst oder sind mit dem Gehalt abgegolten.Die Arbeitszeit weicht in beide Richtungen abDie Realität der modernen Arbeitswelt ist damit oft komplizierter, als die Debatte über Home-Office-Betrug vermuten lässt. Beschäftigte arbeiten nicht nur manchmal weniger, als auf dem Papier steht. Viele leisten auch mehr, ohne dass dies je offiziell erfasst wird. Die Grenzen zwischen dokumentierter und tatsächlicher Arbeitszeit verlaufen in beide Richtungen.Das bedeutet allerdings nicht, dass Arbeitszeitbetrug ein Kavaliersdelikt wäre. Wer bewusst Arbeitszeit vortäuscht, riskiert seinen Job. Das zeigt der Fall einer Putzkraft aus dem deutschen Hamm. Sie hatte eingestempelt und war anschliessend in ein Café gegangen. Weil sie den Vorfall zunächst bestritt, wurde sie fristlos entlassen.Solche Fälle dürften jedoch die Ausnahme sein, nicht die Regel. Wer im Home-Office kurz die Waschmaschine einschaltet oder eine Pause macht, begeht noch keinen Betrug. Die grössere Gefahr liegt womöglich darin, dass das Misstrauen gegenüber einzelnen schwarzen Schafen den Blick auf die grosse Mehrheit verstellt, die ihre Arbeit erledigt – unabhängig davon, ob sie den Laptop im Büro oder am Küchentisch aufklappt.Passend zum Artikel