KommentarMusk, Altman und die Amodeis sind die ultimativen Ich-AG. Doch je mächtiger sie werden, desto gefährlicher wird ihnen der StaatMit SpaceX setzen Aktionäre Milliarden auf Musks Genie, mit Open AI auf Altmans Siegeswillen, mit Anthropic auf den Idealismus der Amodei-Geschwister. Das wird nicht in allen Fällen gut ausgehen.19.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenFür die einen eine Wallfahrtsstätte, für die anderen ein Dorn im Auge: Vor der Starbase-Station von SpaceX in Texas steht eine Büste des Tech-Unternehmers Elon Musk.Cheney Orr / ReutersThomas Edison, dem die Welt die Elektrifizierung verdankt, liess 1888 ein Pferd mit Wechselstrom töten. Er wollte damit demonstrieren, dass die Technologie seines Konkurrenten George Westinghouse gefährlicher war als seine eigene, der Gleichstrom.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Henry Ford, der erste Massenproduzent von Autos, sah in seinen Arbeitern nicht Menschen, sondern einen Produktionsfaktor. Er verhalf ab 1914 nicht nur dem Automobil zum Durchbruch, sondern auch dem industriellen Fliessband.Steve Jobs – der 2007 das erste iPhone vorstellte und damit unser aller Leben revolutionieren sollte – war ein unerbittlicher Chef und oft auch ein unausstehlicher Mensch. So belog er einst den Apple-Mitgründer Steve Wozniak über die Höhe eines gemeinsam erarbeiteten Bonus und sackte den Grossteil selber ein.Sam Altman, der Ende 2022 mit Open AI und dem intelligenten Chatbot Chat-GPT das Thema künstliche Intelligenz auf den Radar des breiten Publikums gebracht hat, wird als zielstrebig bis zur Skrupellosigkeit beschrieben. Ein ehemaliger Mitstreiter formulierte es drastisch: Wenn man Altman auf einer Insel mit Kannibalen aussetzen würde, wäre er fünf Jahre später der König.Nur dank unbequemen Unternehmertypen ist die Welt heute da, wo sie ist. Technologische Durchbrüche fallen der Menschheit nicht einfach in den Schoss. Sie gelingen, wenn sich grosse Egos in scheinbar unüberwindbare Probleme verbeissen.Oft sind es Einzelfiguren, die radikal mit dem Bestehenden brechen und sich dabei nicht um Befindlichkeiten kümmern. Sie sind es auch, welche die Phantasie von Fortschrittsgläubigen und Geldgebern fesseln. Was nicht immer gut herauskommt.Analytischer VisionärDie radikalste Unternehmerfigur unserer Zeit ist Elon Musk. Ein analytischer Visionär, der – davon ist der 54-Jährige überzeugt – die wahren Probleme der Menschheit löst.Das reicht von der Digitalisierung des Zahlungsverkehrs (Paypal) über das Vorantreiben des autonomen Fahrens (Tesla) oder das Neudenken des Nahverkehrs (The Boring Company) bis hin zur Erschliessung des Planeten Mars als Lebensraum für den Menschen (SpaceX).Musk hat keine Angst vor visionären Ideen. Bei der Umsetzung geht er aber absolut analytisch vor. Er bricht grosse Probleme auf eine Folge von bewältigbaren Einzelproblemen herunter – und nimmt sich dann mit seinen Unternehmen eines nach dem andern vor.Wenn es sein muss, schläft er im Büro oder gar nicht. Mitarbeiter, die es ihm nicht gleichtun, werden entlassen. Seine Fans vergöttern ihn und würden wohl in alles investieren, wo Musks Name draufsteht.Dass der Mann sprunghaft sein kann und auch Missgriffe wie etwa den spontanen Kauf von Twitter tätigt, verzeihen seine Anhänger ihm gnädig.Und wenn ihm etwas zustösst?Darum konnte Elon Musk vergangene Woche den grössten Börsengang aller Zeiten hinlegen. Sein Technologie-Konglomerat SpaceX nahm an der New Yorker Börse 75 Milliarden Dollar von institutionellen und privaten Investoren auf.Sie haben in den ersten wilden Handelstagen die Marktkapitalisierung auf 2,8 Billionen Dollar hochgetrieben und Musk damit nicht nur zum ersten Dollarbillionär der Geschichte gemacht. Sondern sie haben sich ihm auch gleich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.Eine zweigeteilte Aktionärsstruktur sichert dem Tech-Visionär nahezu uneingeschränkte Verfügungsgewalt über SpaceX. Dazu gehören neben dem gleichnamigen Raketenbauer auch das Satellitennetzwerk Starlink, das KI-Unternehmen xAI mit dem Chatbot Grok und der Nachrichtenplattform X (ehemals Twitter).Musk hat am Mittwoch die 60 Milliarden teure Übernahme der Programmier-App Cursor angekündigt. Wenn er will, kann er morgen SpaceX mit Tesla fusionieren, übermorgen ankündigen, dass er Datencenter auf dem Mars bauen wird, die von firmeneigenen Optimus-Robotern betrieben werden.SpaceX ist ein Tech-Gigant mit 22 000 Mitarbeitern, das Sagen hat aber einzig und allein Elon Musk. Das macht den Konzern zur grössten Ich-AG der Welt.Wetten auf PersönlichkeitenEin Risiko, das SpaceX-Aktionäre eingehen, ist denn auch offensichtlich: Wenn Musk aus dem Unternehmen ausscheidet – oder schlimmer: ihm etwas zustösst –, wird der Aktienkurs von SpaceX implodieren.Mit dem erfolgreichen Börsengang von SpaceX hat Musk indes den Weg geebnet für zwei weitere Riesen-Ich-AG: Sam Altman will Open AI noch in diesem Jahr an den Aktienmarkt bringen, die Geschwister Daniela und Dario Amodei sind mit ihrer Firma Anthropic ebenfalls in den Startlöchern.Wenn die Anleger weiterhin einen so unbändigen Risikoappetit verspüren, werden auch diese beiden KI-Firmen auf eine Marktkapitalisierung von je 1 Billion Dollar kommen. Obwohl sie – wie SpaceX auch – Quartal für Quartal Milliarden verbrennen für Rechenkapazitäten und dabei nicht genügend hohe Umsätze erzielen, um Gewinne zu schreiben.Open-AI- oder Anthropic-Aktien sind eine Wette auf Altman oder die Amodeis. Die Anleger sehen in diesen Unternehmern – so wie in Musk – mehr als in anderen. Darum werden Anleger auch diesen Riesen-Ich-AG ihr Geld anvertrauen.Entscheidend ist allein der ErfolgSam Altman will gewinnen, mit allen Mitteln, um jeden Preis. Das hat er bei der Startup-Schmiede Y Combinator im Silicon Valley, die er von 2014 bis 2019 führte, zum Geschäftsprinzip gemacht. Y Combinator nimmt junge Firmengründer, die eine Idee haben, und trimmt sie – gegen eine Aktienbeteiligung am Startup – radikal auf Erfolg.In welchem Bereich sind sie tätig? Wie bringen sie es darin zu Marktdominanz? Wie erreicht man dies möglichst schnell?Antworten auf diese Fragen aus jungen Unternehmern herauszukitzeln, war jahrelang Altmans Job. Was dabei oft missverstanden wird: Es geht nicht primär darum, einer Geschäftsidee zum Durchbruch zu verhelfen.Nein, es geht darum, wahre Unternehmertypen zu finden und diesen das Rüstzeug für den Erfolg zu geben. Die Idee ist zweitrangig. Wenn ein Geschäftsmodell nicht funktioniert, schwenkt man halt auf ein anderes um. «To pivot» nennt sich dieser Vorgang im Silicon Valley.Entscheidend ist allein der Erfolg, am besten in Form eines Monopols. Dafür steht Altman. Es gibt dümmere Ziele im Geschäftsleben. Warum also als Investor nicht auf ihn setzen?Vielleicht, weil man bei Charakteren wie Altman und Musk nie weiss, ob sie unkontrolliert in eine falsche Richtung rennen, ohne dass sie jemand stoppt. Das ist ein weiteres Risiko, dessen sich die Investoren bewusst sein sollten – gerade weil Angestellte, Anhänger und andere Anleger oft blindlings mitrennen.Das grösste Risiko für die Aktionäre ist jedoch die Politik. Werden die Überunternehmer zu mächtig oder zu überheblich, greift der Staat ein. Er sieht sich als einzige Gegenkraft, die es mit den Riesen-Ich-AG aufnehmen kann.Das gilt nicht nur in autokratischen Systemen wie in China. Dort verschwand beispielsweise der Gründer des E-Commerce-Giganten Alibaba, Jack Ma, über Nacht für mehrere Monate, nachdem er die Behörden öffentlich kritisiert hatte.Verantwortungsbewusstes GeschwisterduoAuch in den USA kann der Bann der Regierung Unternehmen treffen. Das erleben gerade Dario und Daniela Amodei mit ihrem KI-Unternehmen Anthropic hautnah. Sie waren bis 2019 bei Open AI in führenden Positionen tätig – überwarfen sich aber in einem dramatischen Richtungsstreit mit Sam Altman. Altman wollte die KI-Technologie kommerzialisieren.Die Amodeis dagegen wollten an der ursprünglichen Non-Profit-Mission von Open AI festhalten. Auf dem Höhepunkt eines internen Dramas wurde Altman als CEO abgesetzt, um nur fünf Tage später wieder installiert zu werden. Einmal König der Kannibalen, immer König.Die Amodei-Geschwister zogen von dannen und gründeten Anthropic, eine Firma mit Purpose – und leiteten eine spektakuläre Aufholjagd ein. Die Firma könnte schon im laufenden Quartal schwarze Zahlen schreiben, ihre KI-Modelle haben im Konkurrenzvergleich die Nase vorn, und Investoren trauen Anthropic eine höhere Marktkapitalisierung zu als Open AI.Wer in Anthropic investiert, wettet also auf die Amodeis als Idealisten, die ihre Verantwortung für die Gesellschaft wahrnehmen – und gleichzeitig das Rennen um die beste KI für sich entschieden haben.Doch der Erfolg der Amodeis hat seinen Preis: Sie werden am Markt als die Guten wahrgenommen. Sie müssen ständig öffentlich das betriebswirtschaftliche Wachstum gegen gesellschaftliche Risiken abwägen. So lieferte sich Dario Amodei einen Schlagabtausch mit dem US-Verteidigungsministerium, weil Anthropic seine KI-Lösungen nicht für autonome Waffensysteme und Massenüberwachung eingesetzt haben wollte.Diese Woche haben die USA ein Exportverbot für die neuesten KI-Modelle von Anthropic verfügt, weil sie, einmal in den falschen Händen, die Cybersicherheit gefährden könnten.Mahnmal RockefellerKünstliche Intelligenz ist geeignet, alles zu revolutionieren: Wirtschaft und Arbeit, Weltpolitik und Krieg, Sprache und Denken. Wer KI kontrolliert, hat Macht.Das hat Sam Altman und Dario Amodei eine Einladung zum Gipfel der G-7-Staaten diese Woche im französischen Évian eingebracht. Es könnte aber auch eine Art Vorladung für Open AI und Anthropic gewesen sein. Denn die Frage der Regulierung von künstlicher Intelligenz stellt sich immer dringender.So hat die Regierung Trump bereits die Idee aufgebracht, dass der Staat eine Beteiligung an den grossen KI-Firmen, also Mitsprache und Kontrolle haben sollte. Ein Vorhaben, das Altman präventiv schon einmal begrüsst hat.Elon Musk wiederum baut im Auftrag der republikanischen US-Regierung eine militärische Variante des Starlink-Satellitennetzwerks. Zudem profitiert er im Raketengeschäft von SpaceX von staatlichen Aufträgen in Milliardenhöhe. Nichts täten einige Demokraten, wenn sie an die Macht gelangten, lieber, als Musk den Stecker zu ziehen.Sein Vermögen beläuft sich derzeit auf 1,4 Billionen Dollar, etwa 4 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandprodukts. John D. Rockefeller, der in den 1930er Jahren mit Standard Oil zum reichsten Mann der Welt wurde, kam auf 1,5 Prozent. Standard Oil und Rockefellers Macht wurden von der Regierung um Präsident Theodore Roosevelt zerschlagen.Nicht alle Anleger, die ihr Geld jetzt Musk, Altman und den Amodeis nachwerfen, dürften sich dessen bewusst sein.6 KommentareBeat Schaub 19.06.20262 EmpfehlungenIch kenne den Einwand: «Noch nie ging es den Menschen global so gut wie heute.» Ja, in gewissen Bereichen stimmt das. Aber es ist nur die halbe Wahrheit.