J. D. Vance setzte sich vehement für das Iran-Abkommen ein. Will sich der wiedergeborene Katholik als Friedensstifter für die Präsidentschaft empfehlen?Der Vizepräsident der USA war die treibende Kraft hinter dem 14-Punkte-Plan. Nun hängt seine politische Zukunft vom Erfolg der Iran-Verhandlungen ab.19.06.2026, 06.51 Uhr6 LeseminutenPflichtschuldig unterstützte J. D. Vance den amerikanisch-israelischen Angriff auf Iran, doch konnte er kaum verhehlen, dass er ihn für einen Fehler hieltTom Brenner / ReutersWenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass J. D. Vance Präsident werden will, dann sind es die Küken. Familie Vance hat jetzt Hühner. In seiner Residenz auf dem Gelände des U.S. Naval Observatory in Washington liess der Vizepräsident einen Stall bauen. Laut Medienberichten suchten sich seine Kinder ein Dutzend Küken aus, die die Zucht begründen sollen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun geht es dem Politiker kaum darum, für die verbleibenden zwei Jahre unter Donald Trump Rühreier aus eigener Freilandhaltung zu machen. Vielmehr sieht Vance offensichtlich den Zeitpunkt gekommen, in die Imagepflege zu investieren. Mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen 2028 gibt er sich als bodenständiger Hobbyfarmer. Hühner sind gut für die Volksnähe.Das wusste er schon im Wahlkampf 2024, als er sich über den Eierkonsum seiner beiden Söhne amüsierte: «Diese Jungs essen jeden Morgen ungefähr vierzehn Eier», sagte er in einem Lebensmittelladen in Pennsylvania. Die Botschaft war klar: «Mit mir bekommt ihr einen Politiker, der weiss, was Eier kosten.»Er vollführt einen BalanceaktEr will die Nöte des einfachen Mannes kennen: Das ruft er mit dem Hühnerstall in Erinnerung. Während Trump mit dem unpopulären Iran-Krieg die Lebensmittelpreise hochtrieb und sich zuletzt sogar zu der unbedarften Aussage hinreissen liess, dass er die Inflation «liebe», stellt sich Vance sehr subtil, so, dass es diesem kaum auffallen dürfte, gegen den Präsidenten.Denn er muss einen Balanceakt vollführen. Einerseits kann es sich Vance mit dem Mann im Oval Office nicht verscherzen. Er verdankt ihm viel. Obwohl er Trump einst als «Amerikas Hitler» bezeichnet hatte, machte dieser den damals 39-jährigen Senator aus dem Gliedstaat Ohio zu seinem Vizepräsidenten. Frühzeitig brachte er Vance dann auch als Thronfolger ins Spiel.Gleichzeitig droht seine Nähe zum Präsidenten für ihn zur Hypothek zu werden. Wenn sich Trumps Umfragewerte nicht erholen, wird Vance in Mitleidenschaft gezogen. Und für den einen wie für den anderen hängt viel von den weiteren Entwicklungen in Iran ab.Doch während sich Trump bei dem Militäreinsatz seltsam lange um die Meinung im Volk foutierte, kann sich das Vance nicht leisten. Seine politische Zukunft hängt nicht zuletzt daran, wie der Krieg zu Ende geht.Ein Krieg, den er nicht wollte: Seine Erfahrung als Veteran, der 2005 im Irak gedient hat, liess ihn zum Isolationisten werden. Pflichtschuldig unterstützte er den amerikanisch-israelischen Angriff auf Iran, doch konnte er kaum verhehlen, dass er ihn für einen Fehler hielt. Als Nationalkonservativer sind ihm die Benzinpreise für die Amerikaner wichtiger als die Freiheit der Iraner.Die Zeit im Marinekorps hat J. D. Vance geprägt: Nach seinem Dienst im Irak entwickelte er sich zum Kriegsgegner.Kevin Lamarque / ReutersVance als neuer Obama?Entsprechend wird Vance nun auch als treibende Kraft hinter dem 14-Punkte-Plan zur Beilegung des Konflikts wahrgenommen. Der amerikanische Vizepräsident verteidigte das Abkommen in einer eigenen Pressekonferenz als «Sieg für das amerikanische Volk» gegen Kritik. Der republikanische Senator Lindsey Graham, der Trump stets zu einer harten Gangart gegen Iran ermahnt hat, hält Vance für den «Architekten des Deals».Auf X äusserte sich Graham vorsichtig optimistisch über den Plan, der die Strasse von Hormuz öffnen und letztlich den Weg Irans zur Atommacht verunmöglichen soll. Doch bei den Falken in der Partei überwiegt die Skepsis. Sie sehen den Deal als einen Rückfall in die Zeiten von Barack Obama. Ihrer Meinung nach hatte der Demokrat 2015 ein viel zu laxes Abkommen mit dem Regime in Teheran ausgehandelt.Die Republikaner würden nun offensichtlich zu einer Art «Hillbilly-Obama»-Partei, schimpfte der Kommentator Ben Domenech auf Fox News – eine Spitze gegen J. D. Vance, dessen erstes Buch «Hillbilly Elegy» hiess. Der einflussreiche konservative Publizist Marc Thiessen, der von einem «kompletten Desaster» sprach, bezeichnete das Memorandum auch als den «Vance peace deal». Bei den meisten Hardlinern in der Partei, die den Krieg unterstützten, dürfte der Vizepräsident untendurch sein. Aber ist das so schlecht für ihn?Wenn in den 60 Tagen, die das Memorandum vorsieht, ein Friedensabkommen ausgehandelt werden kann, das im Mittleren Osten Ruhe einkehren lässt, hat Vance entscheidend dazu beigetragen. Über die Parteigrenzen hinweg hätte er sich Punkte geholt. «Wenn es klappt, werde ich den Ruhm dafür einheimsen», scherzte Trump beim G-7-Gipfel. «Wenn es nicht klappt, gebe ich J. D. die Schuld.»J. D. Vance war bei den Verhandlungen mit Iran stets eine treibende Kraft: Im April nahm er am Friedensgipfel in Pakistan teil.Jacquelyn Martin / ReutersFalls der Deal die anderthalb Seiten, auf die er passt, nicht wert sein sollte, steht Vance tatsächlich gleich doppelt als Verlierer da. Denn dann müsste er als Vizepräsident nicht nur für einen denkbar unbeliebten Krieg geradestehen. Gleichzeitig würde ihm auch der unvorteilhafte Friedensplan angelastet.Seine spirituellen MemoirenUmso stärker scheint Vance gegenwärtig bemüht, auch andere Geschichten zu erzählen. Die Küken sind das perfekte Bild dafür: Während das Weisse Haus einem Hühnerstall gleicht, baut er sich sein eigenes Gehege. In den vergangenen Tagen hat er so ziemlich jedes nennenswerte amerikanische Fernseh- und Podcaststudio besucht. Dabei ging es ihm nicht nur darum, das Iran-Papier zu verteidigen. Vielmehr machte er gleichermassen Werbung für das, was er persönlich zu Papier gebracht hatte.Denn mit «Communion» ist diese Woche sein zweites Buch erschienen. «Finding My Way Back to Faith», wie es im Untertitel heisst, erzählt davon, wie er zum Glauben gefunden hat. Ein Schlüsselerlebnis gibt es gleich am Anfang der 304-seitigen spirituellen Memoiren: Nach der Beerdigung seiner Grossmutter war der junge Soldat auf dem Rückweg zur Militärbasis, als er in den steilen Strassen in den Appalachen um eine Kurve bog, die Kontrolle über seinen Wagen verlor und auf die Leitplanke zuraste.Im Militär sah Vance die einzige Chance, um aus dem von Sucht und Armut geprägten Umfeld seiner Familie auszubrechen: ein Porträt von 2003.US Marine Corps«Was dann geschah», so schreibt er, «kam einer übernatürlichen Erfahrung so nahe wie nichts zuvor in meinem Leben.» Unmittelbar vor der Leitplanke sei das Auto plötzlich, vollkommen sanft zum Stillstand gekommen. «Etwas hat es aufgehalten – etwas, was sich meinem Verständnis und meiner Kontrolle entzieht.» Bis heute könne er es sich nicht erklären. «Ich habe nicht einmal den Ruck des Sicherheitsgurts gespürt.»Vance hatte sich als Teenager von der freikirchlichen Erziehung durch seinen Vater gelöst. Nun wurde er zwar nicht über Nacht wieder religiös. Aber noch in seinen späteren Jahren als überzeugter Atheist an der Yale Law School, so erklärt er, habe der seltsam glimpflich ausgegangene Unfall unangenehm in seinem Hinterkopf geschlummert. «Es war, als existiere er nur, um mich zu ärgern, um mein Vertrauen in die Gesetze des Universums infrage zu stellen.»Der Streit mit dem PapstMittlerweile ist sein Gottesglaube unerschütterlich. Der rechtskonservative, sich als Christ bekennende Tech-Milliardär Peter Thiel trug dazu bei, dass Vance 2019 zum Katholizismus konvertiert ist. Diesen legt er als Anhänger einer erzkonservativen Strömung so starr aus, dass er sich nicht einmal vom Papst etwas sagen lässt: Als Leo XIV. unverhohlen den Krieg in Iran kritisierte, warf ihm Vance vor, seine Gebote nicht zu kennen. Gott sei schliesslich auch auf der Seite der Amerikaner gewesen, als sie die Welt von den Nazis befreit hätten, sagte er. Der Papst müsse «vorsichtig sein, wenn er über Theologie» spreche.Dieser Streit mit dem Pontifex hatte ein Vorspiel, wie Vance nun in «Communion» ausführt. Kurz vor dem Tod von Papst Franziskus besuchte er im April 2025 den Vatikan, wo er sich offenbar bei einem Treffen mit dem Kardinal Pietro Parolin «unbehaglich» fühlte. Der Staatssekretär des Vatikans habe für Trumps Einwanderungspolitik nur «abgedroschene Plattitüden» übrig gehabt, sagte Vance verärgert.Nur 24 Stunden vor dem Tod von Papst Franziskus im April 2025 kam es noch zu einem kurzen Treffen zwischen dem Pontifex und J. D. Vance.Vatikan via ReutersWährend sich seine Verstimmung dann auf Franziskus’ Nachfolger übertrug, schlug Vance im Rahmen seiner Buch-PR zuletzt aber auch versöhnliche Töne an. Anfang Juni erklärte er in einem Interview mit «USA Today», dass er die Einmischung des Vatikans in die amerikanische Politik «begrüsse». Gerade da, wo man anderer Meinung sei, fördere sie den Dialog.Dass sich Vance nicht länger als Schismatiker gebärdet, der sich dem Papst verweigert, zeigt auch, wie er sich von Trump emanzipiert. Denn deutlicher noch als der Vize hatte sich der Präsident mit dem Kirchenoberhaupt angelegt. Leo sei «schwach im Umgang mit Kriminalität und eine Katastrophe in der Aussenpolitik», schrieb Trump im April in einem Social-Media-Beitrag. Erst recht für Verstimmung sorgte er kurz darauf mit einem KI-Bild, in dem er sich als Jesus darstellte.Offensichtlich ist Vance nun bemüht, die Wogen zu glätten. Seine spirituelle Transformation, liesse sich auch sagen, kommt damit zum Abschluss: Er erkennt die Autorität der Kirche an. Wie er gleichzeitig an die Friedfertigkeit des iranischen Regimes glaubt, drängt sich fast der Eindruck auf, als wolle er sich als barmherzigen Nachfolger von Trump empfehlen.8 KommentareJakob Krose 19.06.20261 EmpfehlungDie USA sind völlig verwirrt, vollkommen von der Rolle.Rudolf Meier 19.06.20261 EmpfehlungNun ja, Vance for president? So ganz in Stein gemeisselt scheint es mir noch nicht.