Laut Donald Trumps Abkommen mit Teheran sollen auch in Libanon die Waffen schweigen. Doch bis heute kämpfen der Hizbullah und Israel weiter. Eine Reise durch ein Land, in dem trotz massiver Zerstörung Siegesfeiern abgehalten werden.19.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEr wisse nicht, was er von der Lage halten solle, sagt Ali Rida und fährt sich mit der Hand über das sonnenverbrannte Gesicht. Der 31-Jährige mit der runden Brille und den müden Augen arbeitet als Rettungssanitäter in Nabatäa. Wochenlang hat er mit seinen Kameraden in der unter Beschuss stehenden südlibanesischen Schiitenstadt ausgeharrt und Tote und Verletzte aus den Trümmern gezogen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jetzt herrscht hier ein Waffenstillstand. Oder auch nicht – denn so genau kann das keiner sagen. Nachdem sich Amerikaner und Iraner auf eine Absichtserklärung geeinigt haben, um den jüngsten Nahostkrieg zu beenden, fragen sich die Libanesen, ob ein möglicher Friede auch für ihr Land gilt. «Ich hoffe es», sagt Rida, der seine in den Norden geflohene Familie seit Monaten nicht gesehen hat.In der südlibanesischen Provinzstadt Nabatäa räumen Anwohner ein zerbombtes Motorrad weg. Die Stadt wurde zuletzt immer wieder zum Ziel israelischer Angriffe.Libanesische Soldaten im Süden des Landes. Die Truppen der machtlosen Beiruter Regierung standen während der Kämpfe abseits. Stattdessen hat hier die proiranische Hizbullah-Miliz das Sagen.Helm und Jacke eines Angehörigen einer zum Hizbullah gehörenden Zivilschutzorganisation in einem Dorf in Südlibanon. Unzählige dieser Helfer kamen bei israelischen Angriffen ums Leben.Ein finsteres ZwischenreichZumindest verlangt das die Führung in Teheran: Sie betont immer wieder, ein Waffenstillstand müsse auch die Front am Mittelmeer umfassen, wo die Schiitenmiliz Hizbullah an der Seite Irans ebenfalls in den Kampf gegen Israel gezogen war. In Jerusalem sieht man das anders. Man werde sich von den Iranern in Bezug auf Libanon nichts vorschreiben lassen, kontern Israels Politiker.Donald Trump scheint mit Iran übereinzustimmen. «Israel hat hier lange genug gekämpft», sagte er kürzlich. Doch obwohl im von ihm akzeptierten 14-Punkte-Plan auch von einem Ende der Kämpfe in Libanon die Rede ist, wird in Nabatäa immer noch geschossen. Während Ali Rida und seine Kollegen zum ersten Mal seit langem in der beschädigten Moschee beten, gehen rund um die Stadt israelische Granaten nieder.Libanon befindet sich in einem finsteren Zwischenreich. Das zerrissene, kaputte Land gleicht einem Schlachtfeld, auf dem fremde Mächte ihre Kämpfe austragen. In Nabatäa sind die Spuren zu sehen: Viele Gebäude in der Stadt sind zerstört, überall liegen Schuttkegel, Staub steigt auf, und über manchen Trümmerbergen hängt der Geruch von Leichen.Trotzdem kehren die ersten Bewohner der bis vor kurzem noch geisterhaft leeren Stadt heim. Ihre vollgepackten Autos kriechen die Strasse vom Mittelmeer hinauf, auf dem Dach lauter Bündel und zusammengebundene Matratzen. Manche erheben die Hand zum Victory-Zeichen, andere starren nur wie entrückt auf das, was von ihren Wohnungen und Häusern übriggeblieben ist.An einer Hauswand hängt das Porträt des 2024 von Israel getöteten Hizbullah-Führers Hassan Nasrallah. Die Miliz war im Februar an der Seite von Iran in den Kampf gezogen und hatte Israel angegriffen.Der komplett zerstörte Markt in der Stadt Nabatäa. Der Krieg hat in Südlibanon grosse Verheerungen hinterlassen.Anwohner treiben ein paar Pferde durch das Dorf Tulin in Südlibanon. Der Krieg hat über eine Million Libanesen in die Flucht getrieben.Der Hizbullah war mit Iran in den Krieg gezogenEs ist nicht das erste Mal, dass die Flüchtlinge in ihre ausgebombten Dörfer und Städte heimkehren. Vor ein paar Wochen waren sie schon einmal in Richtung Süden aufgebrochen, als ein Waffenstillstand verkündet wurde. Als klarwurde, dass die Kämpfe trotzdem weitergingen, machten die meisten von ihnen kehrt und flohen erneut.Und jetzt? «Diesmal ist es anders», sagt ein Mann in Poloshirt und Leder-Slippern, der am Rand der zerstörten Marktstrasse von Nabatäa steht und den Rückkehrern dabei zuschaut, wie sie ihre Fahrzeuge langsam um die Trümmerberge herumkurven. Trotz all der Zerstörung ist er optimistisch. «Wir vertrauen auf Gott», sagt er, «und auf den Hizbullah.»Die Miliz, die in Libanon einen Staat im Staat bildet, hat sich in den Dörfern und Tälern des Südens zuletzt blutige Kämpfe mit den vorrückenden israelischen Truppen geliefert. Gleich am ersten Tag nach Kriegsbeginn war der Hizbullah an der Seite seiner iranischen Verbündeten in den Kampf gezogen und hatte damit brutale Vergeltungsschläge der Israeli provoziert.Das hält die Truppe nicht davon ab, den von Iran erzwungenen Waffenstillstand als grossen Sieg zu feiern. An Strassenkreuzungen und Autobahnausfahrten haben ihre Anhänger Lautsprecher aufgestellt, aus denen Kampflieder dröhnen. Männer in schwarzen T-Shirts schwingen Fahnen, Frauen in Geländewagen hupen zustimmend.Ein zerstörter Krankenwagen in Südlibanon. Trotz Trumps Deal mit Iran ist unklar, ob auch hier in Zukunft die Waffen schweigen werden.Rückkehrer in der Stadt Tyros in Südlibanon. Trotz der Unsicherheit wollen viele der Flüchtlinge so rasch wie möglich zurück in ihre Dörfer.Ein paar Rettungssanitäter vor der Moschee von Nabatäa. Während sie aufräumen, explodieren an den Hängen über der Stadt immer noch Granaten.«Das hat nicht einmal Hitler geschafft»In den Dörfern südlich von Nabatäa organisiert die Miliz sogar regelrechte Siegestouren für Journalisten. Im Konvoi werden die Medienschaffenden durch olivgrüne Hügellandschaften gefahren, an pulverisierten Dörfern und ausgebrannten Krankenwagen vorbei. Viele der Orte sind völlig dem Erdboden gleichgemacht, als hätte ein schweres Erdbeben die Region heimgesucht.Die Hizbullah-Kader, die den Tross begleiten, lassen sich davon nicht beirren. Gemeinsam mit Iran habe man einen einmaligen Erfolg erzielt, jubelt der Parlamentsabgeordnete Hussein al-Jishi und versteigt sich im Siegestaumel sogar zu bizarren historischen Vergleichen: «Wir haben Amerika niedergerungen. Das hat nicht einmal Adolf Hitler im Zweiten Weltkrieg geschafft.»Der Rausch rührt auch daher, dass die Kampfgruppe vor kurzem noch mit dem Rücken zur Wand stand. 2024, im letzten Krieg gegen Israel, hatte sie ihre gesamte Führungsmannschaft um den wie einen Gott verehrten Chef Hassan Nasrallah verloren. In der Folge versuchte die prowestliche libanesische Regierung, die geschwächte und in weiten Teilen des Landes verhasste Truppe zu entwaffnen.Doch der Hizbullah stellte sich quer – und ging stattdessen in die Offensive. Kaum brach der Krieg aus, zog er mit Teheran in den Kampf und warf seine letzten Reserven in die Schlacht. Nun profitiert er vom Erfolg der Iraner und wähnt sich auch in Libanon wieder obenauf. «Die Regierung sollte lieber zur Vernunft kommen», sagt der Parlamentarier Jishi. «Sie sollte ihre Verhandlungen mit Israel einstellen und mit uns zusammenarbeiten.»Zelte am Strand von Tyros: In der multikonfessionellen Stadt sind während des Krieges auch Flüchtlinge aus den umliegenden Dörfern untergekommen.Am Fischerhafen von Tyros herrscht bereits eine gewisse Normalität. Die Stadt wurde bei den Kämpfen ebenfalls schwer beschädigt.Auch im Dorf Tebbine haben israelische Luftangriffe Trümmer hinterlassen. Gleich hinter dem Ort beginnt jene Zone Südlibanons, die immer noch unter israelischer Besetzung steht.In Tyros herrscht wieder eine gewisse NormalitätViele Schiiten im Süden fühlen sich deshalb trotz den gewaltigen Schäden und Abertausenden von Toten als Sieger. Immer wieder hört man von Rückkehrern, die erbrachten Opfer hätten sich gelohnt. «Wir haben gewonnen. Der Hizbullah und die Iraner werden uns helfen, alles wieder aufzubauen», sagt ein Ladenbesitzer, der im Ort Bir al-Sansel vor den Trümmern seines Hauses steht.Ob die Miliz und ihre Sponsoren aber das Geld dafür haben, ist fraglich. Zudem stehen immer noch israelische Truppen im Land. Manche Bewohner hegen daher Zweifel. «Keiner wird uns zu Hilfe kommen. Das war schon 2024 so», sagt ein älterer Mann, der anonym bleiben will, in einem Dorf in den Bergen oberhalb der Küstenstadt Tyros. «Wir wollten diesen Krieg nicht. Er wurde uns aufgezwungen.»Wie viele Leute im Süden so denken, lässt sich nur schwer sagen. Die meisten von ihnen wollen nicht reden. Zu tief sitzt der Schock, zu müde sind sie nach Monaten des Krieges. In Tyros, wo Israels Bomben ebenfalls grosse Schäden angerichtet haben, hält bereits wieder eine gewisse Normalität Einzug. Am Hafen verkauft ein Mann Fleischspiesse. Im Hintergrund schaukeln Fischerboote im goldenen Abendlicht auf dem Wasser.An der Uferpromenade, wo Flüchtlinge aus den umliegenden Dörfern in Zelten untergekommen sind, sitzen ein paar Frauen auf Plastikstühlen und schauen zu, wie die Sonne über dem Mittelmeer untergeht. Sie habe während der Bombardierungen die Tage gezählt, sagt eine von ihnen. «Dieser Krieg war schrecklich. Egal, ob der Waffenstillstand hält oder nicht: Ich bin einfach nur froh, dass ich wieder aufs Meer schauen kann.»Am Strand von Tyros baut ein Flüchtling sein Zelt ab, um nach Hause zurückzukehren.Passend zum Artikel
Geruch von Leichen über Trümmern: Südlibanon zwischen Krieg und Frieden
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Trotz Trumps Iran-Deal kämpfen Hizbollah und Israel im Südlibanon weiter; eine Million Flüchtlinge kehren zu zerstörten Dörfern zurück. Die Diskrepanz zwischen diplomatischer Einigung und Realität auf dem Feld widerlegt einfache Lösungen für Nahost-Konflikte und regionale Unsicherheit.















