Waffenstillstand in Libanon: grosse Ankündigungen, geringe ErwartungenIn Washington haben sich Vertreter Israels und Libanons auf eine Waffenruhe geeinigt. Ob sie sich umsetzen lässt, ist allerdings fraglich. Ein Besuch im umkämpften Südlibanon.04.06.2026, 14.58 Uhr4 LeseminutenZerstörung im Jabal-Amel-Spital im südlibanesischen Tyros. In der Nähe waren drei israelische Raketen niedergegangen.Adri Salido / Getty Images EuropeKhalil Mustafa ist wütend. «Das geht gar nicht! Das ist ein Verbrechen!», ruft der greise Angestellte und wischt mit einem Lappen immer wieder über den Empfangstresen in der Notaufnahme des Jabal-Amel-Spitals in Tyros. Am vergangenen Montag wurde das Krankenhaus in der südlibanesischen Stadt bei einem israelischen Luftangriff stark beschädigt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zwar hatten die Raketen drei mehrheitlich leerstehende Wohnblöcke in der unmittelbaren Nachbarschaft getroffen. Doch die Druckwelle der Explosionen fegte über das Spital hinweg, zertrümmerte Fensterscheiben, zerstörte medizinische Geräte und machte die Notaufnahme unbenutzbar. Über 80 Angestellte und Patienten wurden verletzt. «Mich selbst hat es am Fuss erwischt», sagt Mustafa, der sich während der Explosion im Gebäude aufhielt.Im Süden sollen Sonderzonen geschaffen werdenWarum es die Israeli auf die nahen Wohngebäude abgesehen hatten, weiss niemand. Für die Angestellten und Ärzte im Spital ist jedoch klar: Sie sollen mürbe gemacht werden. «Das ist das Werk von Benjamin Netanyahu», schimpft Mustafa und zeigt durch ein ausgebombtes Fenster auf den Parkplatz. Unter den Trümmern liegt unter anderem sein Auto.Seit Wochen bekämpfen sich in Südlibanon Israel und der mit Iran verbündete Hizbullah aufs Heftigste. Während Kämpfer der schiitischen Miliz mit Drohnen und Panzerfäusten auf israelische Soldaten schiessen, schlägt Jerusalems Luftwaffe mit schweren Angriffen zurück. Doch nun könnte das Sterben in den Hügeln des Levante-Staates ein Ende haben.Angeblich haben sich Vertreter Israels und Libanons in Washington in der Nacht auf Donnerstag auf einen Waffenstillstand geeinigt. Der Krieg, so US-Vertreter, die die direkten Gespräche der beiden Länder begleiten, solle beendet und der Hizbullah schrittweise entwaffnet werden. Im Süden sollen dazu sogenannte Sonderzonen geschaffen werden, wo die libanesische Armee die Kontrolle übernimmt. Wann das Abkommen in Kraft tritt, ist allerdings unklar.Für Washington ist der Krieg ein ÄrgernisDas sei zum Vorteil aller, sagte US-Aussenminister Marco Rubio, der sich höchstpersönlich des Libanon-Problems angenommen hat. Schliesslich sei der Hizbullah nicht nur ein Feind Israels, sondern auch der Libanesen selbst. Rubio dürfte allerdings ein ganz besonderes Interesse an einer Waffenruhe haben. Denn der Krieg in Libanon, den der Hizbullah kurz nach dem israelisch-amerikanischen Angriff auf Iran begonnen hat, ist für Washington ein Ärgernis.Die Iraner nutzen die Libanon-Front als Druckmittel, um einen Keil zwischen Amerika und Israel zu treiben. Ohne einen Frieden in Libanon werde man nicht über ein Kriegsende am Golf verhandeln, sagen Vertreter Teherans immer wieder. Israel hingegen will beide Schlachtfelder getrennt behandeln. Zuletzt waren Donald Trump und Jerusalems Regierungschef Benjamin Netanyahu deshalb persönlich aneinandergeraten.Nun soll ein Separatfrieden am Mittelmeer das Problem lösen. Doch die Aussichten auf einen Erfolg sind gering. Das liegt nicht nur an der libanesischen Regierung, die kaum Kontrolle über ihr eigenes Land hat und deren schwache Armee schon zu Friedenszeiten grosse Mühe hatte, dem Hizbullah in Südlibanon Herr zu werden.«Im schlimmsten Fall wird der Krieg Jahre dauern»Israel dürfte von einer Feuereinstellung wenig begeistert sein. Jerusalems Truppen waren zuletzt immer tiefer ins Nachbarland eingedrungen, um den Hizbullah-Kämpfern das Handwerk zu legen. Doch die Milizionäre, die 2024 noch eine schwere Niederlage gegen den Erzfeind hinnehmen mussten und dabei ihren Chef Hassan Nasrallah verloren, leisten trotz grossen Verlusten hartnäckigen Widerstand.So schiesst die Truppe immer wieder kabelgesteuerte Drohnen auf israelische Positionen ab, ohne dass Jerusalems Armee eine Antwort darauf findet. Zudem gelingt es der Miliz durch Raketenbeschuss, den im Norden des Landes wohnenden Israeli das Leben schwerzumachen. All das übt Druck auf Netanyahus Rechtsregierung aus, die ihren Wählern einen totalen Sieg versprochen hat.Derweil geben sich Vertreter des Hizbullah – dessen Chef Naim Kassem direkte Gespräche mit Israel ablehnt und das Abkommen als Verrat bezeichnet – selbstbewusst. Man werde einem Teilwaffenstillstand ganz bestimmt nicht zustimmen, sagt einer seiner Sprecher am Rande eines leeren Pools in einem heruntergekommenen Strandhotel in Tyros. «Im schlimmsten Fall wird der Krieg eben noch mehrere Jahre dauern.»Ein trostloses LandDie inzwischen eng an Teheran gekettete Truppe herrscht allerdings über ein kaputtes und trostloses Reich. Tyros gleicht nach Wochen der Kämpfe einer Geisterstadt. In den von Trümmern übersäten Strassen ist ausser Vogelschwärmen und Hizbullah-Aufpassern auf Motorrollern kaum jemand zu sehen. Die meisten Einwohner sind, wie diejenigen der umliegenden Dörfer, wegen des Krieges längst nach Norden geflohen.Dort kommen sie in Schulen unter. Wie in jener in der Stadt Sidon, etwas nördlich von Tyros, wo die meisten schon zum zweiten oder dritten Mal Zuflucht suchen. Viele sind nur noch müde. «Mein Haus ist kaputt, wo soll ich hin?», sagt ein alter Mann aus dem Grenzdorf Houla, der seit Jahren hier ausharrt. Den Krieg hält er für sinnlos, den Hizbullah-Chef Kassem für mitschuldig: «Der ist jetzt ähnlich unbeliebt wie Benjamin Netanyahu.»Passend zum Artikel
Waffenstillstand für Libanon: grosse Ankündigung, geringes Vertrauen
In Washington haben sich Vertreter Israels und Libanons auf eine Waffenruhe geeinigt. Ob sie sich umsetzen lässt, ist allerdings fraglich. Ein Besuch im umkämpften Südlibanon.











