Startseite

Unternehmen

Energie

Energieversorgung: Stromnetz wird zu Deutschlands kritischer Sicherheitslücke Die Bundesregierung präzisiert ihr Gesetz für kritische Infrastrukturen. Laut Branchenmitgliedern ist das dringend nötig – wie nicht nur die Sabotage in Reutlingen zeigt.

Dasdin Duman 19.06.2026 - 04:01 Uhr Artikel anhörenUmspannwerk in Reutlingen: Nach dem Brandanschlag facht die Debatte über die Sicherheit der Energieinfrastruktur wieder auf. Foto: Christoph Schmidt/dpaDüsseldorf. Deutschlands kritische Infrastruktur ist angreifbar, das hat ein Stromausfall in Reutlingen vergangene Woche erneut deutlich gezeigt. Die Bundesregierung hat auf derlei Bedrohungen bereits mit ihrem im März dieses Jahres in Kraft getretenen Gesetz zum Schutz kritischer Infrastrukturen reagiert. Die gesetzlichen Vorgaben werden durch eine noch zu erlassende Verordnung der Bundesregierung näher konkretisiert.Bis Dienstag konnten sich Unternehmen und Verbände zu einem Entwurf äußern, mit dem das sogenannte Kritis-Dachgesetz zielgenauer ausgestaltet werden soll. Insgesamt hat die Diskussion darüber, wie die Bundesrepublik mit dieser Verwundbarkeit umgehen soll, nun wieder an Intensität gewonnen.So warnt im Gespräch mit dem Handelsblatt etwa Marc Henrichmann (CDU), Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums: „Die Bedrohungslage hat insgesamt zugenommen.“ Anlagen wie die in Reutlingen seien ein attraktives Ziel für ausländische, aber auch extremistische Gruppen, die der Gesellschaft schaden wollten: „Mit Angriffen auf Energieinfrastruktur trifft man ziemlich viele Menschen, und sie ist oft leicht zugänglich.“Bei dem Vorfall in Baden-Württemberg setzten Unbekannte ein Umspannwerk in Brand. Daraufhin fiel bei rund 20.000 Haushalten und mehreren Unternehmen der Strom aus – und es dauerte knapp 68 Stunden, bis alle Haushalte und Betriebe wieder am Netz waren.Ein noch gravierenderer Angriff ereignete sich im Winter in Berlin, als Schäden an einer Kabelbrücke für einen teils tagelangen Stromausfall in vielen Gebieten der Stadt sorgten.Nur große Anlagen gelten als kritische InfrastrukturDas Kritis-Dachgesetz hält die Betreiber kritischer Infrastruktur dazu an, ihre Anlagen vor Sabotageakten, aber auch Naturkatastrophen mit Mindestanforderungen zu schützen.Allerdings gilt eine Anlage grundsätzlich erst dann als kritische Infrastruktur, wenn sie mindestens 500.000 Einwohner versorgt. Das Umspannwerk in Reutlingen liegt deutlich unter dieser Schwelle.Genau solche Fälle machen die deutsche Energieinfrastruktur so angreifbar. Denn sie ist über das ganze Land verteilt und oft stehen dahinter nur kleine Versorger. Kommunale Unternehmen betreiben mehr als 808.000 Kilometer Stromverteilnetze und versorgen zudem etwa 20 Millionen Haushalte mit Gas und Fernwärme. Und hier sind bisher die Mindeststandards nicht vorgeschrieben.Mit der neuen Verordnung könnte das Bundesinnenministerium jetzt die Schwelle von 500.000 von einer Anlage versorgten Einwohnern flexibler gestalten. Denn dieser Schwellenwert steht ohnehin in der Kritik.Netzbetreiber sprechen von täglichen CyberattackenEva Bode vom Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB) etwa sagt: „Entscheidend ist eine risikobasierte Bewertung kritischer Anlagen, insbesondere bei Einrichtungen mit hohem Nachholbedarf.“Gleichzeitig gesteht der DStGB auch ein, dass eine Ausweitung des Kritis-Dachgesetzes auf kleinere Anlagen den finanziellen Rahmen vieler Kommunen sprengen würde. „Es muss einen finanziellen Ausgleich durch Bund und Länder geben, wenn die Kommunen vermehrt in die Sicherheit ihrer Energieanlagen investieren müssen“, betont Bode.Diesen Vorschlag tatsächlich umzusetzen, ist schwer. Sicherheitspolitiker Henrichmann sagt. „Man kann nicht einerseits den Bund dafür kritisieren, einen Schwellenwert in das Gesetz aufgenommen zu haben und gleichzeitig bei einer möglichen Absenkung finanzielle Entschädigung verlangen.“Die eingebrachten Bedenken seien zwar nachvollziehbar, aber „es ist unmöglich, ein Gesetz so zu gestalten, dass es alles rundum mitdenkt und schützt.“ Mit dem Kritis-Dachgesetz erfolge vielmehr eine Priorisierung der zahlreichen Einrichtungen und es werde eine Debatte angestoßen, die bewirken soll, dass jeder, der kritische Infrastruktur betreibt, sich Gedanken über die Vielfältigkeit der Angriffsstrukturen macht. Denn das Bewusstsein, ein Ziel von ausländischen und inländischen Saboteuren zu sein und die Bedrohungslage anzuerkennen, sei der erste Schritt hin zur Resilienz von Deutschlands kritischer Energieinfrastruktur.Angriffe gibt es inzwischen regelmäßig. Stromnetzbetreiber sprechen von täglichen Cyberattacken, von denen ein Großteil erfolgreich abgewehrt wird. Hinzu kommen physische Angriffe – die manchmal auch erfolgreich sind.Stromnetz-Investor Größter ukrainischer Energieinvestor warnt vor Attacken in Europa – „Kein Land ist auf solche Angriffe vorbereitet“ Der Vorfall in Reutlingen offenbart einen Grundkonflikt. Richard Huber, Leiter Systemübergreifende Infrastruktur bei dem im Fall Reutlingen zuständigen Netzbetreiber Netze BW, sagt: „Wir akzeptieren nicht, dass unsere Infrastruktur angreifbar ist. Aber wir können auch keinen vollständigen Schutz gewährleisten.“Tatsächlich war das Umspannwerk in Reutlingen nicht besonders gut geschützt. Denn niemand rechnete damit, dass ausgerechnet diese Anlage Ziel eines Angriffs werden könnte. Die Annahme hat sich als Fehleinschätzung des Betreibers erwiesen, spiegelt aber auch die bisher geltende Rechtslage.„Wir müssen akzeptieren, dass wir ein Ziel sind“Und der Druck auf die Unternehmen nimmt zu. Durch die militärische Unterstützung der Ukraine etwa rückt Deutschland zunehmend in den Fokus russischer Sabotageaktivitäten.Und so befürchten viele Beobachter, dass der Schutz kritischer Infrastruktur in Deutschland zu langsam voranschreitet. Experten von Nato und Bundeswehr gehen davon aus, dass Russland bis 2029 in der Lage sein wird, seine personellen und materiellen Verluste, die es im Ukrainekrieg erlitten hat, auszugleichen und großflächig aufzurüsten.Bei einem Energiebranchenkongress warnte der Generalleutnant André Bodemann jüngst: „Russland wird versuchen, zu verhindern, dass wir uns in den nächsten Jahren bis 2029 auf einen größeren Konflikt vorbereiten und unsere Verteidigungsfähigkeit ausbauen.“ Der Stellvertreter des Befehlshabers des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr sagte: „Wir müssen akzeptieren, dass wir ein Ziel sind. Ob von militärischer, terroristischer oder aktivistischer Seite.“Netzbetreiber sehen noch deutliches SteigerungspotenzialDabei scheint es am Problembewusstsein oft gar nicht zu scheitern, wie Stromnetzbetreiber in Gesprächen durchblicken lassen. Doch sie resignieren ein Stück weit vor der kaum zu leistenden Aufgabe.Weil die Netzbetreiber wissen, dass sie nicht all ihre Anlagen schützen können, konzentrieren sie sich darauf, das Netz nach einer Attacke schnellstmöglich wiederherstellen zu können, um die Stromversorgung zügig wieder zu gewährleisten.Ein Sprecher des Übertragungsnetzbetreibers Amprion sagt: „Wir bauen unsere Bestände an Ersatzteilen kontinuierlich aus.“ Gleichzeitig gebe es regelmäßige Simulationen von Krisenfällen, um den Ernstfall vorzubereiten. Verwandte Themen DeutschlandRusslandBundesregierungEonAuch Deutschlands größter Verteilnetzbetreiber Eon bereitet sich regelmäßig über Simulationen für den Ernstfall vor. Eon-Chef Leonhard Birnbaum sagte beim Branchenkongress in der vergangenen Woche aber auch, dass Energieunternehmen in diesem Bereich noch deutliches Steigerungspotenzial hätten.Im Worst Case, beispielsweise bei einem Zusammenbruch der üblichen Kommunikationskanäle, müssten die Versorger in der Lage sein, ihrem Auftrag nachzukommen: Deutschland mit Strom versorgen. Birnbaum betonte: „Hier besteht eine gemeinsame Verantwortung von Unternehmen und Staat.“ Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige remind.me Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige FREITAG® Immobilien FREITAG® Immobilien – Ihr Makler und Gutachter für München & Starnberg Anzeige Presseportal Direkt hier lesen! Anzeige STELLENMARKT Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden Anzeige Expertentesten.de Produktvergleich - schnell zum besten Produkt