Unter den großen Fan-Freundschaften dieser Welt – Hertha BSC und Karlsruher SC, Eintracht Frankfurt und Atalanta Bergamo, Celta Vigo und der FC Liverpool – nimmt wohl die zwischen Mexiko und Südkorea einen Spitzenplatz ein. Jedenfalls in diesem Sommer. Insbesondere am WM-Spielort Guadalajara kommt es schon seit Tagen zu leidenschaftlichen Verbrüderungs- und Verschwesterungsszenen. Man umarmt und küsst sich auf der Plaza de la Liberación und in den Bars der Avenida Chapultepec.Überdies bringen die Anhänger des örtlichen Fußballklubs Chivas den koreanischen Gästen ein Grundwissen der spanischen Sprache bei. Sätze wie „Que chingue a su madre el América“ können jetzt viele Koreaner fließend in mexikanische Handy-Kameras sprechen. Die Einheimischen werden sie wohl bis ans Ende aller Tage dafür lieben, denn diese saftige Beleidigung richtet sich nicht in erster Linie gegen den WM-Co-Gastgeber im Norden, sondern gegen den Erzrivalen der Chivas, den Club América aus Mexiko-Stadt. Die Verwechslungsgefahr wird von den Sprachlehrern aber gerne in Kauf genommen.Längst hat diese ganz besondere Leidenschaft zwischen Mexiko und Südkorea die Sphäre des Fußballs verlassen und ist unter anderem in Guadalajaras Kampfsportarena „Coliseo“ angekommen. Dort hat sich am Dienstagabend gefühlt die halbe Stadt zum Lucha Libre getroffen, der mexikanischen Version des Wrestlings.Lucha Libre ist eine Mischung aus Sport, Varieté und Freakshow. Einige dieser Wrestler sind Volkshelden, sie tragen kunstvolle Masken, die an einen Karneval im Reich der Toten und der Fabelwesen erinnern. Und sie werfen sich bei ihren choreografierten Prügeleien auf eine derart akrobatische Weise durch den Ring, dass sich Hulk Hogan, The Undertaker oder Bret „The Hitman“ Hart dabei sogleich das Genick gebrochen hätten. Just in der Woche des Fußballspiels zwischen Mexiko und Südkorea in Guadalajara stand im Coliseo ein besonderer Leckerbissen auf dem Programm: „Gran Guerrero“ und „Último Guerrero“ gegen „Blue Panther“ und „Hijo de Blue Panther“. Dazu „Thunder Boy“, „Demonio Maya“ sowie ein Tag-Team aus „Furia Roja“ und „Bestia Negra“. Nach SZ-Recherchen steckte Oliver Kahn aber unter keiner der Masken.Volle Unterstützung in Guadalajara: Ein mexikanischer Fan brachte zum ersten Spiel Südkoreas schon mal die WM-Trophäe mit. Ulises Ruiz/AFPEine vollere, lautere, bierseligere und schweißtriefendere Arena hat man selten erlebt. Der emotionale Höhepunkt des Abends ereignete sich aber nicht beim Hauptkampf, sondern in der Pause vor dem Hauptkampf, als die Regie das Lied Gangnam Style des südkoreanischen K-Pop-Rappers Psy einspielte. Da erhob sich nämlich ein Mann in roter Trainingsjacke aus einer der vorderen Zuschauerreihen und tanzte unmittelbar vor dem Ring in dem Stil, den man zu Gangnam Style nun einmal tanzt. Die Menschen kreischten, die Halle bebte, es hörte sich so an, als ob Psy höchstpersönlich eine kleine Tanzeinlage gegeben hätte. Wenn man sich dann aber bei der schnappatmenden, mexikanischen Sitznachbarin erkundigte, wer denn dieser Tänzer sei, dann zuckte sie mit den Schultern und sagte: „Ein Koreaner.“Am nächsten Morgen berichtete der Fernsehsender „TV Azteca Noticias“ von diesem Weltereignis: Ein Koreaner hat beim Lucha Libre zwischen zwei Kämpfen getanzt. Der Mann war übrigens mit seiner Ehefrau und seinem Sohn in der Halle, er sagte in den mexikanischen Frühstücksnachrichten: „Lucha Libre ist eine tolle mexikanische Erfahrung.“Die Hauptstädte Mexikos und Südkoreas liegen etwa 12 000 Kilometer voneinander entfernt. Bei der Frage, wie sich ausgerechnet diese beiden Länder so innig lieben gelernt haben, stößt man auch auf deutsche Verkupplungs-Wertarbeit. Weil die DFB-Elf bei der WM 2018 ihr letztes Gruppenspiel gegen Südkorea verlor, rutsche Mexiko trotz eigener Niederlage doch noch ins Achtelfinale hinein. Seither schätzen die Mexikaner die Südkoreaner sehr. Und wenn die Südkoreaner geschätzt werden, dann schätzen sie eben zurück.Wohin das noch führen soll mit dieser besonderen Freundschaft? Aus Mexiko-Stadt erreichen uns jedenfalls Berichte von koreanischen Fußballfans, die sich zum Beweis ihrer Zuneigung von Straßenschildern und Laternenmasten herab akrobatisch auf den Asphalt stürzen – im Stile von Lucha-Libre-Wrestlern.